Ritzen putzen. Selten. Erst letzthin als Bildschirmhintergrund gewählt einen Spruch wie „Irgendwann werde ich die Fenster putzen. Aus Neugier.“

Mein Treibholzschüsselchen wartet auf Neuzugänge. Der Bärenzahn aus der Hohen Tatra, das grünbemooste Stück Schwimmstein. Die alte Anorakkordel.

Mir fällt die Syltsitte ein: Nachmittags gegen halb drei gab es bei den Stammesältesten Milchkaffee und Shopping Queen. Der kalte Wind um die Sansibar und betrunkenes Sondertouristengelächter. Das wird es nicht mehr geben, die alte Dame, wegen der wir alle paar Jahre dorthin fuhren, lebt nun da, wo es das Cafe „Heimat“ gibt, wo auch schon der Filmemacher Edgar Reitz gute Torte gegessen hat, denke ich. Hunsrück. Eich hannet jo gesaat.

Vademecum

Seltsam, dass mir aus irgendeinem Artikel oder Buch dieser Satz in Erinnerung blieb: Wir waren so arm, wir mussten unser Wasser aus Senfgläsern trinken.

Klar, bei uns daheim war es normal, dass der Vater gute Butter und Fleisch bekam, nur das Beste, und wir, einschließlich der Mutter, um jedes Paar Billigschuhe oder jedes Kleidungsstück betteln mussten. Wahrscheinlich frappierte mich der Satz deshalb so. Wir waren gar nicht arm, wurden nur so gehalten. Klein, bescheiden und doof. Wir waren gar nicht doof. Das aber stellte sich erst später raus.

Als Kind dachte ich, niemals mit einem Taxi fahren zu können, niemals ein Hotel zu betreten. Einfach nicht für eine wie mich geschaffen, wohl aber für den Lebemannvater mit Zigarre und im feinen Zwirn.

Nach Jahren der Therapie und wunderbaren Wiedergutmachgeschenken durch den Vater erbitte ich keine längeren Michgrämattacken! Ist ja gut, ist durchaus gut jetzt!

Ein Haus, eine Wolke

…..

An einem Tag,

an dem der Sommer

überall hingeeilt war,

um den Dingen

ihre Farbe zu geben,

sahen wir auf dem Hügel

ein weißes Haus

mit abgerundeten Mauern

fern

leicht

abgeschieden

als wollte es

im nächsten Augenblick

eine Wolke werden.

(Walter Helmut Fritz. In: Atem der Erde. Lyrik zu den vier Jahreszeiten. Hrsg.: Asta Scheib. Radius Stuttgart 2013)

Urgestein

Ein harmloser Bach, schon fast ein Rinnsal, ist klimaveränderlich heftig über seine Ufer getreten und hat bei meiner Freundin in der alten Mühle jede Menge Schaden angerichtet. Das tat er bisher noch nie, selbst die Hühner saßen auf dem ehemaligen Schafstalldach und müssen heute ihre Hühnerfüße entsetzt aus tiefen Schlamm zerren. Feuerwehr, Versicherungen werden nun sehen, wohin sie ihre Eier legen.

Das Seriösjäckchen von gestern hängt wieder im Schrank. Ich lese weiter über Menschen, die im Schweden wandern, dann über das Volk der Samen schreiben, wo es Szenen gibt mit explodierenden Fischdosen inmitten von sessionartigen Essriten. Es wird teilweise Whisky aus ledernen Fingerhüten getrunken, zelebriert, und immer wieder diese Naturschilderungen von grandiosen Landschaften, von vor allem dieser Stille, unterbrochen von Vogelschreien oder dem Klacken der Rentierfüße:

Sigrid Damm: Wandern – ein stiller Rausch

Zwirn

Tabu

Stigma

Wer darf sich jetzt auf die Waschkörbe voller Zettel der toten Friederike Mayröcker stürzen?

Fast alle Papiersorten mag ich, nutze ich zum Draufschreiben oder kritzeln, Schnellhase, Katze, architektonische Skizze, Schrägworte, Satzzeichenampeliges…sogar auf Tortentrennpapier schreiben, das geht. Drei Tropfen Sahne dazwischen.

Das Knistern der feinen Papiere in alten Fotoalben…So Pergamenttütchen, Blumenadrettpapier, Butterbrotpapier mit Hasenbrotfett, Schuhtrockenknüllzeitungsseiten, die Scherenschnittkunstwerke bei https://mmandarin.wordpress.com/

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