Eines Tages wird sie zwischen den Buchdeckeln bleiben

 

Meta schlüpft aus dem Lusthaus und schleicht ins Haus, die Stiege hinauf, auf nackten Sohlen. Aus der Küche dringt Mamas Stimme, die Nandis verschlafene Fragen beantwortet. Nandi hat es gut; besser, man denkt nicht daran. Schon ist sie in ihrem Zimmer, drückt die Tür hinter sich zu, und gleich darauf liegt sie auf dem Bettvorleger und liest in David Copperfield. Meta vergißt, was geschehen ist, und das Buchstabenmeer schlägt rauschend über ihr zusammen. Ihr Herz schlägt jetzt im kleinen David, und ihre Hand schiebt seine schwarzen Locken aus der Stirn.

Lange Zeit später ruft Mama zum Abendessen. Das Zwitterwesen David-Meta wird grausam auseinandergerissen. David erstarrt zu einem flachen Bildchen, und eine verwirrte, rotwangige Meta stolpert benommen die Stiege hinunter. Eben war sie mitten in einem Gespräch mit Mister Dick, und jetzt muß sie sich zu einem lächerlichen Eierschmarrn begeben. Das Leben ist ein schreckliches Durcheinander. Man sollte sie nicht immer so plötzlich von David trennen. Eines Tages wird sie zwischen den Buchdeckeln bleiben, und eine leere Hülle wird am Tisch sitzen. Möglicherweise wird kein Mensch es bemerken. Dieser Gedanke ist beängstigend.

Erst al sie mit der großen Zehe gegen die Türschwelle stößt, kommt sie schmerzhaft zu sich.

 

(Marlen Haushofer. In: Lese-Glück. Eine Anthologie über den Himmel auf Erden. Hrsg.: Doris Maurer. Klartext Verlag Essen 1996)

Von einem, der auszog, das Fürchten zu lernen

Zwei Bücher sind`s, ein dickeres und ein kleines, leicht olles Taschenbuch.

Das erste ist eine mitunter brutale Schilderung aus dem Leben eines alkoholsüchtigen Psychiaters in Bulgarien: Alkohol. Von Kalin Terzijski und Dejana Dragoeva. ink press Zürich 2015

Das zweite ist die Beschreibung einer Wahnsinnszeit aus dem Leben von Curt und Jane Vonnegut: Engel ohne Flügel. Bastei Lübbe Bergisch Gladbach 1989

 

Ansonsten stöhne und keuche ich wegen der Immernochofenheizerei herum und schnaufe an der sehr frischen Luft gekonnt und tief ein und aus.

Ein sehr eigensinniger, lieber Mensch aus unserem weiteren Bekanntenkreis ist plötzlich tot, wer darüber nachlesen will:

http://www.allgemeine-zeitung.de/lokales/alzey/vg-wonnegau/bechtheim/erinnerungen-an-bernd-fritz-den-bechtheimer-buntstift-schummler_17830225.htm

Frieden

 

Ich schlafe mit dir. Du schläfst mit mir.

Wir schlafen miteinander. Kindliches Wort.

Frieden: kein Wildern in fremdem Revier.

Ich nur mit dir. Du nur mit mir.

Die Welt ist ein bewohnbarer Ort.

 

(Eva Strittmatter. Beweis des Glücks. Gedichte. Eine Auswahl. Verlag Philipp Reclam jun. Leipzig 1988)

Fernsehen

Würfelzucker

Snapshot

 

Ein paar einprägsame Fotos werden

immer geschossen aus solchem Anlaß

etwa an einer Straße wo dann zwei

Männer liegen wovon der eine noch

lebt während das Foto geschossen wird

 

(Harald Hartung. In: Schau an, die Zeit! Gedichte und Fotografien. Hrsg.: Ulrichadolf Namislow. Reclam Stuttgart 2016)

Flaniermeile

„Meine Freunde sind komisch mit Büchern. Sie lesen alle Bestseller, und das so schnell wie möglich, ich glaube, sie überspringen viel. Und sie lesen nie etwas zwei Mal, weshalb sie sich ein Jahr später an kein einziges Wort mehr erinnern können. Aber sie sind tief schockiert, wenn ich ein Buch in den Papierkorb werfe oder es fortgebe. Wie sie mich dabei ansehen: Man kauft ein Buch, man liest es, man stellt es ins Regal, man öffnet es nie wieder im ganzen Leben, ABER MAN WIRFT ES NICHT WEG! NICHT, WENN ES EIN GEBUNDENES BUCH IST! Warum nicht? Ich für meine Person kann mir nichts weniger Heiliges vorstellen als ein schlecht oder auch ein mittelmäßiges Buch.“

(Helene Hanff, 84, Charing Cross Road, 1970)

Das ist eine Aufschrift des Aufbau-Literaturkalenders 2017.

Meine Freundin brachte mir ihren leicht zerlesenen Band eines Bestsellers mit, weißt schon, von diesen kleinen Neapelfreundinnen. Ferrante und so.

Mal sehen, ob ich es zumindest querlese. Man hat ja Zeit bei diesem Krassfrierwetter.

Treibholz

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