Schreibleute sammeln mitunter kuriose Zeitungsartikel. Gestern hätten sie einen feinen beifügen können, da raste nämlich ein Hirsch in Warnweste durch einen kleinen thüringschen Ort, und als eine Spaziergangsmutter sich schützend vor ihre Kinder stellte, bekam sie des Hirschen Hufe zu spüren.

Andernorts tötete ein halbtot geschossenes Wildschwein einen Jäger, indem es ihn in den Sumpf trieb.

Ich habe keine schrulligen Sammelmappen, was ich habe: eine gewaltige Zettelwirtschaft, die ab und zu von den gröbsten Sümpfen befreit wird per Phasendurchforstung.

Eben eine Sendung gehört zum Thema „Erwartungen an Weihnachten“. Omis und junge Mamis riefen an und der Psychoonkel am Mikrofon wollte beratschlagen, kam jedoch kaum zu Wort und fast keine Dame hörte ihm richtig zu. Unsägliches Drauflosgeplappere. Von ihren Erwartungen, wie beispielsweise, dass die über Achtzigjährige Clanmutter eine Gans für vierzig Leute zuzubereiten habe, wollten sie eh nicht weg. Die eine 70-jährige wollte den Heiligen Abend gerne alleine feiern, traute sich aber nicht, diesen Wunsch kundzutun. Achgott, achgott.

Im Garten flegelt sich noch immer satter Sauerampfer, sogar eine lange Kraftbrennnessel fand ich da samt einer einzigen lilaroten Leuchtlichtnelke. Über den Kompoststapeleien turnen Zwitschersperlinge und ich schlendere und suche Umarmbäume. Ein wenig sonderlich sollte ich mal langsam werden, nur sind die Baumrinden so schmierig feucht.

Jetzt geh ich meine Erwartungen betrachten.

mäandernd

Das Ende

 

Wenn ich mir, wie ich`s gerne tue,

ein Bild des Endes malen will

aus lauter Glück und Glas und Ruhe,

seh ich mich immer alt und still

 

vor fensterblinder Hütte sitzen

und unter einem alten Baum.

Die Immen summen, sammeln, schwitzen;

der müde Wind (ich fühl ihn kaum)

 

bewegt (bewegt er sie?) die Zweige,

aus denen Schlaf und Honig rinnt.

Ich atme Kanaan und schweige

und horche in die hohen Zweige

und höre, wie es summt und sinnt.

 

(Peter Gan. In: Der Ewige Brunnen. Hrsg.: Ludwig Reiners. C.H. Beck München 1955 und 2005)

schnurstracks

Zum ersten Mal lange Unterhosen, zum ersten Mal seit ewigen Zeiten auf einem Christkindlmarkt, weil ich da ein gewisses Tonhuhn für die Schwester erwerben wollte. Doch die Töpferin hatte nur Riesenklumpenhühner für 65 Euro eins, außerdem lachte sie gewöhnlich kreischig mit einer anderen Kundin. Da bin ich schnell weg. Vielleicht fang ich selber ein Rebhuhn und stopfe es aus.

Im fein warmen Cafe liebe Menschen von „früher“ getroffen, gemütlich geplaudert. Am Ende rauschte eine Dame im großen Stil auf die Kuchentheke los und rief, mit Blicken rauf und runter: Ist das alles wirklich glutenfrei!!  – Ne, alles mit Chinabrüllquark von grünen Lämmern gebacken, absolut unessbar. Vorm Cafe stank es erbärmlich nach altem Frittierfett, nix war vegan, nur schnell weg. Im Übrigen ist mir das egal mit dem vegan und dem glutenfrei, oder doch nicht so ganz, doch seit der Vincenz gesagt hat, dass da mächtige Geschäftsinteressen dahinter stehen, ziehe ich leicht die Augenbrauen hoch.

Der Enkel rast mit Leuchteaugen und seinem kleinen Schneebrett schippend im Hof herum, will gar nicht mehr in die warmen Stuben. Freude macht dieses Glück, noch mehr Glück, zuzuschauen, wie seine Eltern sich Schneeball werfend tummeln und lachen.

Da können Tonhuhnfrauen noch so schrill und vulgär lachen. Sicher hatte ich was in den falschen Hals gekriegt und die Kundin hatte gefragt, ob die Kunstwerke auch echt vegan seien!

Symmetrie

Pinscher

Ältere Bloggerinnen und Blogger sollten einmal die Wochen Laut geben, damit ihre jüngeren Leser nicht befürchten müssten, sie seien verstorben, irgendwo las ich das heute.

Das kann jedem passieren. Nicht nur uns Zwickhosengrauhäuptern, obwohl: wir sind näher dran.

Ich lobe mir jeden Morgen, an dem ich aus dem Omastall gegenüber den Hahn krähen höre, den Enkel trotzbrüllen und den Mann mein Gesicht streicheln fühle.

Und lesen darf in Büchern, ein Gedicht mindestens täglich, in ein paar ausgewählten Blogs über Irrungen und Wirrungen später Zöglinge des Lebens. Wo noch was normal ist, jemand nicht empört oder sonstwie gestört ist.

Dabei gelbe Aurikel, auch „Gamsbleaml“, lat.: Primula auricula,  genannt, betrachten. Auf einer Postkarte finde ich die, meine nun mehr und mehr in Demenz versinkende Cousine schrieb die mir vor 11 Jahren. Immer liebte sie die Natur, sonnte sich nackt in ihrem Wildgepfleggarten, hatte oft das Haus voll mit des Nachts über die Wiese tobenden Sinnsuchern und philosophisch äußerst angeheiterten Frohmenschen. Nurmehr sitzt sie im Sessel, redet fast nicht mehr, verblutet ab und zu beinahe. Wenn nicht grad ihr Gatte per Treppenlift im Weinkeller weilt, und ihre Verletzung mitkriegt. Er ist auch schon mal im Rollstuhl die halbe Treppe quer runtergefallen, sie toben also beide ihr Alter voll aus. Und weinen Tränen aus Trollinger und Grauweißschwarzburgunder immerzu.

Vor zwanzig Jahren, noch vor der Aurikelpostkarte, sagte sie mal diesen Satz: Jaja,  die  Einschläge kommen immer näher!

Inventur Silvester 64

 

Diotima hatte ein rotweißes Kleid an, weiß ich,

Sirius steht haarscharf im Süden nachher,

wenn die Glocken schlenkern.

Drei Jahre, zwei Pfund Lyrik,

während mein Staat schuftet und schwitzt.

Schluß mit der Kindheit.

Ich werde exportreife Radars mitbauen,

werde Mehrprodukt machen,

werde mitmischen.

 

(Peter Gosse. In: Lyrik der DDR. Zusammengestellt von Uwe Berger und Günther Deicke. Aufbau-Verlag Berlin und Weimar 1974)

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