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Schlaf die alte Wunde

Jede Nacht bricht sie auf wie ein

Helikopter der den Boden absucht

Bis er mich baden sieht

In Lethes Weiten

 

(Matthias Buth. In: Altershalber. Gedichte auf acht Jahrhunderten. Hrsg.: Helmut Zwanger und Henriette Herwig. Klöpfer&Meyer Tübingen 2015)

Sommer, noch nicht unhaltbar entschwunden.

Der Besuch gestern, das schöne, muntere Geplauder beim Kaffee unterm Nussbaum.

Von den Winzerhöfen zogen Mostschwaden mit erdigem Abgang zu uns, die wir von alten WG-Zeiten erzählten, was damals geschah, als wir noch von Unsterblichkeitsgedanken so frech und revolutionär protzig das Proletariat verehrten, Bella Ciao sangen. Nach den Architekten der Einfamilienhäuser Ausschau hielten wenig später, und die Altersmarotten der Eltern belächelten. Die Töne wurden leiser, nun zogen die Wilden Schwäne schräg an den Karriereleiterchen vorbei und sie haben den Willy erschlagen.

Derlei Dinge kamen zur Sprache, samt den entzückenden Marotten der Enkelchen.

Die damals fetzenden Sprüche eines gemeinsamen Therapeuten. Ich war die Geierwally, die anderen Gandhis Essensträger, die Nutten mit dem Mercedes-Coupe, der Steuerfahnder vom Kaiserstraßenpuff, für jeden gab es empörende Titulierungen, die schnell und bombastisch eingefahrene Muster platzen ließen. Viele machten auf dem Absatz kehrt, erst recht, nachdem sie das bioenergetische Urgeschrei gehört hatten in den Gestaltgruppen.

Wir haben viel gelernt, können in aller Ruhe Nüsse sammeln und ganz bewusst den Dreck weglassen. Für einen Sonntagnachmittag lang.

Gemeindeschwester

Meine schöne Septemberlieblingskleinstadt machte mir gestern Bauchweh. Finstere Gesellen durften dort, von einer Unmenge Polizisten gut beschützt, demonstrieren. Die Rechte, so nennt sich diese fiese Gruppierung. So hautnah das mitkriegen ist was ganz anderes wie in der Zeitung davon lesen.

Zum Glück gab es zahlreiche lachende Gegendemonstranten.

Und im Städtchen, in dem normalerweise viele afrikansiche junge Männer spazieren, war kein einziger von denen zu sehen.

Im Cafe, in dem wir grad saßen, als es draußen lauter  wurde, tönte ein Handwerker unüberhörbar: Ey, die Deppe, die solle lieber was schaffe gehe! Er meinte die Demonstranten, alle.

So mancher aus größeren Städten mag über meine Mimosigkeiten lächeln. Politische Ungebildetheit mit linker Bauchwehwildangst führe diesmal nicht zum Bettdeckenzuziehsyndrom!

Meine Freundin sagte laut in meiner Stammbuchhandlung, als ich ihr deren Verkaufsschlagerliste zeigte mit besagtem ersten Platz (Sarraz.), nachdem sie gefragt hatte: Kann man als Buchhandlung auch den Verkauf bestimmter Bücher boykottieren und die Buchfrau mit schiefer Lippe meinte, dass man es selbstverständlich könne: Hier kaufe ich heute nichts mehr!

Ballonseide

Kasper

Gestern dieser Frisör, der so sorgfältig langsam mit weichen Filzfingern mein Haar bearbeitete. Das enorme Gewitter, noch nie in einer Fußgängerzone erlebt, man stellt sich unter vor dem Geschäft eines Hörgerätemenschen, dessen zwei Hunde an die Tür kommen, neugierig die Unterstellzufallsgemeinschaft betrachten. Das kurze Gespräch mit dem Buchhändler über den ersten Platz der Verkaufsliste, noch am Tage des Erscheinens habe er drei Sarrazbücher zurücklegen müssen. Weiter ging es auf der Landstraße, die teilweise schlammwasserüberschwemmt war hin zur alten Mühlenfreundin, die zwei Huhnmütter mit je einem gelben Purzelküken im Hof rumlaufen hatte. Einen Apfelstreusel freihand gebacken gab es und dunklen Herzklopfkaffee unter ihrem Afrikaregal. Wir gestehen uns gegenseitige Liebe – und dass wir uns haben.-

„Selbst fruchtbar sein heißt sich selber zerstören, denn mit dem Entstehen der folgenden Generation hat die vorausgehende ihren Höhepunkt überschritten; so werden unsere Nachkommen unsere gefährlichsten Feinde, mit denen wir nicht fertigwerden, denn sie werden überleben und darum unfehlbar uns die Macht aus den entkräfteten Händen nehmen.“

(C.G. Jung, Wandlungen und Symbole der Libido)

Groll

Kaum aus dem Bett, auch schon raus in den Kopfsteinpflasterhof, die Yogabeutelarme ausbreiten, tief Luft holen und den Tag begrüßen, während hoch sitzende Traubenlesmaschinenmänner über die Mauer gucken.

Anschließend ein wenig wenig elanig am Klavier herummangelsdorffen, dann sich gewaltig türmende Gewitterwolken mit Mucksmäuschenregensehnsucht betrachten.

In derzeitiger Lektüre von Listen der außergewöhnlichsten Sorte lesen. Zum Beispiel von einer Liste, auf der Männer mit schönen Händen gesammelt sind. Oder die halbrussischen Sprüche und Ansagen einer alten Mutter. Wie mir das gefällt! (Buch: Die Listensammlerin, von Lena Gorelik)

Langsam einen dumpfigollen Schnellbrühkaffee trinken, dann weiter Nüsse einsammeln vor dem Eventuellregen, der die schwarzen Stellen an den Schalen noch glitschiger machen würde.

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