You are currently browsing the category archive for the ‘Uncategorized’ category.

Die zwei aktuellen Lektüren:

Hansjörg Schneider: Kind der Aare, eine Autobiographie

A.K. Benjamin: Into Madness, Geschichten vom Verrücktwerden

Dazwischen immer mal wieder alte Hobbythekheftchen, so ich sie finde, und als weitere, gepflegte Unterhaltung das Lesen in Ortheilbüchern oder in seinem schönen Blog.

Noch mehr dazwischen fahren mir die Gedanken an frühere Ereignisse, einmal, als ich zur bösen Hexe mutierte und aus der braven Selbsterfahrungsgruppe komplimentiert wurde. Man sollte spontan sagen bei der Kennenlernrunde, wie die anderen auf einen wirken. Du da siehst aus wie eine ledige Handarbeitslehrerin. Das war böse. Die Frau saß brav und harmlos einfach da mit ihrem Haarknoten und dem beigen Faltenrock.

Niemals mehr in eine Selbsterfahrungsgruppe wollen, die sind auch nicht mehr modern.

Obwohl: Meinen Mann lernte ich dort kennen, er hatte eine Seepferdchennarbe am Daumen und entsprach wohl meinem Wunschmärchenprinzengaukelherz.

Dostojewski meint, bevor die Geschichten vom Verrücktwerden losgehen:

„Ich habe Hunderte von derartigen Erinnerungen; doch von Zeit zu Zeit löst sich aus all den Hunderten eine ganz bestimmte und belastet mich. Irgendwie glaube ich, dass wenn ich sie dann aufschreibe, wird sie wieder von mir abfallen.“

Hobbythek

In seinem winkligen Buchladen besuchte ich den Morgenmanteljimmie, lange her. Er dachte recht linksgeschraubt daher, äußerte sich wenig vorsichtig und konnte weder Golf spielen noch Ski fahren. Privat schnellte sein Bademantel schnell mal auf, nachdem er das „Bin kurz weg“ – Schild an die Außentür gehängt hatte. Die Barbara war wieder bei ihm, wusste ich und ging kurz flöten im Töpferladen. Wenn das Schild weg war, raste ich meine bestellten Bücher abholen, während Barbara ihre Röcke ordnete und es leicht sumpfig roch.

Seinen Literatenmantel mochte ich nicht testen, lieber die wildwüste Freundin auf die Matratze werfen und durchkitzeln bis zum Morgengrauen. Sie las die „Emma“, ich die „Courage“, so hatten wir es gemütlich, kicherten über die Haschbubis am Waldrand, die ihren geplagten, armen Förstervater mit Motorradwaldjagden bis zur Weißglut ärgerten.

Aus allen ist nix geworden, die eine ist sogar schon tot.

hörig

Man zeichnet diese winzigen Bildchen, man liest was über Kopfschmerzen und hat doch keine, was eine will, schon lange, sich aber verkneift, schon lange, und dann geht`s gar nicht mehr.

Stattdessen flechten und auf Türme klettern, derbes Schuhwerk tragen, sich nackt im Watt reiben, tadellose Dinge eben. Im Strandkorb nebenan sitzt des Hermännsche, die Badehose flattert, er schwankt sonnentrunken bedenklich und ruckelt an den alten Kopfhörern.

Im Kindergarten war Rausschmeißtag, die nach den drei Wochen Ferien nicht mehr kommen, werden auf eine alte Turnmatte geworfen, die andern lachen. Warte nur…

Und wieder die Muttertöne im Ohr beim kleinsten roten Martini: Werd bloß nicht wie Grace Kelly! (Die muss süchtig nach dem leckeren Zeug gewesen sein. Es war ihr Untergang und wohl einzige Rettung).

Überhaupt, so an solchen Sommerabenden hat man rote, blaue und grüne Gedichte im Ohr, das leise Geplaudere der zu faltigen Rosinen geschrumpelten Nachbarn, die aus heißen Landen zurück gekehrt sind.

Mikado

„Er versäumte nun keine Stunde in dem Hörsaal und nahm begierig ein neues Ganzes in sich auf, welches er von Anfang bis zum Ende verstand und übersehen konnte. Wie ein Alp fiel es ihm vom Herzen, daß er nun doch noch etwas zu wissen anfing… Das Glück des Wissens gehört auch dadurch zum wahren Glücke, daß es einfach und rückhaltlos und, ob es früh oder spät eintrete, immer ganz das ist, was es sein kann, ohne Reue über das Versäumte zu erwecken; es weiset vorwärts und nicht zurück und läßt über dem unabänderlichen Bestand und Leben des Gesetzes die eigene Vergänglichkeit vergessen.“

(Gottfried Keller „Der grüne Heinrich“)

Wie war das bei mir am Anfang des Studiums? Nicht über meine Vergänglichkeit nachgedacht, sondern über Burschen, Nagellack, sich ereifernde Langhaarige, schnelles Mitschreiben, Mensabenimmregeln, dass ich in der Cafeteria nicht versehentlich mit Teebeuteln herumschoss, nicht Rotwerden bei jedem Wortergreifen, die etwas lockereren Profs bewundernd, die ersten selbst eingekauften Käsescheiben, überhaupt: Loslösungen, Veränderungen, es taten sich großartige Gedankenwelten auf und die Easy-Rider-Typen verstanden es, sich zu profilieren. Courage-Frauen und „Häutungen“ noch und noch, Emanuelle ließ sich in Flugzeugtoiletten hernehmen und Erica Jong lehrte überhaupt erstmal das Fliegen.

Hosenträger

Im Wartebereich des Frisörs Unterhaltung mit einem zwölfjährigen Jungen, der auf meine ehemalige Kleinstädtchenschule geht und berichtet, dass er für die siebte Klasse eine neue Fremdsprache wählen kann, Französisch zu Englisch habe er sich ausgesucht,  doch er wolle in keine Tablet-Klasse. Ich sperre die Ohren auf. Noch nie davon gehört. Tabletklasse, die neue Art des Lernens. Ach, Hilfe, denke ich, es kommt also über uns.

Wie merkwürdig, noch in eine alte, einklassige Dorfschule gegangen zu sein, in deren Mitte der Bollerofen heizte und wo nachmittags die bucklige Tante Berta den Nadelarbeitsunterricht gab. Der Altnazilehrer uns Volkslieder lehrte und mit dem Stafettenstock auf die Handinnenflächen schlug.

Später die Klafki-Didaktiken Prüfungsstoff waren, die Profs lüstern guckten und Hermeneutisches faselten.

Wir seufzklagen herum, oder lachen prustend, Apfelkuchenstückchenbröckchen versprühend.

Später kommt einer ins Frisörgeschäft und ruft: Ich habb de Oba debei, könne mer neikomme?

Er führt einen leicht steifen, fein angezogenen über Neunzigjährigen Herrn herein, setzt ihn behutsam auf einen dicken Sessel vorm Spiegel, redet leise mit dem alten Herrn, ist liebevoll im Umgang mit seinem Vater. Von einer Tabletklasse hätte der auch noch nix gehört.

Aber das ist hier nicht die Frage.

Potpourri

Archive