Ehegedicht

 

Geliebt haben wir uns,

daß das Gras um uns sich entzündete,

doch die Glut schadete uns nicht,

so selbstvergessen waren wir.

 

Verfolgt haben wir uns,

daß wir uns bis ins Mark trafen,

doch die Wunden schlossen sich wieder,

da kein Blut aus ihnen kam.

 

Seitdem wir uns aber geeinigt haben,

zusammen alt zu werden,

verwandelt sich die Liebe in Behutsamkeit,

 

und das Blut, das mitunter

nun aus Rissen quillt, schmerzt

Tropfen um Tropfen wie heißes Wachs.

 

(Günter Herburger. In: Nichts ist versprochen. Liebesgedichte der Gegenwart. Hrsg. Hiltrud Gnüg. Reclam Stuttgart 1989/2010)

Trockenhaube

Schöner Bericht über eine interessante Kneipe in Köln, die da heißt: Geschnitten Brot.

http://www.waseigenes.com

Dem Andenken meines Vaters

Pfarrer Siegfried Pisarski (1915 – 1984)

 

Immer noch erzählen mir Menschen,

er habe sie getauft, konfirmiert, getraut,

habe ihre alten Eltern besucht, habe mit

ihnen gelacht und geweint. Er hat Leben

gestiftet, auch wenn ihm selbst die Kunst

zu leben zunehmend entglitten ist.

 

Die Kunst zu sterben?

Am Schluss lag er in einem kleinen

Klinikzimmer. Zu viel Alkohol und zu

viele Tabletten hatten ihn gezeichnet.

Die Kunst zu sterben wurde ihm

von anderen geschenkt.

 

Von der Stationsschwester, die sagte:

“Ich lasse Sie mit Ihrem Vater allein.

Aber wenn Sie mich brauchen, werde

ich für Sie da sein.”

 

Von einer Schwesternschülerin, die zum

Rasieren kam und zum Nägel Schneiden,

freundlich und einfühlsam, seine Würde

nicht antastend.

 

Von dem Stationsarzt, der uns versicherte:

“Ich sehe, wie sehr Ihr Vater von Liebe umgeben

ist. Lassen wir doch dieses Leben ausatmen,

so wie es sich ausatmen will.”

 

(Waldemar Pisarski. Auch am Abend wird es licht sein. Die Kunst, zu leben und zu sterben. Claudius Verlag. München 2005)

Quelle

“Nicht genug, dass die Bäume in den Himmel wachsen, jetzt lachen sogar die Eichhörnchen und werfen Haselnüsse ins All.”

(Günter Bruno Fuchs)

Hach, was spinntisiere ich gern rum mit Menschen. Gestern wieder erwogen Schwester und ich, den Jakobspilgerweg im Joggingtempo zu laufen. Passt ja für olle Humpelächzommas, nichts wäre uns lieber. Oder das mit dem Besuch einer Crackparty – dafür würden wir uns jede eine dunkelrote Ganzkörperverhüllung besorgen, mit Schlitzen für unsere wunderbaren Blitzeaugen.

Für den Kerkelingpfad bräuchten wir passende Gemäßkleidung, daran wird noch gearbeitet. Die Drohnen für unser Gepäck müssen bestellt werden, überhaupt erst angefertigt von Hufschmieden der Zukunft.

Frühstücksehetest kam zu überraschendem Ergebnis. Ich zeigte ihm ein Bild mit fünf jungen Müttern, die mit Baby im Museum sind (Link im ersten Kommentar), fragte ihn, welche er für sich erwählen würde im jüngeren Sein. Er tippte nach kurzer Betrachtung auf genau die beiden, von denen ich meinte, dass er…! Schön, was das nun wieder aussagt!

Plattenspieler

Hinter dem Tor

(900 Jahre Stille)

 

Im Kloster Sainte-Marie de Fontfroide

unheimlich das Schweigen

der Zisterzienser

Da die Capitula

Der einzige Ort

an dem man hier sprechen durfte

900 Jahre lang  hinter diesem Tor

Dem Himmel ein Loch in den Saum gerissen

ins runde Fenster aus blauem Glas gegossen

Im Morgen Grauen Verstecke

Überwintern Überwachen

verfolgter Neubeginn

im Hof Küchenkräuter und Askese

Was weiß der stumme Lavendel

Die Brennnessel vor dem Tor

Der Besucher vor mir

Braune Cargohose festes Schuhwerk

Cäsarenmine aus dem Ruhrpott

redet und redet und es hallt hallt

Endlich – raus aus der Capitula

Die Frau in Pink vor mir

muss ihn wieder halten

ihren Flamingoschnabel

 

(Tanja Dückers. In: Gedichte für Reisende. Hrsg. Anton G. Leitner und Gabriele Trinckler. dtv München 2015)

Brechmittel

Im Altapfelbaum hängt frisch gewaschene Unterwäsche, weil die Leine nicht langt. Ordentlich flattern auf dieser kurzen Handtücher, Menschenhemden, so was.

Beim Kiebitzmarkt will ich eine Handfegerschippe kaufen und Wäscheklammern aus Holz. Wie die, auf der “Tessa” steht, Name einer Lieblingsschülerin, deren Referatsbebilderungen da dran befestigt waren.

“Irre sind menschlich” las ich irgendwo. Dazu passend grad eine Sendung über den Vollhorst, wie ihn Bruno Jonas sich vorstellt. Beispielsweise sagt er, dass Griechenland früher Bayern war, auch an blau-weiß zu erkennen. Rumspinnen ist klasse. Beim heftig nötigen Begießen meiner einzelnen Zwiebel, der Herbstanemone, der Echinacea und des Oleanders denke ich an verschiedene Lieblingsmenschen, doch auch der doofen muss gedacht werden. Manchmal denke ich auch Doofes über richtige Vollmenschen.-

Mann und Sohn haben rumliegendes Altholz gesägt. Der Enkel hatte zuerst Angst vor der lautstarken Säge. Nun will er sie immer wieder betrachten und sagt leise “Traktor” zu ihr. Das Sägemehl gab schönes Material, um unsere Füße zu verstecken. Langsam wümmelten sich meine roten Zehennägel heraus, der Kleine staunte, wollte das Spiel gar nicht mehr aufhören, bis die dicke Hummel vorbeikam, zu der er “Nadaschda” sagt. Ich muss mein “Kind” nicht rufen, es springt permanent ungefragt hervor. Im Berufsleben war das ab und an ein von beamtlichen Steifmenschen kopfschüttelnd zur Kenntnis genommenes Phänomen; meine Erwachsenenmaske verrutschte in den unpassendsten Momenten.

Nun darf ich sogar Büstenhalter in Apfelbäume hängen und Füße in Sägemehl vergraben.

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