In einer Vitrine in Marbach sah ich, dass sogar schon Eduard Mörike verschiedene Schreibuntergründe ausprobiert hat. Blätter, Federn, was weiß ich. Nehme mir den neuen Katalog eines Biomodewäschetextilunternehmens her und schreibe Sachen auf teure Mohairpulloverbilder, Deich- und Rhönschaf-Mongolei-Jurtensachen, überall dorthin, wo es hellere, leicht freie Papierflächen gibt.

Zeit für Cocooning auf der Perkalbettwäschenseite, oder dem Merinomäntelchen, sündhaft teure Alpakavornehmstrickkleidung. Einfach irgendwelche Worte aufschreiben. Zum Beispiel, dass die Klassenbucheinträge früher den Beruf des Vaters enthalten mussten und im anderen Deutschland die Spalte „soziale Herkunft“ hieß, mit einem großen i , für Intelligentia, und einem großen a für Arbeiter, stand. Nach Außen sei das A stets fürs persönliche Fortkommen besser gewesen.

Vom Deichschaf zur Klassenbuchbedeutsamsspalte, wie kam nun das? Vielleicht so: eine Art Unbeholfenheit im Kontinuierlichtextschreiben.

Von meiner Lieblingsseminarleiterin im Weiterbildungshaus:

quietschfidel

Mutter

Ich sehe dich in einer Kerze Licht

im Rahmen einer dunklen Türe stehn.

Du spürst die Kühle von den Bergen wehn.

Du frierst ja, Mutter …dennoch weichst du nicht.

….

Du schaust mir nach, der in die Nacht enteilt,

In dunklen Schicksals ungewisse Frist,

mit einem Lächeln, das nur Weinen ist,

mit einem Schmerz, den keine Vertrauen heilt.

….

Ich sehe dich in deiner Liebe Licht

im Zittern deiner weißen Haare stehn,

du spürst die große dunkle Kühle wehn –

….

und langsam, langsam senkt sich dein Gesicht.

Noch immer leuchtet fern der Kerze Schein –

du frierst ja, Mutter … Mutter – geh hinein …

(Albrecht Haushofer)

Schaut man sich sein Leben an…alle Achtung! –

Einmaligkeit

„Ihr eigener Vater war einen Monat vor der Geburt ihres ersten Kindes gestorben. Er hatte einen Brief an dieses unbekannte Enkelkind geschrieben, die Schrift kaum lesbar vor Schmerz. Dieser Brief ergriff sie jetzt mehr als jemals zuvor. …Auch wenn ich niemals einen Blick auf dich werfen werde, hatte er geschrieben, werde ich dich immer lieben, dein Leben lang. Er hatte vorausgesehen, dass seine eigene Fähigkeit, jemanden zu lieben, enden würde. …Plötzlich wurde ihr klar, dass das das Schlimmste am Tod war…ihre Kinder nicht mehr lieben zu können…., schlimmer noch, als nicht mehr lachen oder atmen oder küssen zu können. Ihren Kindern keine Liebe mehr geben zu können, kam einem existentiellen Ersticken gleich.“ (aus einer Erzählung im Buch „Hotel Seattle“ von Lily King)

Gemütlichkeit

Da geht eine über die nasse Wiese und sammelt leicht hölzerne Herzinfarktmedikamente. Sollen doch fünf Walnüsse am Tag dagegen helfen. Es sind zahlreiche kleine, zu kleine dabei, trockenheitsbedingt, und dann die mit der schwarzen Matschhülle, in der winzige, sich windende Walnussfliegenmaden krabbeln. Einige davon starr in der Vogeltränke.

Im Wald die Maggigerüche. Stelle ich mir so vor, von Grunzwildschweinen herbeigeeichelt.

Ich weiß noch nicht, ob ich mir die begeistert aufgenommenen Lebenserinnerungen von Werner Herzog und Edgar Reitz beschaffen werde, suche eher welche von buntwilden Weiberchen. Aber Reitz reizt mich schon…

Lese bei der guten alten Anais Nin, warum ich schreibe: (auch, warum ich seit jeher in die Büchereien gelaufen bin und mit schweren Taschen wieder heim…)

„Ich glaube, man schreibt, weil man eine Welt schaffen muß, in der man leben kann. Ich konnte in keiner der Welten leben, die man mir anbot – die Welt meiner Eltern, die Welt des Krieges, die Welt der Politik. Ich mußte mir eine eigene Welt schaffen – gleichsam ein Klima, ein Land, eine Atmosphäre, in der ich atmen, herrschen und mich regenerieren könnte, wenn mich das Leben vernichtete.“

(aus „Die neue Empfindsamkeit. Über Mann und Frau“ von Anais Nin von 1985)

Loyalität

Die eine Lieblingsbäckerei war plötzlich geschlossen. An der Scheibe hingen zwei Zettel. Auf dem einen stand:

Wir Habecken jetzt! Wir backen nichts mehr und verkaufen nichts mehr, aber wir gehen nicht insolvent…

Das wäre eine tolle Sache…

Auf dem anderen:

…wir frieren unsere Mitarbeiter ein und tauen sie im Frühjahr wieder auf…drauf noch ein Frieremjoy.

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