Ich erinnere mich an Rollschuhschlüssel  (aus dem Buch „Ich erinnere mich“ von Joe Brainard).

Meine wären:

Ich erinnere mich an deftige Ohrfeigen.

Ich erinere mich an das Kirmesfahrgeschäft, wo man an die Seite gedrückt wurde, das Berg- und Tal fuhr, auch rückwärts und wo ein Dach kurz dunkel machte.

Ich erinnere mich an das Fingerhutschützerchen meiner Nähmutter.

Ich erinnere mich an den Modergeruch von Stinkmorcheln.

Ich erinnere mich an das Rubensgemälde, vor das sich laut Museumsaufsicht Erwachsene mit ihren auseinandergehaltenen Mäntel schützend gestellt hatten. Kinderaugen…(eine erwachsene Tochter gibt ihrem alten Vater, der im Gefängnis sitzt, ihre Brust und nährt ihn).

Ich erinnere mich an meine Volltrunkenheit beim Weinfest in Deidesheim, bei dem ich …ach, ne, schweig still.

Ich erinnere mich an Stehbluespickeljungs in Bravoposterkellern.

Ich erinnere mich an den nackten Philosophen auf dem Hochsitz.

Ich erinnere mich an meinen Wunsch, an lauten Straßen wohnend, alles aus dem Fenster zu werfen, damit es für einen Moment still wäre.

Ich erinnere mich an blaue Lippen in Schwimmbädern.

Ich erinnere mich an mein kraftvolles Wahnsinnsgebrüll während der Geburten.

Ich erinnere mich an das Abbrennen der schönen Bauernhäuser vor dem Bau der Talsperre und die davon unberührt blühenden Weidenröschen.

Ich erinnere mich, dass ich eine Andere war.

Ich erinnere mich, dass ich die Füße meiner toten Großmutter so wunderbar fand.

schwer erziehbar

Da ist er, der 10.10.- auf den Tag genau vor vierzig Jahren, waren wir auf dem Standesamt. In nicht dafür geeigneter Kleidung, die Trauzeugin gar in kaputten Jeans, der Standesbeamte hatte Trachtenhornknöpfe an der Lodenjacke. Danach ging jeder seiner Wege. Beinah wie eine Scheidung. Was folgte: siehe Überschrift. So kam es dazu, dass ich heute mit einem fröhlichen, überaus gepflegten, großzügigen, verständnisvollen Herrn eine Partnerschaft auf Augenhöhe führe. Kleine Auf- und Abs inbegriffen, aber keine gewaltige Infragestellung mehr. Nicht, dass wir jeden Abend volltrunken unterm Tisch liegen oder obendrauf tanzen, alles läuft in ruhigeren Bahnen. Wobei er noch immer wilde Abenteuer durchwandern will und ich nur im Sauerland ein wenig schlendern.

Wobei er die tollen Feinkoffer packt und ich die gewebten Hippietaschen mit Paisleymuster und Städtewappen drauf. Wobei er mit früheren Kinderpsychiatern filosofierend die Tunnel von Madeira durchquert und ich das Goldene Ei vom Waldskulpturenweg durch die Tannen funkeln sehe, so gern und mit der Schwester, der einzigen fast, die ich habe.

Das Leben läuft noch, wer weiß, wie lange. Deshalb machen wir uns in aller Ruhe auf die Wege!

Wenn ich zu ihm kam, stand er gedankenschwer vom schreibtisch auf. ich hatte geduscht, er hatte gedacht.

„Ja, vielleicht liegt mir gar nichts an einem anderen menschen“, sann er einmal. „aber ich brauche manchmal auch wärme und feuchtigkeit.“

Ein mensch, der wärme und feuchtigkeit braucht – was gibt es dagegen zu sagen?

(Verena Stefan, Häutungen, 1975)

Auf dem Kalenderblatt für die vergangene Woche. aufbau Literaturkalender 2017, gefunden unter einem Foto der jungen schönen Verena Stefan

Bällchenbad

Buchherbst

 

Broschierter Oktober –

alle Rechte

behält er sich vor,

Blatt um Blatt:

Noch einmal

blühen die Feuilletons auf,

bevor sie verwelken.

 

(F.C.Delius. In: Oktober. Gedichte. Ausgewählt von Evelyne Polt-Heinzl und Christine Schmidjell. Reclam Stuttgart 2013)

Justizirrtum

Was ich alles darf, meine Fresse. Mich vor den Fernseher schmeißen und Scheiß gucken. Grobes Käsesägemehl machen. Meiner abreisenden Freundin nicht winken. Beim Gehen schlingern. Vom Kuchen nur das Schmandobstgefüllsel essen. Im alten Adressbuch konsequent kritzeln, ausstreichen, ja, ganz Seiten entfernen. Klein reißen und zu den Regenwürmern und Asseln auf den Kompost werfen.

Dunkelrote Samthosen tragen, lachen über Sprüche wie eben der von einem Kabarettisten: Eine Brücke bauen und auf den Fluss warten.

Jemandem mitteilen, dass ich fürderhin keine Klagemauer mehr bin.

Dass ich keine Jugendslangworte mehr gebrauchen will, so krass, jetzt chill mal alte Mudder.

Dass ich Romane mit Schilderungen von erotischen Begegnungen noch und noch lesen mag, auch und besonders mit schrägen Glitschthematiken.

Dass ich Enkelfotos nur in den seltensten Fällen rum zeige.

Nicht immer wieder erzählen, dass ich am Grab von Jimi Hendrix war.

Nicht dauernd versuchen, im Herbstesleben meinen Hochsommer wiederzufinden. Es gab zu viele Fehlzündungen, bis mein Leben in ruhigeres Wasser geriet. Aber immerhin!

Und wie eine Bachforelle an einem Ort stehenbleiben, ist nicht drin. Obwohl, sie schnellt mitunter schnell entweder in dunkle Verstecke oder hin zu den Sonnenflecken im Bach.

Immer wieder gern dieses Wandeln im Garten und Hineinversetzen in Bettine von Arnim oder in Ruthild Weber vom Damenturnen.

Abschiedliches Intensivleben.-

Schwebebalken

Die Künstlerin will, dass wir sie, ihren Leib in Gestalt dieser Makrönchen, essen. Einer hat sie schon probiert, und meinte, sehr süß, wie parfümiert, im Abgang etwas muffig. Im Ernst, es gibt Marina-Abramovic-Makrönchen. Ich finde, diese wundersame Seltsamfrau kann sich gut vermarkten. Ein Beispiel dafür, was die Omma immer sagte: Es gibt Nichts, was es nicht gibt.

Davon lesen und mit dem Enkel Tiroler Roulette spielen ist immer noch besser, als hammerüble Neuigkeiten mitzukriegen.

Der Holzkreisel verbringt flink die Kügelchen in diverse Stellungen.

Ich erzähle ihm von dem kleinen Martin, der seine selbstgemalten Bilder mit Leberwurst an die Wand klebte. Damals las ich das in dem Allerliebstbüchelchen „Martin“ von Manfred Hausmann.

Richtig kleine heile Welt.

Die Kekse, die wir dabei knabbern, schmecken nach Wurzelsepp und Hindelang.

Leicht adventlich im Abgang.

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