Feilschen

Einer fällt auf die Penisverlängerungsanzeigen rein, nun hängt da ein Klumpen stinkendes Vereitertes. Wie es weitergeht, wird sich weisen. Eine einzige, versehentlich verschluckte oder eingeatmete Asbestfaser gereicht für eine spätere tödliche Krebserkrankung. Auch das erfahre ich im aktuellen Nachttischbuch „Dieses Leben, das wir haben“ von Lionel Shriver.

Das tägliche Poesielesen tut mir gut. Gleichwie das Spielen mit dem Enkelkind, das Schauen in den Himmel, das Nachdenken über Familiensachen, Filme, Winzertätigkeiten in der Umgebung; bald Mostgeruch und Geschrei im Nebelweinberg, oder plötzliches Auftauchen der Monstertraubenerntemaschinen im Gegenverkehr auf der kleinen Landstraße.

Vielleicht gelingt mir nächste Woche im Kloster Maulbronn das Auffinden eines bis dato unbekannten Manuskripts von Hermann Hesse, wenn nicht dort, finde ich im Marbacher Literaturarchiv den Poesieautomaten von Enzensberger. Sicher Bemerkenswertes all derer, die nie etwas von Penisverlängerungen hörten, die trotzdem nicht klein bleiben mussten. Abermals ist der Quark abgelaufen!

Wer mal einen Briefumschlag nähen würde wollen, findet hier ein Foto: http://seelenruhig.eu/

Aberwitz

„Poesie wie Brot? Dieses Brot müßte zwischen den Zähnen knirschen und den Hunger wiedererwecken, ehe es ihn stillt. Und diese Poesie wird scharf von Erkenntnis und bitter von Sehnsucht sein müssen, um an den Schlaf des Menschen rühren zu können. Wir schlafen ja, sind Schläfer, aus Furcht, uns und unsere Welt wahrnehmen zu müssen.“ (Aus den „Frankfurter Vorlesungen“ der Ingeborg Bachmann, zitiert in: Christa Wolf „Lesen und Schreiben“ Aufsätze und Betrachtungen. Edition Neue Texte. Aufbau Verlag Berlin und Weimar 1973)

 

So etwas kommt zutage, purzelt wie eine elfenbeinfarbene Perle aus einer Strandfundmuschel, wenn ich an meinen überfüllten Buchregalen entlang streune, hier und da etwas herausziehe.

Abgelaufenen Quark vermache ich dem Komposthaufen, olle Bücher der Grauen Tonne, mir wertvolle bleiben hier, weniger geliebte klemme ich in die bereitstehenden Taschen für die beiden öffentlichen Bücherschränke im Nachbarort.

Neulich habe ich dem Enkel den mir unterhalb des Ellenbogens eingewachsenen Westerwalddreck gezeigt. Schotterkörnchen, von einem Fahrradsturz. Oma, warum hast du das nicht rausgemacht, seine Frage. Weil, weil…es hätte zu weh getan, meine Antwort. Er hat gespürt, dass mir solche Lebensspuren viel bedeuten.

Achillesferse

Tatsächlich fühle ich mich nicht nur in meinem alten Bauern-WG-Familiengebäude geborgen, sondern auch blogmäßig verbandelt mit einigen in meiner Linkliste, mit einigen, deren Blogeinträge ich fast täglich lese, mit einigen Mailfreundschaften, die sich entwickelt haben, mit den Wahlverwandtschaften eben!

Da findet ein hungriges, im Müll wühlendes Kind ein paar abgetrennte Schwesternfrauenbeine (ein älterer Kerl hatte seine etwas jüngere Schwester getötet und zerteilt), da versucht eine französische Philosophin zwei ertrinkende Kinder zu retten und kommt dabei selbst zu Tode – http://www.spiegel.de/kultur/gesellschaft/philosophin-anne-dufourmantelle-ist-tot-a-1159771.html

All das könnte ich mir ersparen zu erfahren. Weiterhin will ich aber Leserin und Radiohörerin bleiben.

Meine ausgewählten Blogs bringen keinen Verdruss. Eher das Gegenteil, wie oben schon gesagt.

Kunstsachen, Buchbesprechungen, Lebens- und Sterbensdinge – man kommt Absurditäten näher, obwohl ich fast nur in artigen Blogs lese. Da muss man nicht schamhaft die Lider senken, oder bis zum Oberschenkel erröten, auch Grausamkeiten bleiben außen vor. Menschen mit vernarbten Gliedern traf und treffe ich, am ergreifendsten geschildert im Buch „Ein wenig Leben“ von Hanya Yanagihara. Die in meinem Umkreis, die Sichselbstverletzenden, die hungern nach dem richtigen Leben und können es partout nicht finden. Ihr Leben ist still und rasend zugleich. Versehentlich zielsicher traf ich auf solche. Schnippisch selbstgefällig schauen scheinbar Gesunde auf sie herab. Ach, Ihr Leute, ich weiß nur zu gut, dass man sich unsichtbar für Außenstehende grauslich verletzen kann…

Die, die ihre mit Feinseelengold ausgeschlagene Geborgenheitshöhle haben, was für ein Glück haben die!

„Die Höhlenkinder“ – Lieblingsbuch meiner Schwester, früher, für einige Zeit. Auch die Lebenswege der kleinen Dott wurden gelesen vor zahlreichen Karl May Bänden.

Jetzt höre ich das hier:

In uralten Seen

 

In uralten Seen

Hausen die traurigen Fische

Mit den Augen aus Furcht

 

Indessen die rosa Hügel rundum tanzen

Wie die Hügel der Bibel

 

Auf Schaumpferdchen schaukelt

Ein kleiner Wind –

 

Aus unseren uralten Augen

Lächelt es golden

Doch darunter haust eine traurige Furcht

 

(Yvan Goll. In: Der neue Conrady. Das große deutsche Gedichtbuch. Hrsg.: Karl Otto Conrady. Artemis & Winkler. Düsseldorf und Zürich 2000)

Konditor

meschugge

Gut gedrillt

 

Ein Mensch steht stumm, voll schlechter Laune,

An einem hohen Gartenzaune

Und müht sich mit gestreckten Zehen,

In dieses Paradies zu sehen

Und schließt aus dem erspähten Stück:

Hier wohnt der Reichtum, wohnt das Glück.

Der Sommer braust im hohen Laub,

Der Mensch schleicht durch den Straßenstaub

Und denkt, indes er sich entfernt,

Was in der Schule er gelernt:

Daß bloßer Reichtum nicht genügt,

Indem daß oft der Schein betrügt.

Der Mensch ist plötzlich so bewegt,

Daß Mitleid heiß sich in ihm regt

Mit all den armen reichen Leuten –

Er weiß es selber kaum zu deuten.

Doch wir bewundern wieder mal

Dies Glanzdressurstück der Moral.

 

(Eugen Roth „Ein Mensch“ Heitere Verse Carl Hanser Verlag München 1954 – 534.-554. Tausend)

Archive