Bringschuld

frappant

Da gibt es ein Buch, das ich mir wahrscheinlich wieder (diese vielen Füllwörter!) als himmelreichisch vorstelle. Sollte also lieber versuchen, anstatt es zu erwerben ein solches selber zu schreiben. Gleich wieder die Frage, wer das lesen soll. Na, beruhige ich mich, es wird niemanden außer vielleicht ein paar Bahnhofsbuchhandlungsschnellkäufer, interessieren. Da müssten schon Wahnsinnsstoffe her, so mit knapp vor dem Erfrieren unterm Eis oder das Sterben der Freundin, die nach einem Bombenangriff in Syrien eine riesige Glasscherbe quer durch den Hals stecken hat (wie gestern hier gehört: https://www1.wdr.de/fernsehen/frau-tv/sendungen/themenvorschau-454.html im Beitrag über die syrische Frau mit den vier Töchtern, die endlich für sich selber sorgen kann).

Das Buch, das ich meine, heißt: Was soll das alles. Bargespräche. Vanessa Sonder & Patrizia Hausheer

Zwei studierte Philosphinnen unterhalten sich immer wieder in Bars und Cafes in Zürich. Es soll ein lebendiger, offener Wortwechsel sein und das Buch soll Lust machen auf die großen Fragen, als ob ich die nicht längst verloren hätte.

Stimmt nicht. Ich will sie neu beleben, das Leben mit Sinn füttern, wie der Großvater, der im Straßengraben die Löwenzahnpflanzen für seine Angorakaninchen ruppig in den Korb wirft…

Der Enkel meinte heute früh, er wolle mir seine Träume nicht erzählen, die wären für mich zu schrecklich. Vielleicht hat der fleischfressende Dinosaurier zugeschnappt.

Provisorium

THE RAVEN

 

Ein Vogel ist,

Den ich vor langen Jahren

Bei jenem grauen Turm

In London sah.

Er habe, sagten sie,

Zuviel erfahren.

Nun saß er schwarz

Und ohne Anteil da.

Doch heißt es,

Daß er stumm bei Tag und Nacht

Den alten Königsschatz im Turm

Bewacht.

 

Es ist ein Traum,

Den ich heut` nacht erfahren:

Nach allem Leid

Lag ich verloren da.

Verloren, sagten sie,

So jung an Jahren:

Weil ich den schwarzen Vogel

Wiedersah.

Nun weiß ich,

Welchen Schatz er stumm bewacht-:

Ich sah den Turm von innen

In der Nacht.

 

(Astrid Claes. In: TRANSIT. Lyrikbuch der Jahrhundertmitte. Herausgegeben und mit Randnotizen versehen von Walter Höllerer. Suhrkamp Frankfurt 1956)

Husse

Wolllädchen

Schwarze Krähen torkeln durch bewegte Lüfte. Segelflugschüler kennen sich auch aus mit der Thermik, benötigen kaum Statik.

Die Lehre vom Bleiben. Innerhalb der Spaziergangswissenschaften habe ich das studiert. Es gab Übungsseminare mit kurzfristig anberaumten Studienfahrten zu den Warmwiesenflanierorten ohne Einkehrmöglichkeiten. Unsere besten Studenten durften sich durch touristische Hochburgen bewegen, Rom und so.

Homestaystudents of Chillingarts erzählten gern von Nachtwunderträumen, besuchten Posamentenläden mit zauberhaften Knöpfen, Perlen, Schnüren und golden glitzernden Reißverschlüssen. Über den Wiesen tummelten sich luftkundige Schwalben, die vom Bordstein warfen in gekonntem Schwung ihre roten Stöckelschuhe in den Schoß des oberfaulen Gastdozenten Dr. Breggzisch. Herr Jandl schaute ernst und lachte mit den Grasfröschen.

Dazu der Satz von Peter Rühmkorf:

Um die Welt zu erkennen, brauchst du eigentlich deinen Fensterplatz gar nicht groß zu verlassen.

Schaumschläger

Wie einmal einer eine Waschmaschine brachte, die alte Türklinke zum Bad betrachtete, befühlte und lächelnd meinte: Oh, Haus mit Seele!

Wie innere Stimmen brüllen, mir bloß nicht zu wünschen, die Buchmesse in Leipzig zu besuchen!

Mich freuen an den beiden kleinen Bücherchen, die ins Haus gerieten:

„Bilden Sie mal einen Satz mit…“ 555 Ergebnisse eines Dichterwettstreits. Hrsg.: Robert Gernhardt und Klaus Cäsar Zehrer. (Beispiel: Messias: Baue ich ein neues Haus, Messias Grundstück erst mal aus)

Das zweite: „Hümmelchen oder Schneidteufel?“ Das Beste aus der ZEIT-Rubrik „Mein Wort-Schatz“. (Beispiel: Ich habe mehrere Lieblingsworte, aber eines benutze ich besonders gern: BLÜMERANT. Es ist zwar nicht weniger schlimm als bleu mourant, man fühlt sich aber nicht gleich so sterbend, sondern eher blumig schwebend. Erika Link, Stuttgart)

Das Worte erfinden mit dem Enkel macht große Freude. Oder ihm was spaßhaft befehlen mit verstellter Stimme. Er lacht und lacht, und wundert sich nicht, als während einer solchen „Sitzung“ plötzlich seine Tante aus Amerika mitlacht, per Videoanruf. Ganz normal für „neue Kinder“. Wundersam! Auch und gerade in einem Haus mit Seele…

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