Aschermittwoch

 

Frisch rasiert, das Haar geschnitten,

Fand ich mich mit einem Mal

Untrainiert, doch wohlgelitten,

Auf dem Schlangenmenschen-Ball …

 

Eine war dort zum Entzücken …

… Kleine Schlangendame L o u !

Hinter deinem eignen Rücken

Lachtest du mir schillernd zu!

 

So bescheiden warst du, Süße!

Bracht` ich dir ein Blümchen nur,

Klatschtest froh du in die Füße!

Du warst Kind. Das war Natur.

 

Einst hat – eifersuchtdurchzüngelt –

Meine Wirtin uns entdeckt.

Da hat Lou – zusammengekringelt –

Im Papierkorb sich versteckt!

 

Aber ich, nur Unschuldsjäger,

Herz-, scham-, ruchlos, kurz, ein Schwein,

Hing ihr meine Hosenträger

Taktlos an das Schlüsselbein …

 

Lou birgt`s Köpfchen in den Sohlen,

Rollt sich, tiefverletzt, doch stumm,

Fort … Auf Nimmerwiederholen.

Vor ein beßres Publikum.

 

…Kleine Lou … auch ich blieb ledig …

Schmiegsamkeit, das war dein Reiz.

Und sie sandte aus Venedig

Mir ein kleines, hohles Kreuz …

 

(Peter Hammerschlag)

Siedepunkt

Eine will nicht mehr Tag für Tag in ein Geschäftsding laufen und das Geld anderer mehren, eine sitzt stattdessen im Cafe und schreibt Postkarten. Einige davon kann man sich hier anschauen:

 

https://www.stuttgarter-zeitung.de/inhalt.sabine-rieker-schreibt-im-auftrags-postkarten-postkarten-von-herzen.fb9a1a4c-34b8-437b-9cad-bca2482d34d9.html

Herzenswärme

Vorstellung

 

Ich bin der Wolkensteiner,

ein Stolzer, doch kein Reiner,

soff auch an trübem Kolke,

saß auch bei wildem Volke,

und wenns zu sehr gestunken

bei Kröten und Halunken,

floh ich, zu richten Welt und Reim,

zum Kuckuck, in meine Wolkenheim,

Landsleute, nebeltrunken.

 

Ich bin der Wolkensteiner,

ein abgebrühter Weiner,

ein Tränensack von Leder,

so leicht gerührt wie jeder,

doch in den Finsternissen

hat sich mein weich Gewissen

an Eisenherz und Totenbein,

an eurem Eis, an eurem Stein,

Landsleute, totgebissen.

 

(Paul Wiens. In: In diesem besseren Land. Gedichte der Deutschen Demokratischen Republik seit 1945. Ausgewählt, zusammengestellt und mit einem Vorwort versehen von Adolf Endler und Karl Mickel. Mitteldeutscher Verlag, Halle (Saale), 1966. Berechtigte Ausgabe für den Buchclub 65, 108 Berlin)

…in Kleidungsstücken der verstorbenen Eltern rumlaufen

Rabenmutter

Das mit den Valentinsfaschingssachen ist gradaus fabuliert.

Auf solche Ideen käme ich nie, hätte ich nicht naserümpfend hier und da Himmelschreiendes gelesen, sogar die Anleitung zum Marmeladengläschenanmalen betrachtet und Nein! Nein! gerufen.

Doch nur Scharmützelsalbaderei, um nicht zu sagen: reinweg fabuliert.

Allein das mit der Mutter, allein das samt Überschrift, nicht von der schamanischen Schelmin erfunden.

Nein, wir entschuldigen uns nicht, denn wir haben den Zauber im Zuber. Oder so.

Dann sitze ich stundenlang und male mit verkalkter Farbe alte Marmeladengläschen rosa an, damit das Haus für den Valentinstag gerüstet ist.

Dann säubere ich wie irrsinnig alle Ecken des alten Hauses, oder die vom Spießerbungalow, in dem ich manchmal wohne. Putze die Longdrinkgläser blinkeblank und blättere im New-York-Barkeeperbuch. Die dicken dunkelroten Samtvorhänge halten den Pfarrer und die Jungschar draußen. Durch meine aktuelle Lektüre gelernt, was ein Fluffer ist, wovon ich hier nicht reden mag.

Dann male ich mit Hilfe der neuesten Handletteringhilfsbücher die Einladungen für den Rosenmontagskaffeeklatsch.

Dann wundere ich mich über meine eventuell unschickliche Frage an mich selbst, warum meine Mutter so viel mehr gelacht hat wie ich. Sie hat mehr den Weinchen, Schnäpschen, Likörchen zugesprochen, was womöglich ein triftiger Grund sein könnte. Vieles weiß ich nicht von ihr, dem ewigen Mädchen.

Dann bastle ich noch riesige pinkfarbene Girlanden und hänge Tropfen vom traurigen Schicksal meiner Mutter dran.

Dann gehe ich träumen.

Fittiche

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