Dünkel

Fügung

Das Land winterte zu unter dem Beifall

des Schilfs. Braungelber Ocker säumte

hell das lehmige Ufer, mein Herz war

ein wässriger Schwamm. Unter Wasser

flogen jetzt die Vögel, und unsichtbare

Tiere gruben Laufgräben unter dem Schnee.

Schaum auf den Steinen, vom Nordwind

zerzaust. Man trägt winters einen Steinhauf

über dem Körper zusammen, legt Moosbeeren

drauf für die Tiere. Irgendwo ein Feuer,

und man ahnt, die Zeit zerspringt in der Flamme.

 

(Michael Krüger: Idyllen und Illusionen. Tagebuchgedichte. Quartheft 165  Verlag Klaus Wagenbach Berlin 1989)

abschweifen

Bücher auf die Stufen der alten Treppe zu legen, liebe ich – wie zur Weiterreise warten sie da; entweder geht`s nach oben, meistens, oder runter in die Tagesstuben. Die per Post kommen, werden schnell entumschlagt und zu schönen Stapeln geformt, Lyrik auf einer Stufe mit Kackbüchern über den Darm oder mit kantigen Sprüchen über Treibholz als Hoffnungsträger und Weg zum ewigen Frieden. Eine Badewanne mit Einstiegsloch wünsche ich mir, natürlich mit Buchhalterung von badedas oder so, giftgrün und richtig knorrig.

Was mache ich mit der Info, dass ich mich ausbilden lassen könnte zur Aufräumassistentin, hier:

http://www.messie-akademie.de

In meinem von Büchern überbordenden Schreibraum träume ich assistierend vor mich hin, kein bisschen aufräumend. Wohlwissend, dass es traurige Vermüller gibt, die alles überall hinschmeißen und sich dann Pfade trampeln dadurch. Ab und zu muss ich mal über einen Stapel klettern, aber irgendwann ist der weg, einsortiert. Selten aufwallende Wegwerflaunen tun ihr Übriges.

Heute war Besuch da, der in unserer alten riesigen Scheune Dinge aus diversen Auslandslebensphasen einlagerte, nun endlich damit klar Schiff machen will. Was da zum Vorschein kam! Die Frau weinte gar ein wenig, aus Kisten guckten Puppenhaare. Sie stand da und sprach: Unser ganzes Leben – mit drei Ausrufezeichen, wobei der Ausruf leise blieb.

Es gibt so Sonntage!

in Wallung geraten

Winterabend

 

Der Nebel legt sich kühl und grau

auf die Dinge, und nur Laternen

und die weißen Hauben von Schwestern

schimmern. Und einzelne Worte fallen

wie Regentropfen … Gestern …

und:  … meine Frau …

und seltsam hallen

sie nach wie Gedichte

und man denkt eine ganze Geschichte

aus ihnen zusammen.

 

Ein einsamer Schritt verweht noch im Norden,

die Straßen sind still,

und der Lärm ist müde geworden,

weil die Stadt nun schlafen will.

 

(Wolfgang Borchert. In: Atem der Erde. Lyrik zu den vier Jahreszeiten. Hrsg.: Asta Scheib. Radius Stuttgart 2013)

Eine Wortbuchsammlerin bin ich, neueste Errungenschaft ist das „Lexikon der schönen Wörter“ von Walter Krämer und Roland Kaehlbrandt. Hier gefällt mir besonders die Beispielsätzigkeit. Zu jedem fein ausgesuchten Wort gibt es einen Beispielsatz aus der Literatur. Wie zum Wort „neiden“:

Wie könntest du fürwahr mir neiden

das Glück, daß mich zum Weib erwählt

der Mann, den du so gern verschmäht?  (Lohengrin, Richard Wagner)

oder

„nesteln“ – Und unter großen Seufzern, unruhig und zerstreut, nestelte sie an Karls Hemd. (Amerika, Franz Kafka)

oder

„unstet“ – Aber wie über sich selbst erschrocken, flogen ihre Blicke unstet und hülfesuchend umher. (Waldwinkel, Theodor Storm)

Tuchfühlung

Der Winter

 

A.

Der böse, böse winter!

Die freuden und die scherze

Entfliehn bey seiner ankunft;

Mit schneidenden gewehren

Belagert er die hütten;

Ein weiß gewand umgiebet

Erstorbene gefilde;

Statt eines Zephirs säuseln

Heult izt der rauhe nordwind,

Und kein gefaellges maedchen

Laeßt ihren busen offen.

Der böse, böse winter!

 

B.

Nein, Freund, im kalten winter

Ist freude nicht erstorben;

Sie winkt zwar nicht in feldern,

Doch sie entweicht in zimmer,

Zum sommer umgeschaffen

Durch eines ofens waerme.

Hier scherzt der kleine Amor,

In zobelpelz vergraben,

Auf einem weichen sopha

An holder Nymphen busen.

Auch Bachus ist nicht ferne,

Es dampft zu seinen ehren

Der Punsch in goldnen schaalen.

Conzerte, Maskeraden,

Komödien und Opern

Verkürzen lange naechte.

Auch ist die zeit des winters

Die zeit der aechten freundschaft;

Da wird bey weisen reden,

Am vollen caffeetische

Den Grazien geopfert,

Wie oft bey dir, o A …

Der schoene, schoene winter!

 

(Ludwig August Unzer, 1748 -1774)

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