Schmarotzer

Windspiel

Statt Mittagsschlaf in Wörter- und Gedichtbänden stöbern und zugreifen. Unzutreffendes nicht streichen. Mit Leichenbittermiene niemanden liebkosen. Er trug die grünen Anglerhosen. Neugier obsiegte. In die Henri-Nannen-Schule wollte ich. Naivität mit Landpomeranzentum verhinderten das.

Nun kost der leichte Sommerwind und hebt kein zartes Röckchen mehr. Ein paar Schwalben zischen über den Hof, und Sarah Kirsch winkt hinter der Wolke.

Kein düstrer Dämon klaut sich ein paar Himbeeren, fummelt auch nicht an seinem Handy rum, er schreitet in den Kreuzgewölbekeller, will Aufruhr machen unter den Fledermäusen.

An den Pfefferminzpflanzen sind die metallisch grünen Schillerkäfer angekommen, die Skabiosen schreien nach Schmetterlingen.

Ich habe den schreibenden Urgroßvater fast vergessen, zu schlecht hat er Frau und Töchter behandelt. Das waren noch Zeiten, als man sich von Weißanzugsherren mit dem Spazierstock eins überbraten lassen musste.

Stattdessen säße ich gern am kleinen Hofbächlein, träumte von Kanada und Österreich.

So viel, so gut.-

Fingerspitzengefühl

Der Enkel fragt: Oma, warum erlaubst du mir so viel? Antwort: Omas dürfen das.

Er sah, wie ich einen Ballen Wäsche für die Maschine einfach die Treppe runterwarf. Er will das fortan öfter machen.

Oder beim dummeligen Rumquatschen Morgensterns Verse vervollständigen: Die Möwen sehen alle aus, als ob …

Oder beim Schrappsen mit einem Stein winzige Mengen Sägemehl unterm Treibhölzchen finden.

Damals

 

Laßt mir den Geschmack am Damals!

Vor der Zukunft ist mir bang,

weil es immer anders kam als

ich es hoffte, lebenslang.

 

Gerne werd ich zum Gespött in

Kreisen, die robuster sind.

Für den Charme der mächtigen Göttin

„Jetztzeit“ bin ich leider blind.

 

Die gesamte Lichtreklame

(und „Mehr Licht!“ ist heute Trumpf)

schenk ich der pompösen Dame

gern für einen Auerstrumpf.

 

Einer Droschkenrosinante

zu begegnen, welch ein Fest!,

die im Lauf wie Atalante

goldne Äpfel fallen läßt.

Aber die den Venuswagen

schwirrend durch die Lüfte ziehn,

echte Spatzen sozusagen,

gibt es nicht mehr in Berlin.

 

(Peter Gan, in: Flügel der Zeit. Deutsche Gedichte 1900-1950. Auswahl und Nachwort von Curt Hohoff. Fischer Bücherei KG Frankfurt 1956)

immens

Der Junifall ist in vollem Gange, sogar zahlreiche gelbe Walnussbaumblätter, spillerige Nüsschen, winzige Äpfelchen liegen auf der Wiese herum.

Die Wäsche trocknet aufgrund der hohen Luftfeuchte nur mangelhaft draußen.

Meine Ohren gehen zäh langsam wieder auf. Die seriösen Radiosprecher haben verzerrte Stimmchen.

Es kam wieder mal zum Äußersten.

Mir liegt das Nadelwaldjammern aus dem Sauerland noch im Ohr.

Die Haut in unserm Alter wird irgendwie zisselig.

Ich möchte mir löchrige Slipper kaufen. Stürme könnten hindurchbrausen.

Habe das „Wein-und-Tapas-Fest“ gemieden, dafür tobte in der Nachbarschaft ein „Offener Garten“.

An jedem Brückenpfeiler gibt es mittlerweile massig Veranstaltungen.

Im Traum hatte ich eine immens große Ausflugskneipe aufzuräumen und abzuschließen. So weit ist es also gekommen!

 

Kulisse

Nach dem Einpflanzen eines sorgfältig gehüteten Aprikosenkerns fragt der Enkel, ob ich mal Gärtnerin werden wolle. Und fasziniert hört er mir zu, als ich vom Schulausflug meiner Freundin mit ihrer kleinen vierten Klasse erzähle. Übernachtung im Heuhotel. Sie hat kein Auge zugetan, doch die Kinder waren möpschenfroh!

Gestern war der Tag, an dem uns steinalten Schwestern der Ausdruck einfiel, fern voneinander, den unser Vater so halb scherzhaft für uns gebrauchte früher: Mistbienen. Eine Art ungute Synchronizität. Trotzdem erstaunlich, heidekrautmistigmystisch.

Nun unterm Nussbaum weiterlesen, nachdem die Warmsocken von der Leine gepflückt wurden. Am Nussbaumstamm ein kleines Halbbeuyskunstwerk: an die Hängemattenbefestigung wurde eine kaputte pinkfarbene Gießkanne geklemmt, warum auch immer.

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