Rastlosigkeit

Die eine Hand zittert ein wenig, die andere hängt Riesenschlüpferchen auf. Altersschlummer lähmt, Gedanken schaffen sich Ecken ohne Bedrohung, wollen frei herumdenken. Die fluide Intelligenz geht flöten, schnappt sich vom Kaiserschmarrn paar duftige Almdudelflöckchen.

Die Brieffreundin der Mutter fällt mir ein, die Else mit den undurchsichtigen Nahtstrümpfen, anbei die Kaffeeklatschthemen der mittelbetuchten Freundinnen:

Strickmuster – Fensterputztechniken – Buttercremetortenrezepte – Danke, bitte nur ein schmales Stückchen, ich muss auf meine Linie achten – dabei war sie ein dürres, gleichschenkliges Dreieckskonstrukt – demente Eltern, die sich statt Niveacreme Schuhdeckweiß ins Gesicht schmierten – Ehegatten, eine hatte ihren ins Heim gegeben, weil er sie nicht mehr erkannte und begonnen hatte, die Tapeten von den Wänden zu reißen. Wenn die nicht dabei war, gab es darum ein gehässiges Gezeter.

Wie schrieb der Kitschrosenpapier liebende Knastbruder: Er liebe mich ewiglich und kannte mich nicht.

Ich naives Ding soff derweil den Gin aus dem Weihnachtspräsentkorb des Vaters, dazu Portwein aus dem Sack und ein Mescalinpilzchenpulver ab und an. Das indianische Castanedamonster raste auf mich zu, ich wollte es mit der Nachttischlampe erschlagen und merkte im letzten Moment, dass es meine kleine Schwester war.

So viele Flugspuren am Himmel wieder!

Biodiversität

Wenn man Pflanzenzeugs sofort an Ort und Stelle klein schnibbelt, ist das eine flächige Kompostierung.

Wenn man nach ungefähr paar Jahren vor der Gartenmauer ein Hochzeitshupkonzert hört, staunt man. Ganz vergessen, dass es sowas gibt.-

Noch nie gesehen, jetzt auf einem Foto: Meeresstrand mit Stehplätzen. In Mumbai, am Wochenende. Vielleicht wird`s hier auch so heiß demnächst? Am Baggersee stehen sie dicht gedrängt, ab und zu wogt eine Teilmenge ins Wasser, samt Hund und Verwandtschaft. Schweiß- und Sonnenölschlieren zuhauf.

Ich las auch: Manchmal haben junge Paare in wilder Ehe sich nix mehr zu sagen und heiraten einfach mit einem Mordsevent. Dann haben sie zu reden bis ans Ende ihrer Tage. –

Brustwarzen

Heute früh seien im Garten Hunderte winzige Sauriergeschöpfe rumgehüpft, erzähle ich dem traumlosen Enkel, er glaubt es nicht mehr, er grinst schief und wissend, baut dabei an seiner Legosaurierstation, während er Gurken- und Paprikastückchen verspeist.

Mir ist die fluide Erzählfantasie ein wenig vertrocknet. Wie beinahe die Felsenbirne, Hasenglöckchen und das Taschentuchbäumchen. Sorgsam mit Gießkannen herumgehen. Bei gewissen Pflanzen an gewisse Menschen denken, Kaffeesatz untermischen und Vogelgesänge nicht unterscheiden können. Das zipfelige Nachtgewand ist dem schwarzen Bluesanzug gewichen. Die Freundin erzählt von Schwimmtreffmännergeschichten. Herzliches Lachen, besonders an der Stelle, wo die Gattin bald aus der Schlaganfallsreha zurückkehrt und wieder mitschwimmen kann. Ihr war beim Frühstück die Kaffeetasse aus der Hand gefallen und sie konnte das nächste Wort nicht mehr sagen. Gesprächsinhalte ändern sich, sogar im Chlorduftgewässer.

Holzkaffeemühle

Eine Szene, ich glaube, aus einem Monsieur-Hulot-Film:

Da hat er eine Stehlampe gekauft und transportiert diese in einem vollbesetzten Bus. Als er mit seinem Erwerb aussteigen will, geht das nicht, weil sich einige Fahrgäste an der Lampe festhalten. -Vermeintliche Haltestange, was sie in ihrem täglichen Tran nicht bemerken.

Endstation

Sei ganz ruhig

Sei ganz ruhig.

Das Leben besteht nicht aus Sensationen,

es läuft nichts davon.

es bietet keine verpassten Gelegenheiten,

es wird nicht einmal weniger mit den Jahren.

Dreh dich nur beiläufig um:

Es wird mehr.

(Angela Krauß. In: Schlimmstenfalls wird alles gut. Gedichte der Gelassenheit. Hrsg.: Clara Paul. Insel Berlin 2016)

Archiv