Utensilien

Man wird nicht besser mit den Jahren –

wie sollt´ es auch? Man wird bequem

und bringt, um sich die Reu´ zu sparen,

die Fehler all in ein System.

 

Das gibt dann eine glatte Fläche,

man gleitet unbehindert fort,

und „allgemeine Menschenschwäche“

wird unser Trost- und Losungswort.

 

Die Fragen alle sind erledigt,

das eine geht, das andre nicht,

nur manchmal eine stumme Predigt

hält uns der Kinder Angesicht.

 

(Theodor Fontane)

Räuber

In Zeiten der Tourinachsaison starten sie, entweder mit Kleinkindern und Gummistiefelköfferchen oder mit ihrem ganzen Karrieregewese im Handgepäck. In meines kommen trotz der neuen Leichtmoden ein paar auserlesene Bücher. Nicht aber das vom Herrn Melle, das habe ich bis dahin quer gelesen. Plötzlich wollte ich nicht länger mich den durchaus perfekt geschilderten Manieattacken eines mir fremden Mannes aussetzen. Es kam über mich. Diese Frage, wie anders eine Frau damit umgehen würde. Oder wohin es mich trägt. Alles lasse ich mir nicht mehr gefallen. Mich mutwillig freiwillig durch schlimme, gar höllische Wahnsinnszustände katapultieren …Nein, lieber dieses fantastische Herbstgelichter genießen. In der noch wärmenden Sonne Märchen lesen, mit dem Enkel Wimmelbücher anschauen, mich von ihm füttern lassen mit Spielelöffelchen, mich schütteln und kreischen: „Ihhh, das schmeckt wie Hasenpipi!“ – und er lacht und lacht.

 

Einsiedler/Einsiedlerinnen

Was Fünfzig sprach

 

Als ich jung war, da waren meine Lehrer alt.

Mein Feuer gab ich auf für kalte Form.

Ich litt wie ein Metall beim Guss.

Ich lernte die Vergangenheit beim Alter.

 

Nun bin ich alt, und nun sind meine Lehrer jung.

Was nicht mehr formbar ist, zeigt tiefe Risse.

Ich mühe mich, den Spalt zu schließen.

Ich lerne jetzt die Zukunft bei der Jugend.

 

(Robert Frost. In: So jung wie die Hoffnung. Gedichte und Geschichten vom Älterwerden. Hrsg.: Andrea Wüstner. Reclam Stuttgart 2012)

Kraftquellen

Leise möchte ich durch stille Gänge eines vieltürigen Literaturinstituts gehen, hier und da in einen Sonnenfensterraum schauen, wo Damen in Schlitzengröcken seitlich auf feinen Schreibtischen hocken und nachdenklich ihren Castellbleistift übers Notizblöckchen kratzen lassen, feine Kritzelspuren im Hinblick auf nächste Preisverleihungen.  Der Oberliteraturhecht turnt im Teppichbodengang an seinen Ferienrestyogaübungen herum, will sie noch schnell perfektionieren. Auf der stillen Urlaubsinsel sah er Damen in Schwimmanzügen Yoga auf Surfbrettchen knapp über Wasser zelebrieren in schon kühlen Dämmerstunden.

Stattdessen im Internet, das manch einer zu hassen vorgibt, Worte lesen von Ingeborg Bachmann oder namhaften Buchhandelsnothelferriegen, es stürmt sich auf herbstliche Großmessen oder Kleinpoetische Salons zu.

Das eine Buch von dieser wichtigen Preiswürdigkeitsliste ist schon in meinem Besitz, und es beginnt so:

„Ich möchte Ihnen von einem Verlust berichten. Es geht um meine Bibliothek. Es gibt diese Bibliothek nicht mehr. Ich habe sie verloren.“ (Thomas Melle. Die Welt im Rücken. Rowohlt Berlin 2016)

Ex-Partner

Nun kommt der weniger wonnigliche Nachsommerfrühherbst, obwohl unsere sattgelben Sonnenhutblumen neben den lila Prunkwinden noch stramm stehen. Das Walnusssammeleichhorn keckert aufgeregt herum, wenn die Katzen im Garten schleichen, erstes Rabengekrähe lässt Novembergefühle vorempfinden, noch blattvoll und nebellos.

Die aktuelle Lektüre lässt mich immer wieder nach Luft schnappen; Lesepausen werden nötig. Das Buch sollte nur von stabilen, sicher in der Welt stehenden Menschen gelesen werden. (Thomas Melle: Die Welt im Rücken).

Wieso kriegt der Enkel große Augen, wenn ich mit den Händen unter einer braunen Decke verschiedene Tiere vermime? Respekt vor braunen Decken hat er doch sonst nicht.

Da wird wieder so ein entwicklungspsychologischer Geistertrick dahinter stecken.

Mit http://www.charmingquark.de war ich wunderbar sinnsonniglich auf Hiddensee unterwegs.

In den Träumen wieder die Schule.

Was bloß träumen die Schlosser, Bäcker und Metzger im Ruhestand, die Brigadenführer, Schriftsetzer und Bootsführerscheinabnehmer?

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