„…, daß mein Weg in die Kindheit oder mein Ritt mit Sancho notwendig mit zu dieser Reise gehörten; denn unser Ziel war ja nicht nur das Morgenland, oder vielmehr: unser Morgenland war ja nicht nur ein Land und etwas Geographisches, sondern es war die Heimat und Jugend der Seele, es war ein Überall und Nirgends, war das Einswerden aller Zeiten.“ (aus: Hermann Hesse: Die Morgenlandfahrt. Bibliothek Suhrkamp Frankfurt 1965)

Heute früh tanzte ein Autofahrer vor einem wilden, entlaufenen riesigen Rottweiler herum. Er war ausgestiegen, um das Tier von der Straße zu treiben. Der Hund ging auf ihn los, der Mann rannte in sein Auto, die andern schauten ihm zu, die Kinder von gegenüber drückten sich ängstlich an die Hauswand, ihre Fahrräder zum Glück vor sich haltend als Schutz. Der große, hohltief bellende Hund rannte weg, die Eigentümer wurden informiert.

Die Kinder hatten mir gestern einen dunklen Allerweltsstein für 2 Euro verkauft. Sorgfältig ausgestellt die Sammelstücke aus der Kinderfreizeit im Schwarzwald, sorgfältig beschriftet auf einem Tischchen, boten sie die Steine feil. Preise von 8oo Euro einer bis 1,50. Keine Fundorte oder Steinsortennamen gab es auf den roten Zetteln, einzeln zu jedem Teil gelegt, nur die Preise. Sie haben begriffen, worum es geht.

Den Enkel beschäftigen Vulkane. Er sagt zu seiner Mutter: Du bist ein Vulkan, du rauchst, du spuckst Steine und heiße Sachen! Entrüstet erzählt er mir, dass mal eine ganze Stadt von Vulkanglut verschüttet wurde. Dabei spielt er Abschlepper mit einem Haken von meiner Bettflasche, den er an ein Seil geknotet hat. Nachdem er von einem Frühstücksei nur das Weiße gespeist hatte.

Beim Bücherräumen fand ich die weißblaue Morgenlandfahrt, innen der Stempel: Goetheschule Bensheim. Eigentum des Landes Hessen! Anschaffungsjahr: 65 . Inv.Nr. Mld 11

Die Elf ist meine Lieblingszahl.

Letzter Satz im Buch:

„Die Kerzen brannten herunter und erloschen, ich fühlte mich von einer unendlichen Müdigkeit und Schlaflust ergriffen und wandte mich weg, um einen Ort zu suchen, wo ich liegen und schlafen könnte.“

der erste Eindruck

hab sagen gehört, es gäb einen Ort

für alle verschwundenen Dinge, wie

 

die verschiedenen Sorten von Äpfeln

die Clowns und die Götter, darunter

 

auch jenen guten Gott von Manhattan

Karl-Marx-Stadt und Konstantinopel

 

Benares und Bombay und die Namen

von zu vielen Braunkohledörfern

 

befänden sich, hab ich sagen gehört

in der Mitte des Weißtannenwalds

 

der jede Schallwelle schluckt, der Ort

wär, so habe ich sagen gehört

auf keiner gültigen Karte verzeichnet.

 

(Ulrike Almut Sandig. In: Ein Gedicht von mir. Lyrikerinnen und Lyriker der Gegenwart stellen sich vor. Hrsg.: Dirk von Petersdorff. Reclam Stuttgart 2012)

Landschaft

Die Tante, Gattin eines nicht entnazifizierten Bankdirektors, konnte nicht vor die Tür, weil der Mann ihr keine Schuhe kaufte, und sie, in durchlöcherten Filzpantoffeln, das nicht wollte. Mein armes Mamilein, ich wollte sie immer zu mir nach Kanada holen, sagte mir bei einem Besuch der Cousin meiner Mutter, der Karikaturist Lo Linkert. Er erzählte von Golfplätzen, seinem verstorbenen Sohn, seiner toten Schwester, von turnenden Schwarzbären auf Freundesterrassen, die noch leicht rauchenden Vulkane zeigte er mir. Ganz in der Nähe, oder was für Kanada Nähe heißt, den Mount St Rainier. Er lachweinte, als wir ihn besuchten. So lange keiner mehr aus der Heimat dagewesen. Den Schlauch in der Nase erklärte er lachend mit „meine Cognacpumpe will nicht mehr so richtig.“

