Ich weiß nicht, warum ich

im Café Slavia gegen

16 Uhr das Bedürfnis verspüre,

während sich draußen die

Sonne mit der Moldau

abmüht, alle 96 anwesenden

Gäste nach dem Grund

ihres Aufenthalts zu fragen,

glaube aber fest an den

Erfolg der Befragung, bis

kurz nach 18 Uhr die Sonne

aufgibt und die Moldau

unbehelligt weiter fließt.

 

(Jürgen Bulla. In: Gedichte für Reisende. Hrsg.: Anton G. Leitner und Gabriele Trinckler. Deutscher Taschenbuchverlag München 2015)

In ihrer Christkindlmarktbude saßen auf dunklem Holzbrett tönerne Frauenfigürchen. Sie nannten sich „Rotweinkönichin“, auf dicken Brunnenkugeln flezten sich kräftige Badeanzugsdamen, schöne Wallhaartonporträtsköpfe weiter hinten, zwischen den Tannenzweigen. Die Künstlerin so herbschön. Ich kenne eh nur schöne Tongestaltungsfrauen, auch die verstorbene Theresia Hebenstreit gehörte dazu.

Vorweihnachtliche Satzfetzen mithören, manche deftig mundartlich, ach is des schee! Hässliche Gerüche stören an manchen Ecken, das olle Backfett der Adventsdönereien. Hastig bummeln wir durch solche Menschenquetschfressbudenreihen. Die Landfrauen haben genäht, bieten griffige Einkaufstaschen mit altem VW-Bus-Motiv drauf – gute Idee, leider mit rosa Hintergrund.

Die Schwester fotografiert jeden Moment vergehende Augenblicke, Lichteinfälle zwischen kleinschiefen Häusern oder die uralten Drehorgelspieler. Außerdem müssen wir einem jungen Strubbellockengitarrenspieler bisschen Geld geben, weil der sich röhrend Mühe gibt, einen Unadventsfolkblues vorzutragen zwischen Schreibwarengeschäft und Apotheke.

Im Stadtcafe fein angewärmtes Turbogeplauder neben Stachelbeerflockentorte und heiß servierten Kakaostöckchenpralinen, mit denen man die heiße Milch umrührt. Diesmal an den weißen Altwänden keine Fotoausstellung, die Schwester könnte eine machen, man müsste mal nachfragen. Ungepfleger Bogenhanf winkt vom Nachbarhaus rüber, am Nebentisch mampfen zwei dünne Mädels Bioburger und gucken ein neu gekauftes Buch durch, Studentinnen sicher.

Der Buchhändler erklärt uns, dass bei manchen Neuerscheinungen einfach sofort ein Aufkleber Spiegel- oder Sonstwasbestseller draufkommt als Kaufanreiz. Lieber doch nicht kaufen. Stattdessen ein feines Worterklärzeichentextbuch für den Enkel, das mit dem Vulkan und der Fahrradmaus auf der einsamen Insel.

Im Cafehaus erstanden sie zwischen uns auf, die Mütter, Schwiegermütter, Omas, unsere Vorfahrinnen, allesamt waren sie…Nein, über einen Kamm zu scheren sind sie nicht, doch schon liebenswürdig oder gemein verbiestert, das waren sie. Da könnte man ja gleich bei der Bibeleva anfangen.

Im Cafehaus scheint es auf, das Schicksalsgeblitze, das Probleme löscht; so warm, so genügsam zwischen Weihnachtshirschkisschen!

Bodenturnen

Im Haus nebenan beim Plauderstündchen erwähnt, dass ich endlich ganz flache Hausschuhe bräuchte und Ausschau halten würde. Wohlgemerkt habe ich das nicht übers Telefon irgendwem vermittelt.

Ein paar Stunden später wurden mir genau solche flachen Hausschuhe auf mindestens zwei Plattformen angepriesen. Ja, man kann inzwischen die Gedanken und Adventskaffeeplaudereien fein weitervermitteln. Oder spinne ich. Dazu lese man diesen Artikel, davon ist schon so manchem kotzübel geworden:

https://www.dasmagazin.ch/2016/12/03/ich-habe-nur-gezeigt-dass-es-die-bombe-gibt/

Andere Absonderlichkeiten: Eine Floristin führte mir vor, wie ich mit Holzbriketts hübschen Adventsschmuck herstellen könnte. Geht`s noch?

Eine Frau in Österreich erschoss ihre Mutter, ihre Zwillingsbuben, ihre kleine Tochter und ihren Bruder sowie sich selbst. Das tun ansonsten fast nur Männer. Herbe Auslöschungstat. Die Beweggründe der Frau wüsste ich gern. Krimistoff noch und noch. Es hieß, die Familie habe sich abgeschottet und man könne dazu ein Buch lesen mit dem Titel: Das bleibt in der Familie.

Audrey Hepburn

Wenn du alt bist

 

Wenn du alt bist und grau und voll von Schlaf

Und ruhst beim Feuerschein, so nimm dies Buch

Und lies ein wenig, träum so hin und such,

Verschattet Aug, zu schaun, was je dich traf;

 

Und denk der Zeit und deiner Jugend Zier,

Da mancher dich geliebt, ob falsch, ob treu,

Und daß wer kam, der deiner Seele scheu

Anhing und deiner Traurigkeit, auch ihr.

 

Und starrst du dann auf das verglühnde Scheit,

So denk mit Seufzen, daß die Liebe schwand,

Übers Gebirg entwich und abgewandt

Ihr Antlitz barg im Sprühn der Sternenzeit.

 

(William Butler Yeats)

Maulaffen feilhalten

In einem alten Buch „Geschmacksbildendes Zeichnen für Friseure“ fand ich Zeichnung und Beschreibung einer Naturburschenperücke (Dümmlingsperücke). Diese sei so anzufertigen, dass derjenige, da sicher mit großen, abstehenden Löffeln (Ohren) versehen, mit platter Nase und wulstigen Lippen, möglichst unkultiviert aussähe, mit widerspenstigen Haarwirbeln und so.

Im Traum kam ein sehr kultivierter, nett zuvorkommender Herr in meine Wohnung, wollte mit mir Tee trinken und plaudern, wobei klar war, dass er mich am Ende umbringen würde. Nachdem ich es fast geschafft hatte, ihn rauszukomplimentieren, würgte er mich heftig zwischen Tür und Angel. Dennoch war ich nicht tot, sondern traf ihn zwei Sekunden später auf einem gut besuchten Ärztekongress beim Powerpointvortrag über ungiftige Winde und ihre Amöbenstruktur wieder.-

Wenn Lebensfreude und Bloggen sich näherkommen, ist dann alles zu spät?

Walküre

Fehlalarm

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