Briefgeheimnis

„Die beängstigende Verschmutzung des Wassers, die langsam wachsende Radioaktivität und die dunkle Drohung der Überbevölkerung mit ihren genoziden Tendenzen haben bereits zu einer allgemein verbreiteten, wennschon nicht überall bewußt gewordenen Angst geführt; man liebt den Lärm, da er diese nicht zu Wort kommen läßt.“

(C.G. Jung, Lesebuch 366, in: Von Sinn und Wahn-Sinn Einsichten und Weisheiten. Ausgewählt von Franz Alt. Walter Verlag Olten und Freiburg im Breisgau 1986)

Mit welchen Vorhaben könnte man sich in einen grauen Sprühregenfebruarsonntag stürzen. Ach, erstmal die Eier. Tee. Traumüberbleibsel vorbeiziehen lassen. Es war was mit Ungarn, mit verzierten Villen und künstlerischen Grafikpostkarten. Durch finstere Arkaden hetzend fand ich mein Ziel nicht mehr. Ein altes Weiblein in Jugendstilwäsche wollte mir weiterhelfen. Allein, ich verstand sie nicht. Obwohl meine erste Freundin am Gernsheimer Gymnasium die Gizella aus Ungarn war. Dieses zarte Töchterlein des im Heimatland unliebsam gewordenen Schwarzbartvaters, wie habe ich sie gesucht. Im Traum war ich mit blonden Brüllfrauen, alle von Qualitätsweingütern, hingefahren. Kein Wunder deshalb, dass ich sie nicht fand.

Warum sucht man eigentlich im späteren Lebensalter nach ersten Freundesmenschen. Ist es das Suchen, das Freude bereitet, oder das Wittern nach fremdem Leben? Das Vergleichen vielleicht. Der Lebenswege. Wenn man denn gefunden hat, knallt man die Fotos hin vom erreichten Springbrunnen, dem Siedlungshäuschen, den wohlgeratenen Managerkindern mit Kitaenkelchen, schon ab der sechsten Woche?

Und immer weiter Gizella. Wer weiß, vielleicht lebt sie in Ungarn in einem Flachholzhaus mit bunten Dachschnitzereien oder in einem Kochnischenapartement neben der Gulaschfabrik.

Im Arkadentraum stand sie an keiner Ecke, verkaufte eventuell im weißen Spitzenbauernkittel die Postkarten mit der grazilen Grafik. Real wiedersehen – ach, liebste kleine Freundin, wie würde ich dich ausfragen, mögen, umarmen.

Atmosphäre

Karneval

Marianne

 

arbeitet bei der Post

Pakete verladen und so

Marianne ist achtundzwanzig

hat rötliches Haar und

ein uneheliches Kind

Sie sagt oft

Ich denk mein Schwein pfeift

Manchmal glaubt sie

sie verlädt

Glacéhandschuhe

 

(Ralf Thenior. In: Und ich bewege mich doch…Gedichte vor und nach 1968. Hrsg.: Jürgen Theobaldy. C.H. Beck  München 1977)

Sprunghaft: Die ersten Flohmärkte meines Lebens lernte ich in London und Paris kennen. Später zogen die hier nach. Ein Catsuit in London mit durchgehendem Reißverschluss: in meiner Heimatdiscothek schauten sie schräg und Fummler suchten sich Wege. Ich war grad auf dem Whiskeyprobenweg, wieviel noch reingeht und so. Heimwege in tumber Torkelbewusstlosigkeit.

Meine arglosen Brieffreundschaften, sogar in den Knast, erfuhren davon nichts. Einer hieß Manfred Müller und lebte in Dessau. Einer malte unaufhörlich barocke Rosen auf den Briefrand. Die weiblichen zählten ihre weiblichen Schadhaftigkeiten auf und vom Erbsen sortieren und von Hühnerhaltung schrieben sie mitunter.

Heutzutage ist mein Kontrastprogramm manchmal das Schauen größerer Ereignisse wie Berlinale und Opernball, damit es nicht zu geistigen Eintrübungszuständen kommt. Das zu verhindern ist noch besser möglich durch den nun entwicklungsschrittmäßig viel plappernden Enkel. Sogar: „Oh, Oma pupsi, tschuldigung!“ höre ich heraus. Die Betrachtung von neu auftauchenden Kontaktmenschen erfolgt unbedarft interessiert mit fröhlichen Treffkommentaren. Jede Pfütze ist Aufforderung, ganz ohne Theorie sich zu verhalten.

Ein anderes Nachdenkgebiet ist die Internettagebuchführung mit all dem Drumherum. Mal schauen.

Kitt

Mit frühen Weidenkätzchen

 

Es war ein Himmel von Türkis,

der sich der Stadt nur zögernd überließ.

Aber ein Teich war hinterm Häuserrand,

der in der braunen Wiese lag

wie eine glatte Hand;

in ihm verhieß

der Himmel seinen neuen Tag.

Und eine unsichtbare Flöte

verharrte lang in einem Ton wie im Gebete.

 

(Hertha Kräftner. In: Februar. Gedichte. Ausgewählt von Evelyne Polt-Heinzl und Christiane Schmidjell. Reclam Stuttgart 2013)

unzugänglich

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