Die Überschriftszeile steht im „Wallenstein“ von Schiller. Die zwei alten, noch nicht gelben Reclamheftchen fand meine Schwester in ihren Regalen, hübsch verziert mit Wiensonjafüllerzeichnungen außen und gab sie mir mit. Dreißig Pfennig habe ich damals bezahlt, 1970 rum.

Schön.

Kürbisgnocci am Abend davor gespeist. Mein erstes Mal in diesem Leben, leckerbaurig leicht zäh, soßengetunkt herrlich.

Und ich las von Leuten, die sich zum besseren Funktionieren Chips zwischen Daumen und Zeigefinger transplantieren lassen. Soll in hundert, ach, was sage ich, in ein paar Jahren voll normal sein. Damit all die normalen normal produktiv formal firmenloyal funktionieren, weigern kann sich niemand mehr. Wir hüpfen herum, weil wir noch normal doof und alles sein können, erstarren jedoch plötzlich beim Gedanken an Kinder und Enkel…

Auf dem Bücherflohmarkt erledigt der evangelische Kuchenmann das mit dem Bezahlen, während die evangelische Walthausfrau mir die Stückscher fein einpackt. Mit diesen eile ich zur kranken Schwester, für sie hatte ich kein Buch ergattern können. Sollte was über Riga und Kalifornien sein. Dort war sie, da will sie hin.

Vor ihrem Haus nahm mir „ein halbes Hemd“ im dicken, schwarzen SUV beinahe den Kleinfrauparkplatz, mit einer Selbstverständlichkeit,  die sein spilleriges Ego sich wahrscheinlich aus dem Wagen holt, würdigte er mich keines Blickes und tat rasend hastig seine Sachen.

Der erste Satz aus meiner kommenden Lektüre, auf die ich mich sehr freue:

„Offenbar sind in diesem Jahr die Rolltreppen und Transportbänder auf der Buchmesse schneller gestellt worden.“ (Eva Demski: Den Koffer trag ich selber. Erinnerungen. Insel Berlin 2017)

Schreiner

Tausendsassa

Brutto, Baby

 

In goldenen Märchen aufzuwachen

ist uns nicht gegeben.

Wir wohnen im Brot,

um Lieder aus dem Traum zu machen.

Hiersein tut not.

 

Was soll das Gerede von Hunger und Gruft,

was die Frage, wie wir leben.

Ich kann es nicht sagen.

Werfen wir uns in die Luft.

Sie wird uns tragen.

 

(Ralf Rothmann. In: Neue Freuden, neue Kräfte. Ermutigungen. Hrsg.: Herbert Schnierle-Lutz. Insel Verlag Berlin 2013)

Kernseife

Im Traum, da kam die milde Hexe in der Carmenbluse, tänzelte um mich herum bis zum Szenenwechsel. Da stand er, der Kraftprotzmann und wollte mir die Finger abbeißen, was immer das bedeutet. Schnell hatte ich seine Hände im Mund, vollgestopft und Fingerglieder kauend, wie eklig ist das denn!

Ein Stück Stachelbeerbaisertorte in der Wirklichkeit, eine Reihe Kalender durchsucht, leider hat Herr Ärmel keinen neuen gemacht, ein letztes Blatt der Wasserspiegelungen steht noch bevor, ansonsten nehme ich ihn einfach nochmal, ohne mit meinen Wasserelfenwimpern zu zucken.

Im Städtchen ist das verschärfte Weihnachtsgedöns noch nicht ausgebrochen, es ist verhalten ruhig, Rentner und junge Männer aus fremdem Land gruppieren sich um den Platz mit dem dicken goldenen Ross.

Später im Supermarkt liegt da ein junger Mann zusammengesunken, unansprechbar, mit dem ganzen Körper pulsierend auf dem Boden. Leute tun nichts, gehen naserümpfend am Gang vorbei. Eine ältere Frau eilt herbei, ich rufe ihr zu: schnell, den Notarzt, erstmal kommt der ratlose Supermarktleiter, hockt sich neben den Einsammensch, das Martinshorn tönt schnell näher. Meine Beine zittern, dachte ich doch im ersten Moment, es sei mein Sohn!

Letzte Nacht träumte ich von Töchtern, so weit weg die meine, so weit weg…

Wer kommt?

 

Novemberschwärze vor verwaschnem Hell:

die letzten Sonnenblumen stehen schwarz Modell.

Seitab verglühen restlich Hagebutten.

Weil oben ohne, nässen Bäume ohne Kutten

 

gestaffelt und vereinzelt, auch der Nußbaum leer.

Fern übt mit Waffenschein ein einsames Gewehr.

Den häßlich kleinen Unterschied vertuscht der Nebel.

Ach, wüßte ich dem Adventsgebrüll doch einen Knebel.

 

Wer kommt, ist da, multipliziert?

Im Radio angekündigt, nur wie üblich, ein Orkan,

der seine Wut gewöhnlich unterwegs verliert.

Vor jähem Frost geschützt der blanke Wasserhahn,

verschnürt die Päckchen, fertig zum Versand;

demnächst droht Weihnacht dem Novemberland.

 

(Günter Grass. In: Wörter kommen zu Wort. 100 Gedichte aus 10 Jahren. Ausgewählt von Anton G. Leitner. Artemis & Winkler. Düsseldorf und Zürich. Patmos Verlag 2002)

Lachen, das ist für mich …

Weleda

Manchmal kommt das Licht aus Säcken und Tüten:  http://hausfrauhanna.blogspot.de/

Kaltklarer Sonnenhimmel heute. Auf Nachbars Wellblechgedächel Reste von Weiß. Bisschen Eisgekrümel.

Leute haben eine Neunjährige aus einem Kinderheim in Patagonien geholt. Über ihr neues Leben mit diesem Mädchen geht es in „Quitten mit Salz“ von Claudia Storz. Warum lese ich das? Vermutlich auf Empfehlung hin, vermutlich, weil ich ein Paar kannte, das zwei Kinder aus Südamerika adoptierte. Irgendwas klinkt sich bei mir aus und dort ein. Vermutlich.-

Froh bin ich über meine neuen Freiheiten: nicht mehr mitmachen müssen bei dem Vorweihnachtsgelebe in der Schule. Diese Extrakonferenzen, wie man sich beim örtlichen Nikolausbasar zu beteiligen habe. Das hocheifrige Fräuleingetue der Basteleienranglisten. Glitzerzeugs auf Sternengedöns, wattiges Auspolstern der Lampionkästchen, Transparentpapiergeraschel, Topflappenzierrändchenhäkelei.

Stattdessen darf ich über Macronehen im Bekanntenkreis erzählen, über warme Inseln der Menschlichkeit, über Separees in Schummerlichtclubs, lesen über Flusensiebsachen:

https://lakritze.wordpress.com/

Das reicht für einen lichtvollen Novembertag. Am Haus türmen sich eh noch die bunten Wildweinblätter und warten auf den Besen. Ein Laubblasmann kommt nicht in Frage!

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