unpässlich

Ende August vor einem Bahnhof

 

Dunstig vergeht der Mond.

Es riecht nach Birkenblättern und Gras.

Im Postamt ernten sie Schicksal in Säcke,

ruhlos pochen die blinden Stempel

und dahinter in labyrinthischer

Nacht erwarten die Züge das Zeichen.

Aus den Schwärmen der Ankunft und Abfahrt

löst sich ein stiller Fremder, der Herbst.

 

(Christine Busta. In: August. Gedichte. Ausgewählt von Evelyne Polt-Heinzl und Christine Schmidjell. Reclam Stuttgart 2014)

Am frühen Morgen über eine nächtens barfuß versehentlich platt getretene Spinne schreiten, taumelig noch von den dumpfen Schwanenhalsträumen. Im Radio läuft sanfte Musik von Milchkartonkindern. Eine fragt, ob man Leute einfach doof finden kann: http://www.voller-worte.de/blog

Eine andere tätowiert Pilze: http://www.artlaboratory-berlin.org/home.htm

So seltsam wurde uns gestern im Hof eines großen Gutes im hessischen Ried, es wehten heiße Wüstenwinde um uns herum. Frauen in Blümchenkleidern blätterten in alten Fotoalben. Parkinsongesichter grüßten freundlich. Ein eleganter Altherr, wie aus einem Kokoschka-Klimt-Gemälde oder einem Tschechowstück, wo sie spielerisch unter Birken tändeln, entsprungen. Am Nebentisch speisten die den Handkäse aus zierlichen Weckgläsern, wie das derzeit in spitzenmäßig sein wollender Gastronomie Mode ist.

Gewitter scheint es auch nicht mehr zu geben, nur noch diese pfeifenden Wassersturzunwetterfallboen. Über persönliche Umstände unterhielten wir uns, versuchten es ohne sichtbare Beweinungen, auch, als die Schrecklichkeiten auf den Meeren und Straßen und unter den Stacheldrähten zur Sprache kamen. Eigentlich brüllend und Fäuste gen Himmel reckend, nicht eigentlich sitzen und starr schaudern beim Gedanken daran, dass sie schreiende Babys ins Wasser werfen, all das heute lebenden Menschen geschieht. Fassungslos sein. Ob es hilft, wenn wir unsere Mitschuld diskutieren?

Später wieder aufs Schiff über den Rhein, wo der mit dem Riesenprotzauto noch nichtmal seinen Motor ausstellt für die Dauer der Überfahrt, stattdessen in einem Hochglanzprospekt mit Luxuszeugs blättert, lasziv.

Die Träume dieser Nacht haben all das in zarte Schwanenhalsfederchen gehüllt, unglaublich weiß waren die!

Holzquirl

Ich fange an, Sonnenuntergänge zu zählen

 

Ich fange an, Sonnenuntergänge zu zählen

und Geschichten in die Nächte zu schieben:

Wie Gesichter sich aus dem Gedächtnis schälen,

Umrisse, die sich in der Anrede füllen.

Oder wie Energien sichtbar werden, Spuren von Liebe.

Aber alle Geschichten haben ein Ende,

sie hören, geht die Sonne unter, vor mir auf.

 

(Peter Härtling. In: Altershalber. Gedichte aus acht Jahrhunderten. Hrsg. Helmut Zwanger, Henriette Herwig. Klöpfer & Meyer Tübingen 2015)

Joch

Bis heute behaupten viele Männer, keine Romane, sondern nur “vernünftige” Texte zu lesen, womit sie vor allem Sachbücher oder Zeitungen meinen. Die Schriftstellerin Siri Hustvedt berichtet, dass sie auf ihren Lesereisen häufig von Männern gebeten wird, ein Buch für deren Ehefrau zu signieren, stets mit der Begründung, sie selbst läsen gar keine Romane. Die etwas schlichte Botschaft dieses Gebarens sei, “dass Männlichkeit auf der Linie ernst zu nehmender Sachbücher liegt, während Weiblichkeit mit albernen Romanen, erfundenen Geschichten assoziiert wird. Echte Männer mögen objektive Texte, nicht die subjektiven Irrungen irgendwelcher Literaten, insbesondere weiblicher, deren Prosa, wie immer sie aussehen mag, ohne dass man auch nur ein Wort davon gelesen hätte, den Stempel des Geschlechts trägt”. (Siri Hustvedt. Die zitternde Frau.)

(aus: Andrea Gerk: Lesen als Medizin. Die wunderbare Wirkung der Literatur. Rogner & Bernhard. Berlin 2015)

“Wieder habe ich von Paris etwas Schönes gesehen: den Montmartre. Großartig beherrscht der Berg die Stadt. Auf steiler Straße zwischen kleinen Häusern ssteigt man zu ihm hinauf. Alte Frauen sitzen vor den Türen und sticken und die Jungen werfen die Augen rechts und links, denn hier ist wieder ein Malerviertel. Schließlich kommt man auf einen kleinen Markt, die Hühner laufen über den Weg. Dann steht man vor der schönen Kirche Sacré-Coeur, die ernst auf das bunte Paris hinabschaut. Wir betraten sie abends halb neun. Es wurde das Abendgebet gesprochen. Hier und da ein Lichtlein, der rötliche Schein der ewigen Lampe und tiefes Schweigen. Wir speisten zu Abend im Refektorium unter lauter alten Betschwestern. Die eine, Valentine, achtzig Jahre alt, mit furchtbaren Mienen und Gesten, wollte uns sogar bekehren. Die ist aber auch erst fromm geworden, als alles andere nicht mehr ging. Sie fragte nach unseren petits noms und wollte uns nie vergessen, und liebte uns trotz alledem, nahm jede unserer Hände zwischen ihre zwei großen fleischigen und schlurfte von dannen. ”

(Aus einem Brief, den die junge Paula Modersohn-Becker am 4. Mai 1900 an ihre Lieben schrieb. -Briefe und Tagebuchblätter von Paula Modersohn-Becker. Hrsg. S.D. Gallwitz, Kurt Wolff Verlag/Berlin 1920)

Bin stolz darauf, diese alte Schrift einwandfrei lesen zu können, nur bei manchen Buchstaben – s und f – muss ich kurz überlegen.

Den Lebensweg dieser Malerin finde ich interessant, nicht nullachtfuffzehn. Früh ahnte sie, dass sie nicht lange leben würde, gestaltete jedoch alles, soweit möglich, positiv und ihre letzten Worte, als sie wenige Tage nach der Geburt ihrer Tochter starb, sollen “Wie schade!” gewesen sein.

Diener und Knicks machen

An solchen Tagen ohne Terminereignisse kann man auch mal ohne auskommen, ohne Hetze, ohne BH, ohne Deoeinstäubungen, ohne Einkaufslisten, Knoblauchstraßenbahngedüfte und abbröckelnde “Herzlich Willkommen”- Schilder.

Gestern war der Tag der Staungroßmütter. Mit unserer früheren Studien- und Reisefreundin raste ich plötzlich hinter parallel fahrenden Bobbycarfuhrwerken der beiden ungefähr zweijährigen Enkelkerlchen her. Atemlose Unterhaltungen und Geschrei “Neeein, nicht da klingeln”- und weißt du noch, wie der eine euren VW-Bus “Türkenkutsch” nannte, der Arsch.

Stinktiere in Nebraska überfahren, Spielhölle am Lake Tahoe besuchen, was`n Krach – und die Tiefe des Sees.

Das Leben ist uns ganz schön durch die Finger geflutscht. Hier ein Zufall, dort das Glück.

Wo wir uns dran halten wollen!

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