Zwei Bücher habe ich in gewissem Lese-oder Anschaustadium, und zwar:

Evita Greco: Das Geräusch der Dinge, die beginnen: eine liebenswürdige leise Theaterliebesoma, die im Sterben liegt und die immer sagte, alles, was neu beginnt, macht ein Geräusch, wobei noch eine rauchende Krankenschwester eine Rolle spielt und ein undurchsichtiger Hallodri, der irgendwas mit Pharma macht.

Das zweite ist eine Art Collage, meist Comic, aber auch Text mit Fotos: Roz Chast: Können wir nicht über was Anderes reden? Meine Eltern und ich…Hier sah ich zum ersten Mal Zustände, die es auch in unserem alten Haus gibt. Wie es zum Beispiel im Badezimmerschränkchen aussieht. Oder eine ganze Schublade voller Deckel, alte Geldbeutel, Künstlerbedarf, bröckelnd oder da, die Seite mit den Stiften „So-o-o-o-o viele Stifte!!!!“ , die Schreibtische überhaupt. Dann die diversen Stadien der Eltern, erstmal alles verleugnen, später dann Verpuppung! und Ende!

Gleichzeitig Steinmännchen versuchen mit den drei Vulkanbröckchen aus Madeira und das Einbringen der Zimmerpflanzen, wobei ich so manche einfach ihrem Frostschicksal, das vielleicht bald über sie herfällt, überlasse, weil ich die nicht mehr im Haus haben mag. Was soll ein Gästeklogärtchen aus verzottelten Geldbäumen, ne, ne.

Der Nachbar bohrt und hämmert sich ebenfalls sein Winternest, dieser althippieeske Schokoladenfressnörgler. Ich glaube, der hat Erwachsenen-ADHS, er fängt so Vieles an, was dann unweitergemacht versandet. Von denen gibt es zahlreiche. Zum Glück vergisst er neuerdings das Schimpfen und Jammern, wenn man ihn nur anstrahlt und ihm eine Einladung zum Tee offeriert.

Abendliches Strümpfe stopfen, Hausmusik machen, Pfeife rauchend lesen unterm trauten Stehlämpchen, wie schön das immer im alten Lesebuch beschrieben war!

Vernissage

Atme und trage die Herbstzeitlosenkleider. Die haben das zarte Lila oder das Rentnerkackbeige, meinetwegen. Rühre zimtduftige Teige. Entkruste die Waldsternbärchenförmchen. Sei Großmutter. Extra dieses neue Berbenmakeup, das nicht in den Fältchen sich sammelt und über sieben Tage konstant überm Halstüchlein friert. Die Wechselwissenschaftler wollen dich nicht mehr billigfliegen und Autofahren lassen, die reden von einstürzenden Bergen und ausgetrockneten Flussbetten. Soll man die so bitter lassen? Alte Musik von Jethro Tull oder vom knallschönen Ringsgeorg lässt deine Kartoffelstampfküche beben, erst recht, wenn die Gelenkbusse vorbeifahren. Wann der Metallschrottsammler wohl das Licht der Lumpenwelt erblickt hat? Ob er seine Babyaugen gleich wieder geschlossen oder im Gegenteil weit aufgerissen hat? Jedenfalls schreit er über die ganze Straße. Meist kommen die aus Ludwigshafen, ziehen abends ihre Anzüge an und gehen zum Kulturprogramm.

Meine Mutter ist schon lange tot, starb auch in dieser Lumpenstadt, die Gerüche der Chemiefabrik vorm Fenster. So hell und furchtsam ihre wässrigen Augen zuletzt. Meine Hand will sie nicht.

Zuflucht suchen, Katzen betrachten.

In die Küche gehen, Kamillentee kochen, ein Eilein vielleicht. Die Müslipackung in Fetzen reißen. Letzte Flöckchen birchern hintern Herd. Ach, komm, doch lieber Kaffee!

wahrscheinlich

Da greife ich im Dunklen noch zart nach dem Bettnachbarn, da ist er schon fort und ich fasse stattdessen in eine beinahe körperwarme Postkarte. Beim abendlichen Lesen als Zeichen genutzt, war sie aus dem dedektivmauligen Roman gerutscht und er hatte drauf geschlafen. Ein Feuer brennt auf der Karte, ein kleines, munteres Feuer in einer dieser großen Schamottschüsseln. Mit einer solchen liebäugle ich, deshalb nahm ich die Karte irgendwo mit.

In meiner Lieblingssendung „ttt“ sah ich einen Beitrag zum Thema Soziale Ungleichheit. Schon lange schürt es mein inneres Feuer. Link dazu im ersten Kommentar. Solche einigermaßen wahrhaftige Sendungen haben einen späten Sendeplatz. Der Verdummungsmeinungsvielfaltentgegenwirkungsesel weiß, warum.

