Gerüchte

Mein Vater, das alte Verbenfalschmontiertier: beispielsweise sagt er, er sei gestern in die Gaststätte reingeströmt. Oder nach den Urlaubsbefindlichkeiten gefragt, meinte er, alles sei gut gewesen, nur der Herzschrittmacher seiner Schwägerin habe ab und zu gekräht.

Lila Erdbeeren gab es auch schon. Und als Kind die wundersamsten Vorstellungen, wenn er kurz vor einem Ausflug meinte: Jetzt satteln wir die Hühner und fahren nach Texas!

Der Enkel fährt plötzlich seine Fantasie aus, berichtet von Aktionen, die gar nicht gewesen sein können. Im Garten hüpft er über die Steinplatten und erklärt, da dürfe man nicht stürzen, das Meer sei voller Haie…Und am Vormittag im Kindergarten sei ein Zahnarzt gewesen, habe seine Zähne schön gemacht und ihm einen alten Zahn rausgerissen.

Vorfahren von mir sind ausgewandert, in Texas angekommen, so trifft sich alles wieder. Im museum of fine arts in Houston wandelte ich mal und fuhr in einen Garagenjazzclub dort über teilweise überschwemmte Straßen, weil die das mit den heftigen Regenfällen nicht in den Griff kriegen, und es war grad einer gewesen. Jetzt so unrealistisch geworden wie lila Erdbeeren.

Hallo Beatrice!

Jemand hatte die Idee (wie kommt man bloß drauf?)- nun ist es da:

http://www.notizbuchblog.de/2017/05/07/buch-faust-in-handschrift-ist-da/

Stofftaschentuch

An meinen Sohn

 

Immer, wenn ich an dich

das Wort richten wollte,

löste es sich nie von der Herzenswurzel,

als wäre

der Mund nicht dafür da,

es auszusprechen.

 

Verborgen vor den Blicken jedes Dritten,

nur dir sich zeigend, eifrig

lächelnd und in Tränen, mein Herz.

 

(Paula Ludwig. In: Poesie der Lebensalter. Gedichte. Ausgewählt von Evelyne Polt-Heinzl und Christine Schmidjell. Reclam Stuttgart 2005)

„Und dort, in dem Festsaal, roch es nach zu vielen Menschen, und es wurde lateinisch gesprochen, einige Männer hatten sich verkleidet und trugen seltsame Kopfbedeckungen, und hinter mir sagte einer, daß der Diplomingenieur nicht hinter dem Doktor zurückstehe, beides seien gleichwertige akademische Grade, und ich dachte, daß Rolf nicht nur Diplomingenieur war, sondern auch Doktor der Technik. Da wurde mir kalt, und am Abend jenes Dienstags konnte ich nicht mehr mit ihm schlafen. Seine Unterhosen fielen mir auf. Ich mußte mich wegdrehen. Gute Nacht, Zauber. Wohin geht die Liebe, wenn sie geht? In den Arsch? Sei nicht ordinär. Er war so stark, ich so schwach, alles so schön, und jetzt kann ich nicht mehr. Sei kein Kind, sagte Rolf. Wie mager er sich an mich preßte in jener Nacht. Geh zu einem Blinden und sag ihm: Sei nicht blind! Also gut, sagte der Dr. Dipl.-Ing. und drehte das Licht aus.“

(Brigitte Schwaiger: Wie kommt das Salz ins Meer. Paul Zsolnay Verlag. Wien Hamburg 1977)

traumatisiert

Vor einigen Jahren fühlte ich mich noch gleichaltrig mit mir, fuhr singend und schunkelnd zur Arbeit, im Autochen wackelte und dröhnte es so, dass die Kollegen auf dem Schulkundenparkplatz schräg schauten. Der mit dem Rad kam, lachte und hatte keine Wildunfälle zu bestehen, seine Feldhasenbremse funktionierte. Sein Lebenserhaltungstrieb allerdings setzte einmal kurz aus: er verbrannte sich am Strommast, jetzt Wegmarterl beim Vorbeikommen.

Blogrollmarterl gibt es nicht, obwohl ich einige kannte, begonnen mit „Altweibersommer“ und einer vom Hühnerhof. Leider kann man keine Blogfolgenden sperren, daher tummelt sich dort das komischste Volk, wenn es denn noch lustig wäre. Namen wie Burschenschaftsschmisse – oh my God! Pralle Edeldamen, Amazonen, Alleinwanderinnen wären mir lieber. Was soll ich sagen, die gibt es, unter wenigen edlen Herren, wie mich das freut!

Ebenfalls solche, die Herr Rainer Maria Rilke hier beschreibt:

 

Die Greisin

 

Weiße Freundinnen mitten im Heute

lachen und horchen und planen für morgen;

abseits erwägen gelassene Leute

langsam ihre besonderen Sorgen,

 

das Warum und das Wann und das Wie,

und man hört sie sagen: Ich glaube-;

aber in ihrer Spitzenhaube

ist sie sicher, als wüßte sie,

 

daß sie sich irren, diese und alle.

Und das Kinn, im Niederfalle,

lehnt sich an die weiße Koralle,

die den Schal zur Stirne stimmt.

 

Einmal aber, bei einem Gelache,

holt sie aus springenden Lidern, zwei wache

Blicke und zeigt diese harte Sache,

wie man aus einem geheimen Fache

schöne ererbte Steine nimmt.

 

Rollschuhe

An der Kasse im Supermarkt wurden merkwürdige Dinge in mein Blickfeld geschoben: Vegane Kondome, veganes Gleitmittel – oh my God, kicherkreischyammieyammie. Viel besser, was ich in meiner Kruschbücherstube in zweiter Reihe fand soeben: Das kleine dicke Buch der vierzehntausend Dinge, die einen glücklich machen können. Eine Barbara Ann Kipfer hat es dereinst in NY publiziert. Ich blättere darin und picke ein paar Glücksaugenblicksdinger raus:

wild flowers

felt puppets

cold hands, warm heart

pulse points

hanging popcorn balls on the tree

collages

building a dollhouse

older, atmospheric bars

crisp cotton dresses

flipping the record-selection flaps on the jukebox until told to stop

Jedenfalls bekamen wir gestern Abend aus der engsten Nachbarschaft einen köstlichen Glasnudelsalat serviert. Das war auch so ein Glücksding. Eh immer nur Augenblicke. Die nachwirken!

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