Was hier stund, habe ich gelöscht, denn siehe, sobald es hier stund und Kommentare eine bestimmte Richtung sich lenksteigerten, tropfte es nur noch sanft und wurde mir von Minute zu Minute gleichgültiger. Kanada und Vancouver Island und die Vulkane gesehen zu haben, DAS gehört in mein Leben. Diese Erinnerungen sprühen wie die Gewissheit, noch einmal hinzukönnen und die Freiheit des Nichtmehrwollens, kaskadenartig bis lockerschön.

Denkstoff für den Kurznovember im Juli.

 

Trostfrauen

Meine Schwester hat recht. Immer arbeite ich im Traum. Letzte Nacht einen dumpfen Schlafsaal aufgeräumt, alle Betten leer, nur in einem lag ein Wisschenschaftsmoderator namens Yogeshwar und blinzelte faul mit einem Auge. Große Füße schauten unten raus, es war eine Art Palettenbett. Traumschnitt, fortan ging es mehr in rosa Flanellgebiete.

Mein dunkelblaues Nacht- und Hauskleid flattert um die Gewitterfüße, endlich weht Frischwind ins Haus, über die schlesischen Gutshofjugendstilkacheln, die Treppe hoch in die Verlassenesnestgemächer.

Als Mängelexemplar bewirke ich ein Disaster nach dem anderen. Es beruhigt, von Novalis zu lesen:

„Wir träumen von Reisen ins Weltall. Ist denn das Weltall nicht in uns? Die Tiefen unseres Geistes kennen wir nicht. Nach innen geht der geheimnisvolle Weg. In uns oder nirgends ist die Ewigkeit mit ihren Welten, die Vergangenheit und die Zukunft.“

Weinbergsschneckeneier habe ich soeben sorgfältig umgesetzt, nun bereite ich eine sommerliche Dillgurkensoßenpfanne zu Normalbratkartoffeln.

Auch mal am Tage arbeiten!

Fegefeuer

Rote Dächer

 

Aus den Schornsteinen, hier und da, Rauch,

oben, hoch, in sonniger Luft, ab und zu, Tauben.

Es ist Nachmittag.

Aus Mohdrickers Garten her gackert eine Henne,

die ganze Stadt riecht nach Kaffee.

 

Ich bin ein kleiner Junge

und liege, das Kinn in beide Fäuste,

platt auf dem Bauch

und gucke durch die Bodenluke.

Unter mir, steil, der Hof,

hinter mir, weggeworfen, ein Buch.

…Franz Hoffmann… Die Sklavenjäger …

wie still das ist!

 

Nur drüben in Knorrs Regenrinne

zwei Spatzen, die sich um einen Strohhalm zanken,

ein Mann, der sägt,

und dazwischen, deutlich von der Kirche her,

in kurzen Pausen, regelmäßig, hämmernd,

der Kupferschmied Thiel.

 

Wenn ich unten runtersehe,

sehe ich gerade auf Mutters Blumenbrett:

ein Topf Goldlack, zwei Töpfe Levkoien, eine Geranie

und mittendrin, zierlich in einem Zigarrenkistchen,

ein Hümpelchen Reseda.

 

Wie das riecht! Bis zu mir rauf!

Und die Farben! Jetzt! Wie der Wind drüber weht!

Die wunder-wunderschönen Farben!

Ich schließe die Augen. Ich sehe sie noch immer.

 

(Arno Holz)

Zufällig gefunden, für wunderschön befunden. Hier: Zum Sehen Geboren Zum Schauen Bestellt. Ein Gedichtband für das 7.-10. Schuljahr Westermann 1950

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