Lebenspaar

 

Zwei alte Bäume

ungleich

aber irgendwie ähnlich.

Aneinandergelehnt

mit vielen Fasern verbunden

bleibt getrennt doch ihr Leben.

 

Zittert der Eine

stützt ihn der Andere

solange er kann.

Und muss Einer fallen

fällt auch der Andere

oder er wird sich neu gestalten.

 

(Wolfgang Dunz. In: Unsterblich duften die Linden. Bäume – wie Dichter sie sehen. Urachhaus Stuttgart 2013)

Lola (Kinks)

Der Wald, auf der feuchten Seite noch prall sommerlich, auf der trockenen herbstelt es leicht bunt. Noch keine Herbstzeitlosen, dafür Wasserlinsen auf dem Wiesenteich. Auf der Pferdewiese eine Art Riesenstehlampe, vielleicht für nachts? Ein Vorbeikommer sagt, das sei ein Stechbremsenfalle, damit die Pferde weniger geplagt werden. Das dicke schwarze Ding, das unter dem weißen Schirm rausguckt, soll einen Pferdehintern darstellen. Die Bremsen fliegen den an und werden in den Schirm hochgezogen. Aha.

Für den Enkel gab es seltsame Wurzeln, glänzige Mistkäfer, Mauslöcher in Moos, auf dem Weg die tote Blindschleiche und später die Fahrt durch den Bach. Steine ins Wasser, Haselnüsse sammeln und ein paar Kastanien. Naturfestfeierstunden mit Schokoladen-Erdbeer-Abschlussausflugseiscafeglück.

Dieser Psychoanalytiker, der mit seinem kostbaren Rennrad die Blindschleiche überfahren hat, wird umsatteln müssen.

Mundharmonika

Utensilien

Man wird nicht besser mit den Jahren –

wie sollt´ es auch? Man wird bequem

und bringt, um sich die Reu´ zu sparen,

die Fehler all in ein System.

 

Das gibt dann eine glatte Fläche,

man gleitet unbehindert fort,

und „allgemeine Menschenschwäche“

wird unser Trost- und Losungswort.

 

Die Fragen alle sind erledigt,

das eine geht, das andre nicht,

nur manchmal eine stumme Predigt

hält uns der Kinder Angesicht.

 

(Theodor Fontane)

Räuber

In Zeiten der Tourinachsaison starten sie, entweder mit Kleinkindern und Gummistiefelköfferchen oder mit ihrem ganzen Karrieregewese im Handgepäck. In meines kommen trotz der neuen Leichtmoden ein paar auserlesene Bücher. Nicht aber das vom Herrn Melle, das habe ich bis dahin quer gelesen. Plötzlich wollte ich nicht länger mich den durchaus perfekt geschilderten Manieattacken eines mir fremden Mannes aussetzen. Es kam über mich. Diese Frage, wie anders eine Frau damit umgehen würde. Oder wohin es mich trägt. Alles lasse ich mir nicht mehr gefallen. Mich mutwillig freiwillig durch schlimme, gar höllische Wahnsinnszustände katapultieren …Nein, lieber dieses fantastische Herbstgelichter genießen. In der noch wärmenden Sonne Märchen lesen, mit dem Enkel Wimmelbücher anschauen, mich von ihm füttern lassen mit Spielelöffelchen, mich schütteln und kreischen: „Ihhh, das schmeckt wie Hasenpipi!“ – und er lacht und lacht.

 

Einsiedler/Einsiedlerinnen

Was Fünfzig sprach

 

Als ich jung war, da waren meine Lehrer alt.

Mein Feuer gab ich auf für kalte Form.

Ich litt wie ein Metall beim Guss.

Ich lernte die Vergangenheit beim Alter.

 

Nun bin ich alt, und nun sind meine Lehrer jung.

Was nicht mehr formbar ist, zeigt tiefe Risse.

Ich mühe mich, den Spalt zu schließen.

Ich lerne jetzt die Zukunft bei der Jugend.

 

(Robert Frost. In: So jung wie die Hoffnung. Gedichte und Geschichten vom Älterwerden. Hrsg.: Andrea Wüstner. Reclam Stuttgart 2012)

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