Meine Nacht- und Wachträume spielen in moosigen Großstädten, in schummrigen Wäldern, in dunkelrotsamtigen Etablissements, in Alaskakinos, Kräutergärten, sanftwilde Kinder singen zartstimmige Laternenlieder, Stupsnasenbabys weinen herzzerreißend, Kümmelmänner fegen Laub, Damen in schwarzem Leder turteln auf Brunnenrändern, der Rilketiger tobt hinter den Käfigstangen, großäugige Kühe muhen im Allgäu und mein Sohn erzählt mir, dass es kein Vergnügen mehr sei, in Amsterdam zu spazieren, weil man höllisch aufpassen müsse, von keinem Radfahrer umgesäbelt zu werden.

Außerdem habe ich erfahren, dass die Geschwindigkeit, mit der in einer Sanduhr gerieselt wird, annähernd mit der Torricelli´schen Ausflussformel angegeben wird. Manchmal lese ich von Sachen, nach denen ich gar nicht gefragt habe, in diesem Buch: Wie man Gurken zum Glühen bringt. Physikalische Rätsel und Paradoxien…

Womit wir wieder bei der Greiferei ins Dunkle angekommen wären.

Komfortzone

Mein Fanclub meinte früher, Ähnlichkeiten zu Mia Farrow oder zu Geraldine Chaplin zu sehen. Heute schaue ich ohne ein solches Clübchen in den Spiegel und sehe andere dünne Damenähnlichkeiten: Esther Kinsky und Connie Palmen, luftig stehende Frisur mit Zauselfransen. Neckisch frech, wie der Haarmeister meinte. Ja, und?

Ach, nur so.

P.S. Die Fitzelchenfrisur der älteren Elke Heidenreich habe ich ganz vergessen. Mit ihr teile ich auch meine Rotsamtliebe und noch irgendwas…

Heimatkunde

„Als Historiker, der Interesse an der Zukunft hat,

habe ich eine Sorge: dass nicht die künstliche

Intelligenz die größte Gefahr für die Menschheit darstellt,

sondern natürliche Dummheit.“

(Yuval Noah Harari, gefunden auf der Rückseite des neuen C.H.Beck – Verlagsprospekts Gesamtverzeichnis 2019)

P.S.: Die Überschrift entstand, spontan wie immer, weil ich gerne intelligente Wörter mit lapidaren verbinde, außerdem fiel mir der Picassospruch ein, dass Frauen Göttinnen oder Putzlappen sein könnten.-

In den wilden Straßen von San Francisco herumgeirrt im Traum, an Riesenriesenrädern vorbei und altem Bergwerksgestänge bis nach Görlitz gefunden. Keine bekannten Menschen getroffen, nur junge Eltern mit Fahrradanhängern voller Kinder, die mir nicht weiterhelfen konnten. Das heimatlose Fremdheitsgefühl wuchs. Gleichzeitig heiß und kalt. Gezittert, schwitzig aufgewacht.

Oh, nein, ich werde der runtergefallenen Blätter nicht Herr, oder Frau, die Autos könnten bei irren Bremsmanövern in die Tore rutschen, gleitschirmlos heftig donnernd. Es staubt nicht. Weil Sonntag ist oder es geregnet hat, schmieriges Fegen, in Schubkarren heben, auf den Wertstoffhänger, denn Walnussblätter dürfen nicht zum Kompost.

Da war es gestern schöner. Bücherflohmarkt im Nieselregen, die ganzen Fontanes links liegengelassen. Ein Studienratskerl stellt sich neben mich, beginnt ungefragt, mir seine Meinung über das angebliche Nichtlesen von Jugendlichen aufzubraten. Da geht die frühere Deutschlehrerin einfach weg, fängt mit keinem Menschen ein Gespräch an, weiß nicht, wozu, warum, vielleicht eine gesunde Mischung von Stillewollenautismusgebaren.

Später auf dem Töpfermarkt kauft die Freundin eine tönerne Vogelflöte. Vorher bekommt sie die verschieden getonten Instrumente vorgeführt. Alle gucken plötzlich, woher diese paradiesischen klaren Hochundruntertöne kommen, die sich in die trüben Lüfte heben. Die Verkaufstöpferfrau hat Philosophie studiert und lacht so faltig siebzigjährig wunderschön, erzählt auch noch über die gefertigten Okarinen. Meine Freundin erwirbt eine Dompfaffflöte, beinahe hüpft sie jetzt, davor wie gelähmt von störrischem Störgesorge.

Heute gehen wir nicht in den Erbseneintopfsaal, denn es klingt keine Klaviermusik heraus, lieber noch Keramikfeuerschüsseln betrachten oder Goldigschnuckelseifenschälchen.

Es ist anders wie früher. Der Glühweinonkel steht beinahe ohne Kundschaft, wir müssen uns beraten über das zukünftliche Gänsebratenlammspringweihnachtsfest. Vielleicht in Hawaihosen und Walsertalstola, ohne Weltkriegseisblumen an Kammerfenstern. In den Kammern lagen früher die Kinder mit Mandelentzündung und fuhren mit ihren Fieberfingerchen die Tapetenblumen nach.

Die Wälder brennen eh in Kalifornien. –

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