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Luise

 

Ich erinnre mich sehr genau an die Zeit,

Als ich acht Jahre alt war

Und in einem Dorf, ganz nah, doch zu weit,

Als daß ich heut jemals hinfahr.

Da war so eine alte Frau:

Stiefschwiegermutter der Tante.

Die war sehr gut zu mir, und ich war

Für sie nicht mal eine Verwandte,

Nur ein fremdes Mädel aus der Stadt,

Das ihr Arbeit machte,

Und Arbeit hatte sie so genug.

Die alte Frau aber brachte

Mir Bücher zum Lesen und kochte für mich

Und für mich allein Schokolade

Und lächelte, wenn ich las, und strich

Mir den Scheitel, der schief war, grade.

Sie flocht mir die Zöpfe. Ich war ja noch klein.

Und sie verlangte nichts von mir,

Als da zu sein und glücklich zu sein.

Vielleicht verdanke ich ihr

Einen Überschuß zum Weitergeben:

Was sie tat, das tat sie leicht.

Merkwürdig ist, wie fremdes Leben

Ins eigne hinüberreicht …

Wie lange ist diese Frau nun schon tot,

Die man Luise nannte,

Und die vielleicht außer mir, dem Kind,

Keiner wirklich kannte …

Die andern haben sie nicht geliebt,

Das spürte ich genau.

Ich glaube, sie war kinderlos und war die dritte Frau

Des Hausherrn, der sehr schweigsam war:

Sprach er überhaupt mit ihr?

Mir war, als wär sie allein im Weg

Wie ein überflüssiges Tier.

Und ich hatte Angst, daß man sie auszankt,

Weil sie gut zu mir war.

Und mich quält heut: hab ich ihr damals gedankt?

Sie strich mir doch übers Haar?

 

(Eva Strittmatter. Mondschnee liegt auf den Wiesen. Gedichte. Edition Neue Texte Aufbau-Verlag Berlin und Weimar 1975. 6.Auflage 1984)

Der werte Herr Ärmel hat indirekt dafür gesorgt, dass unser Walnussbaum sich doch wieder mit schönen Haarfärbeblättern ausstattet. Nach dem großen Frost wurden alle Triebe samt den Nussblütenlämmchen schwarz und fielen wie eine Art Schmierspinat runter.

Ich solle doch mal meinen dreijährigen Enkel fragen, riet mir der Lummerländer,  die Kinder wären noch so unverbildet und hätten mitunter gute Ideen. Also tat ich das in einem ruhigen Moment – was könnten wir machen, damit der Baum nicht kaputt geht? Der Kleine überlegte eine ganze Weile. Dann kam: Wasser beben! Oma, komm, das machen wir jetzt!

So haben wir und später der große Regen das erledigt und siehe: Blätter kommen. Einen Nussknacker aber brauchen wir im Herbst nicht.

Ein Winzer aus dem Nachbarort wollte schon junge, grüne Nüsse bestellen zur Herstellung eines Likörs.

Nun weiß auch der Bescheid.

Kleine Zusammenkünfte hochsommers werden weiterhin gut beschattet sein!

aus allen Wolken fallen

Verzweiflung

 

Meine Verzweiflung ist mir lieber

Als die Verzückung aus der Tablette.

Jeder sein eigner Stimmungsverschieber!

Wir legen uns chemisch an die Kette

Und trachten uns pharmazeutisch zu ändern.

Wir suchen Sanftmut bei Radepur

Und bei Faustan, den Unglückabwendern,

Den Stützen von Intellekt und Kultur.

Gelingt es uns nicht, uns selber zu fassen,

So hilft uns ein winziges giftiges Ding,

Vorübergehend von uns abzulassen,

und Weltprobleme werden gering.

Es ist sehr schwer, sich abseits zu stellen

Und sich als Eigenprodukt zu verstehn

Und ohne Verzweiflung in sich die Quellen

Von Glück und Unglück springen zu sehn.

 

(Eva Strittmatter: Mondschnee liegt auf den Wiesen. Gedichte. Edition Neue Texte. Aufbau-Verlag Berlin und Weimar. 6. Auflage 1984)

Pflichtlektüre

Bauernhofpension. Die Fünfjährige schaut mit mir aus dem Fenster und sagt: So ein Hund kann einem so richtig einen Traum zerbellen.

Im Stall das neugeborene Kälbchen bekam ein paar Minuten nach seiner Welterblickung eine Marke ins Ohr geschossen.

Nach dreistündiger Autobahnfahrt fast keine Platzinsekten vorne. Siehe dazu: http://www.daserste.de/information/wissen-kultur/ttt/sendung/ndr/bienen-214.html

Was noch war: das Essen bei einsamer Tschecheiwirtin mit Becherovska am Ende, nur weil der Delikatgasthof gegenüber Ruhetag hatte. Wir haben die Frau gern kennengelernt, wir waren die einzigen Gäste, das Essen dauerte, war echt Tschechenommawürdigspeise. Die Leidenserzählungen dazu blieben leise.

Die Neunzigjährige, die mit ihren siebzigjährigen „Kindern“ im Gastraum unserer Immerwiederpension saß. Die Kinder wollten noch nicht heim. Sie musste ein wenig autoritär werden.

Die Gespräche über Hartherzärzte, die kurzerhand jemandem eine plötzlich blutende Wunde am Kopf ohne Betäubung zunähen, die Träume, unzerbellt, von Milanen, Zecken, Ginstern und Susannen.

Keine Gedichte lesen, dafür einen köstlich inniglichen Roman von Zsuzsa Bank über das Schreiben. Die kleine Erzählung über eine Dohle von Hermann Hesse.

Als es den Freitag durchregnete, sprach der Bauer, da käme Geld vom Himmel. Sogar der Hauslöschteich war fast ausgetrocknet.

Heute früh dieser feine Artikel über das Selberdenken, der mir eventuell meine Lieblingszeitung verleidet:

https://trittenheim.wordpress.com/2017/05/22/hurtig-ueber-gleise-betreutes-denken-im-inter-city-epress/

Fürs Erste…

 

 

Maikäfer

Spießrutenlauf

Zum Muttertag

 

Ein Liedfragment

 

Mama-

kein einziges Wort auf der Welt

das so viele Mas enthält

wie Mama.

Ja –

Kaktushecke hat mehr Kas

Braunbärbabies hat mehr Bes

Erdbeerbecher hat mehr Es

Schamhaaransatz hat mehr As –

Aber Mas?

Koblenz hat keine Ma

München so gut wie keine Ma

Mannheim hat nur eine Ma

doch welche Stadt hat zwei Ma?

Na?

Göttingen

Ja!

Denn dort wohnt meine

Mama.

 

(Robert Gernhardt. In: Mai.Gedichte. Ausgewählt von Evelyne Polt-Heinzl und Christine Schmidjell. Reclam Stuttgart 2014)

Ab morgen ist hier für einige Tage nix los. Am Muttertag fahren wir, meine Schwester und ich, in unsere Heimat. Ansonsten wäre ich mit den anderen Müttern des Ortes auf eine gefährliche Weinbergsrundfahrt gegangen und sicher hätten wir uns volltrunken kaputt gelacht, wenn der Biertischtraktoranhänger am Roten Hang schwer in die Steillage gerutscht wäre. Alle Manieren vergessen ist auch mal schön.

Immer kommt noch Zeit …(und wer weiß, was dorten auf uns zukommt!?)

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