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Stipendium

herzlich

wer weiß denn …

 

wer weiß denn ihr gräserzungen

fabelschatten ob im innern

des denkens – unergründlich

wie das nachtaug der kröte

oder die wege des quarzes

durch den granit – statt eines

letzten wortes nicht doch

ein lächeln beschlossen ist …

 

jenes o kerkerherz das du

deiner liebe – wie oft? – versagtest

(geröllnächte lawinentage und

dergleichen ausreden) obwohl

es einzig ihr bestimmt ist

echo: „dir fliegt mein herz

wie ein törichter vogel zu“ und:

„in die sterne baun wir unser nest“ …

 

mehr glück als verstand

im reißenden flug der jahre

ein wenig halt zu finden

„und jemands stunde ist schon nah“

bitt` ich nun – dem fliehen

der tage ausgesetzt wie du

meine schwarze zikade –

um die gunst des augenblicks …

 

daß ich es nicht schuldig bleib`

jenes lächeln – nachts beschworen

tags verraten? – ohne das mein wort

nur ein mundvoll leere ist

ölig wie ein tischgebet

bis ins requiem der mörder

die nicht leben und

nicht sterben können …

 

ein tag ohne lächeln – schwärzer

als eine nacht ohne stern

 

(Uwe Dick. In: Neue Freuden, neue Kräfte. Ermutigungen. Hrsg.: Herbert Schnierle-Lutz. Insel-Verlag Berlin 2013)

Avantgarde

Bevor der nächste Schnee kommt, mit dem Enkel die herabgefallenen Lerchenbaumnadeln als Heu für gedachte Kühe in den ebenfalls gedachten Stall gekarrt. In kleinen Schüsselchen, Körbchen oder einer Baggerschaufel sorgsam transportiert. Gelbliches Kurzhaarheu, vom Wind noch nicht allzu sehr verstreut, strubblig in der Konsistenz. Die Nutztiere der Einbildung nahmen es gern.

Erwachsene tummelten sich gestern Abend im besseren Dorfgasthaus der Nachbargemeinde. Was soll ich sagen: eine dunkle Steppjacke nach der andern trat ein, die Kleiderhaken konnten den Wust kaum fassen. Viele davon sind wohl Daunen- oder mit sonstwelchen Federn gefüllt – da waren Tierquäler gierig tätig, und, wie ich in einem kritischen Film sah, rupfen sie Gänse und Enten lebend, damit man noch zwei-, dreimal „ernten“ kann. Die zweite Rupf wäre die beste.

Wer macht sich darüber schon Gedanken – wer schaltet überhaupt noch sein dafür vorgesehenes Maschinchen ein?

Dabei kann man doch denken, was man will. Man will aber nicht. Oder nur manche. Die heulen wie Weicheier. Das ist unprofessionell.

Ach ja, im Dorfgasthaus war die Weihnachtsfeier einer kleinen IT-Firma. Sah wie eine Versammlung stummer Autisten aus, niemand klopfte an Gläser, niemand hielt grölige oder salbungsvolle Reden. Erst nach einer Stunde tauten die bärtigen Knaben leicht auf, nippten an Rotkohl und Klößen, schauten dabei viel unter den Tisch, was auch immer dort so interessant war.

8. Dezember 1989  Peter Rühmkorf, Hamburg

 

Ganz frühes Morgengold. Später Grausilber und um 13.30. stumpfes Blei, Nachschwelende Postalien, obwohl gerade noch rechtzeitig mit Löschwasser begossen. – Im Elbeeinkaufszentrum alle Geschäfte bereits weihnachtlich beseelt und auf Nächstenliebe hin ausgelegt: „Geschenke aus dem Sanitätshaus“. Im Schaufenster dann die Bescherung: Gummistrümpfe, Gesundheitslatschen, Waagen, Prickelschuhe, Blutdruckmesser, Schnürwesten.

Bis zur Boshaftigkeit vergiftet – viel unangebrachter Menschenhaß aufgrund jahrzehntelanger bodenloser Unausgeschlafenheit. Aufgelaufene Bücher signiert und mit lustigen Sprüchen versehen – dann noch stundenlang Flüche hinterher. Bei den Weihnachtsempfehlungen der ZEIT wieder mal kein einziges meiner drei neuen Bücher erwähnt, dafür mehrmalige Nennungen von Handke und Strauß, was ja ein Rücklicht nicht bloß auf die Favoriten, sondern auch auf die Favoritenmacher wirft. Eine vorprogrammierte Lostrommel, bei der man sich hausintern über die Glückspilze alla stagione einigt. Auch Riesen-Lyrikreport von Hage, alles Blümchenkaffee: Strauß, Hanke, Ulla Hahn …

Wer, außer mir, kann denn schon ein Gedicht von 9 Seiten Länge vorlegen, ohne daß es langweilt?

(Aus: Das Buch der Tagebücher. Ausgewählt von Rainer Wieland. Piper München 2010)

Butterbrot

Dorfgasthaus

Auf der Welt eine rasante Schadensbegrenzung, von halben und ganzen und doch nicht irren Personen durchgeführt, stets heftig an Grenzen turnend, knurrend, abstandsversichernd, Einigkeit beschwörend an fiktiven Lagerfeuern. Die Friedenspfeifen sind ausverkauft, Ureinwohner längst mundtot gemacht. Lässige Golfbällchen hüpfen federnd darüber, Alte kichern verschämt, prusten Spucke raus, präsentieren edle Gebisse und trampeln frierenden Bettlern in die Mokassins.

Zum Glück habe ich ins schwarze Altklavier geschaut und beschlossen, dass es hier bleibt, zumal der Enkel es entdeckt hat und es krachend oder klimperleise mit Pedal largo erklingen lässt.

Wohl war es nur ein Traum, dass die Filzhämmerchen allesamt zerfressen wären! Ein Stimmer wird gerufen. Der wird Töne rein werfen, neue, sanfte und brummige, hohe und bluesige.

An einem Tag die Apokalypse mit Baby gelesen, in kurzen, teuflisch brennenden Abschnitten beschrieben von Megan Hunter, in „Vom Ende her“- Verlag C.H. Beck, München 2017.  Es lohnt, es beschreibt, was der Menschheit bevorsteht!

Das mit dem alten Klavier freut mich beinahe mehr wie jede Hirschwarnwestengeschichte.-

Pottasche

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