Gartenzwerge/Gartenskulpturen

Daß es noch möglich ist…

 

Daß es noch möglich ist, mit neuen Leuten

sich anzufreunden, ohne sich zu häuten,

zu spüren, wie der Strauch den warmen Föhn,

der neu den Saft weckt, oh, wie ist das schön!

 

Vertraulichkeiten schweigsam zu empfangen,

von sich erhitzt zu reden, bis die Wangen

glühn und der Raum erfüllt ist von Gedröhn

und Rauch und Weindunst, oh, wie ist das schön!

 

Als reifer Mensch sich rückhaltlos zu geben,

gemeinsam viel zu planen und das Leben

trotz Mühsal, Kummer, Schmerzen und Gestöhn

zu zweit zu meistern, oh, wie ist das schön!

 

(Theodor Kramer – im ersten Kommentar singt`s einer – Das Gedicht in: „Neue Freuden, Neue Kräfte“, Ermutigungen. Hrsg.: Herbert Schnierle-Lutz. Insel Verlag Berlin 2013)

Mai

Immer noch den Kachelofen beheizen, auch mit vertrockneten Gartenzweiglein und mit von den Zerhackkrähen zurückgelassenen Walnussschalenhälften. Holzkleinteilsammelgen, von der Großmutter eingefleischt, anderen unbegreiflich. Die wissen schon und lächeln sich eins. Des angetrauten Vater hatte berufsmäßig im Wald zu tun, der hat das überhaupt nicht. Man erklärte mir mal, dass der Großmuttermann sich in einer Waldhöhle versteckt hielt, als die SS ihn suchte. (Dass sie ihn per Erpressung fanden und fast zu Tode prügelten, erzähle ich hier nicht).

Eben diesen wunderbaren Obstschmandkuchen bereitet. Da kommt ein wenig Besuch. Die mir noch gebliebenen Freundinnen, und so. Ich will nur nicht immer über verdammte Scheißkrankheiten reden mit denen. Ach ja, es gab vor ungefähr dreißig, vierzig Jahren selbstverständlich auch Babykackbeschaffenheitsgespräche, vermischt mit didaktischen Turnstundenvorbereitungen oder Konferenzgeheimnissbolzen. Der eine Kollege, der nur mit dem Sportlehrersmund lachte, die Augen seltsam unbeteiligt. Oder die Kollegin mit der Stefan-Zweig-Attitüde und ihrer Grünkreidenallergie. Wie sie mir vor die Füße rannte, schreiend, weil ein paar Provozierlümmel die gesamte Tafel grün bemalt hatten.

Langsam knöpfe ich die obersten Dinger am grauen Gartenhauskleid auf, schaue nach, wie es den winzigen Stielwärzchen unterm Busen geht. Da kommt gleich ein Püderchen drauf. Vorher mal tüchtig kneten, die zarten Gebilde, an denen sich prompt was aufrichtet. Es geht also noch!

Dabei etwas von Hermann Löns im Radio hören, wie er sich von holzigen Nebelmonstern in der Heide verfolgt fühlte. Mir fallen die fürchterlichen Tatzelwürmer ein, mit denen ich der kleinen Schwester früher Angst machte. Es waren doch nur die Regentropfnebelholzstümpfe im Wanderwald. Ach, Wald, du nun wieder!

Sich verirren

Wieder so Sachen, die mit Altern und Töden zu tun haben. Obwohl ich doch abends im Bett so lache, dass die Liegestatt beinahe zu wandern beginnt. Der Joachim Meyerhoff mit seinen Zeilen über die Wunderkreischchampagnergroßeltern mit Schlüsselchen zum Nypmenburger Schlosspark kann das. „Ach, diese Lücke, diese entsetzliche Lücke“.

Nicht nur über die schreibt er, auch über seine Eltern, seinen verstorbenen Bruder, die Schauspielerlernkollegen, und andere. Es ist zum Lachen, wie ich schon sagte, aber auch zum Weinen und zum Überlebensnachdenken. In den nächsten Tagen kommt noch ein Zitat, in welchem meinen Gedanken beim Erleben von Toden in der engsten Umgebung heftigst intensiv hervorragend Worte gegeben werden.

Krakle ich Notizen hin, ist ein neues Buchstabentauschvergesssystem sichtbar, auch ein zunehmendes Gezitter vertreibt die feine, ordentliche, brave Lehrerinnenschrift.

Wäre eventuell bei der Stimme ähnlich, doch die höre ich ja nicht. Klingelt -selten- das Telefon, stelle ich blitzschnell die Stimme auf stramm, straff und jugendlich ein. Wo kämen wir denn sonst hin.

Auch die Freundin von Uschi Obermaier, der laut Medien ungezähmten Wilden, hört man, wie ich in der doofen Klamottenkaufanbietsendung sehen konnte und hören, dieses neue Alterstimbre an.

Kein Mensch wird verschont. Niemand hält diese Janis-Joplin-Stimme bis ins hohe Alter, es sei denn, man ist ein Piepsstimmenservicewesen. Da lach ich mich schepp, so unnatürlich…

Meine eine Oma hatte eine liebe Zitterstimme mit bisschen Weinerlichkeit, die andere, die so lange lebte, ein Bitterdragonermitleidslosgetönsorgan.

Meine soll Edith Piaf oder Hilde Knef sein, ist aber eher leicht Sentabergerisch und viel zu leise. Was wohl noch wird?

War es vor, war`s nach dem Essen,

Als bei Lotten er gesessen?

Was des weitern dann geschehen,

Durfte, fragen wir, es sehen

Der Geliebten kleiner Fritz?

 

Mariane – wer es wüßte,

Ob er nur die Stirne küßte,

Ob er, um nicht bloß zu nippen,

Kühnlich Lippen drückt` auf Lippen,

Amors älterer Noviz?

 

Nur ein Schwätzer kann verübeln

Dieses Stöbern, Krabbeln, Grübeln,

Diese kritisch feine Beize,

Frucht der süßen Prickelreize,

Diesen edeln Wunderfiz.

 

Doch uns lockt nicht nur das Nächste,

Ha! wir wagen zu dem Texte

Konjektürchen anzubringen,

Große Tat! Wird sie gelingen -:

Unser schönstes Benefiz!

 

(Friedrich Theodor Vischer. Aus „Faust. Der Tragödie Dritter Teil“. Gefunden: Reclams Literaturkalender 2007)

peinlich

Leute, die mit Torten, Kuchen, Tee und x-beliebigem Wein Hochzeit feiern, würden meist nichts lieber tun, als sich gegenseitig die Bratpfannen und Topfdeckel um die Ohren zu schlagen. Warum sonst haben sie sich das Datum so gut gemerkt, an dem sie auf dem Standesamt waren…

Glückliche, jedenfalls einigermaßen glückliche Ehepaare, Ehepaare also, deren Entschluss, beisammen zu bleiben, tatsächlich einer Gratulation wert ist, vergessen das Datum und feiern Hochzeit unter vier Augen.

(Willem Frederik Hermans an Gerard Reve, 22. August 1956. Kalenderblatt dieser Woche, 25. April bis 1. Mai, Arche Literaturkalender 2016)

Shakespeare

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