Blut

Morgen kehrt sie zurück aus dem Hellergärtenland, die Freundin! Ich werde erfahren, ob sie traumschlaffe Palmen gesehen hat oder semiprofessionelle Eidechsenimitatverkäufer, was sie zu essen sich suchte, und ob ihre Begleiterin diesmal ruhiger war. Ob sie sich mal fürchteten oder ständig fein gelächelt haben. Früher fand sie nach einer Nacht im Atlasgebirge unter dem Zelt einen fetten Skorpion. Früher ritt sie durch die Mongolei, heute zerren einige wildwüste Enkel an ihr. Die Reise war Auszeit.

Jetzt das Gedicht, aus dem das Überschriftenadjektiv stammt:

Im Treibhaus

Gefleckte Moose, bunte Flechten schwanken

um hoher Palmen fächerstarre Fahnen,

und zwischen glatten Taxusstauden ranken

sich bleich und lüstern zitternde Lianen.

Gleich seltnen Faltern schaukeln Orchideen,

und krause Farren ringeln ihr Gefieder.

Glitzernd von überwachsnen Wänden wehn

in Flocken wilde Blütenbüschel nieder.

Und kranke Triebe züngeln auf und leuchten

aus jäh gespaltner Kelche wirrem Meer,

und langsam trägt die laue Luft den feuchten

traumschlaffen Duft der Palmen drüberher.

Und schattenhaft beglänzt im weichen

gedämpften Feuer strahlt der Raum,

und ahnend dämmern Bild und Zeichen

für seltne Wollust, frevlen Traum.

(Ernst Stadler)

Suada

Innerhäusiges Muscheldasein, ausgiebige Pflege dessen, Krönchen ist ein Wannenbad. Leider noch ohne Einstiegstürbadewanne. Volltrunken und im Stofffetzenbikini ist eh nicht mehr drin.

Spüllappenhysterie, denn nirgendwo mehr gibt es welche aus Baumwolle. Voll saugfähig. Als Muschelmauscheldame stellt man sich aus fast brettharten, alten Handtüchern selbst welche her. In Kittelschürzen mit nix drunter im Sofanest sitzend noch Mausezähnchenborte drumrum häkeln, das wär`s doch! Luxusspezialspüllappenmanufactur.

Gibt es was anzumerken? Spülläppische Fußnoten, oder Fragen zur Herstellung…

Schöne neue Buchtitel: „Ich habe einen Knall – Sie auch?“, “ Freuds Dinge“, „Fallobst“ vom alten Enzensberger …

Stigma

Beim Altersklamottenevent kam mir der Name „Alojz Abram“ in die Quere, eingegeben und auf „Bilder“ geklickt, ach du Schreck. Tatsächlich ein alter Kerl in Jugendmarkenkleidung gegeben! Er zeigt sich, cool rumsitzend, lässig lehnend oder gar auf Enkels Schultern Huckepack geschleppt.

Vielleicht war Hemingway bipolar?

tollkühn

„Am Ende eines Lebens, wenn man über die Verbote hinaus ist, die uns unsere Jugend erstickten, sollte man sich ein paar Jahre Frühling gönnen.“

(Marguerite Duras)

Heute zwischen vier und fünf Uhr die sehr schräg reinkommenden Sonnenstrahlen aufs Sonnenhungergesicht scheinen lassen, dabei letzte Walnüsse gesammelt, alle nass, manche schwarz mit winzigen hellgrünen Schimmelpünktchen. Als wir noch Hühner hatten, durften die an diesen nicht mehr picken, denn der Limnologe erklärte, dass die Aflatoxine durch das Federvieh hindurch bis in die Eier gelangen täten.

Die genesende Freundin an der Bergstraße besucht, dabei die sanftschöne Kulisse des Odenwaldes gewürdigt.

Die Bäckereifachverkäuferin ließ mein Stück Apfelkuchen fallen, legte es beiseite und verstreuselte sich weiter nicht. Geliebte Liebesknochen gab es heute keine. In halbfremden Kleinstädten rumlaufen ist komisch.

Eine sagt, ab sechzig müsse man eine Altersverkleidung tragen. Rosa Westchen, hellblaue Dickstrickjacken, beige Kappen, vor allem keine lila Strumpfhosen. Verstehe das, wer will.

Selbstdarsteller

Es gibt die Mandarineneinwickelpapierchensammler. Kugelschreibersammler. Ich bin Buntstifthorterin. Papiermüsterchen mag ich auch, oder diese neuen Briefumschlagsschmuckklebebänder.

Gestern kam ein dreister Bettelmann an mein Fenster, der wollte zwanzig Euro, erzählte was von Fahrkarten nach Trier, holte ein zerknittertes Foto, auf dem angeblich seine armen Kinder waren, heraus, hielt es mir hin. Ich sagte nicht, wie sonst fast immer, rigide „Nein!“, und weil er grad greifbar war, reichte ich ihm einen Zehnerschein. Er blieb wartend stehen, sagte: „Zwanzig!“ Er hatte sofort, mit der Schläue eines wilden Hundes, meine Schwäche bemerkt. Mein laut wiederholtes „Nein!“ vertrieb ihn, ein wütend gesprochenes „Danke“ wehte hinter ihm her. Verdammt. Schief gelaufen. Später sah ich ihn beim Nachbarn Blätter wegfegen. Dort hat er wohl nur nach etwas Arbeit was bekommen. Mensch, Mensch.

Archive