Reisesegen

 

Rhabarberstauden werfen einen Palmblattschatten,

und die Wetterhexe liegt im Sonnenstudio,

so lang, bis der Weiher eine Eisglatze hat.

 

Und jede Weltreise beginnt auf einem Dreirad,

eine staubige Hauptstraße hinunter,

an drei Misthäufen vorbei.

 

Und nur in einem Koffer ohne Boden

ließ sich alles mitnehmen.

 

(Walle Sayer. In: Gedichte für Reisende. Herausgegeben von Anton G. Leitner und Gabriele Trinckler. dtv München 2015)

“Pfründe”

Sommerintermezzo, ausgerechnet am wärmsten Tag dieses Frühlings weilten wir flanierend in der Lieblingsstadt. Kein Wunder, dass die Buchladenmädels sich vor Langeweile hinter der Kasse ringelten, kann man sich doch vielerecks umsonsten Bücher aus den öffentlich sprießenden Schränken nehmen, manche noch in Folie. In der Altstadt der eine war wie ein altes Knarzfenster zu öffnen. Wir saßen beinahe vorm Whiskeyspezialladen und ein Mops streunte schnaufend vorbei. Des Weiteren in der Auslage eines Taschenkofferspezialgeschäftes nähe Dom plötzlich ein Arsenal von unterschiedlichsten Clutchtäschlein, samtig, netzig, glänzend, strassbesetzt. Schwarz fast alle. In die von Liebeskind könnte man ausländische Geldscheine falten oder Schmetterlingsflügel, gefundene, vorsichtig hineinschichtbetten.

Meine Schwester untersucht einen Beichtstuhl in der St.Ignazkirche, hebt den Vorhang kurz, da könne man ja nur drin knien…Draußen eine Kreuzigungsszene vom Bildhauer Backoffen, für kleine Kinder gewiss gruselig. Besonders der linke Gekreuzigte, der hängt sehr schrecklich da.

Bierbauchpizza im Angebot. Typisch Verleserle, steht da doch Bärlauch…

Und die ewig in der Stadt sichtbare alte Walkürenobdachlose mit einem behangenen Einkaufswagen in Kleinbusgröße. Sie hatte Obenrum fast nichts an, rückenfrei jedenfalls und schaute fix und alle über ihre Sachen, jeden Moment hinsinkdrohend aufs Fußgängerzonenpflaster. Die Frau will kein anderes Leben, so habe ich es mal irgendwo erfahren.

All die näher angeschauten Begegnungsmenschen defilierten in meine Einschlafstunde, auch der mittelalte Mann am Nebentisch, der seiner Begleiterin unermüdlich Computersachen erklärte und von seiner Psychotherapeutin berichtete. Die Zuhörende sagte fast nichts. Da haben wir es wieder!

Dafür können meine Begleiterin und ich nach so vielen Jahren des gemeinsam auf der Weltseins perfekte Schwesterngespräche führen und Guckmalda, wie Tante Käthe sagen, oder Da, das alte Ehepaar, schlurfmüde, aber sich bestimmt liebend handinhand.

Fußkrank und hüftheulend der Tagesausklang im Gastgarten eines Leckerlokals auf dem Lande. Jammerlachend wir beide. Schwungvoll kommt der Liebste um die Ecke und freut sich mit uns. Radlersprudeleien, Tafelspitz , lila Fädchen auf Fleischwurstsalat, dürres Raubvogelgeschrei. Es war ein guter Tag.

April

 

So lange

leuchtet die Tulpe

 

bis das Mädchen

den Kreisel und die Peitsche

vergißt und weiß

 

es wird

Gärtnerin sein

 

(Hans-Jürgen Heise. In: Die vier Jahreszeiten. Gedichte. Hrsg. Eckart Kleßmann. Reclam Stuttgart 1991)

“Spottdrossel”

Albrecht Goes: Über die Kunst des Briefeschreibens

 

Ein guter Brief ist etwas wie ein guter Hausbesuch mit allem, was zu einem Besuch gehört: Willkommen und Abschied, Anrede und Briefschluss; dazwischen die Substanz, der Mahlzeit gleich: Suppe, Fisch, Braten, Dessert; Mitteilung gewordener Geschichte, Träume von erwünschter Geschichte; Vielschichtiges: Witz und gute Laune, Schweigen und leises Wort; gesundes Brot, gewiss auch Salz und ein wenig Pfeffer.

Kann man in der Briefschreibe-Kunst viel lernen? Nicht viel. Es ist wie beim Besuch: Man muss zur Stelle sein. Man muss sich mitbringen und zugleich wissen, dass man vom Empfänger lebt.

So wird der Briefschreiber gut daran tun, alles zu seiner Aufgabe mitzubringen, was er zur Verfügung hat: Anschauungskraft, Maß, Wertgefühl, Takt und Humor, Geist und Liebe. Ein guter Brief ist die Leistung eines Menschen, der sich selbst mit allem dem seinen zusammenfassen kann; und so ist es also nicht einmal Vermessenheit und Übermut, wenn er auf die Frage, wie lange er zu diesem oder jenem Brief gebraucht habe, die Antwort gibt: eine dreiviertel Stunde und mein ganzes Leben.

(In: Kommt ein Vogel geflogen. Himmlische Grüße und Wünsche. Verlag am Eschbach 2011)

Clutch

Beim morgendlichen Dachfensterrundblick brummendes Vogelfutter rauslassen, die haarigen Dickfliegen finden den Weg erst nach heftigem Waschlappenwedeln und ahnen nicht, dass das hier besser ist als ein sich näherndes Staubsaugergeräusch. Für heute wurde ein erster Sommertag versprochen von den Heiteiteiradioheinis, die gleich wieder vom geilen Grillwetter tönen. Wir werden dem Enkel den Rhein zeigen, ohne reinzusteigen, eher mit Steinchen sammeln in Blecheimerchen, wo es drin so schön scheppert.

Nach TTT und Druckfrisch am Sonntagabend gestern meine Lieblingssendungen auf Bayern: Lebenslinien, Nachtlinie und Lesezeichen. Shopping Queen und Quark dieser Sorte schaue ich lediglich, wenn ich auf Sylt weile. Nein, im Ernst: Menschen, die ihren Fernseher verbannen oder erst gar keinen haben, verstehe ich nicht. Man ist erwachsen, man sollte mit dem Ding verantwortlich umgehen können und nicht schimpfen über auch gesendeten Schrott und Biestigmist.

“Der Tag, an dem wir einen guten Brief bekommen, ist ein Freudentag. Der Tag, an dem wir einen Brief schreiben, in dem wirklich eine Antwort gegeben wird auf eine ernsthafte Frage unseres Gegenübers oder in dem eine Frage so gestellt wird, dass der Partner in Bewegung gerät, ist kein verlorener Tag.” (Albrecht Goes)

So hatte ich denn gestern einen guten Tag, kam doch da ein schöner Brief von der Mühlenfrau aus MV, die stets höchst Überraschendes als Briefpapier verwendet. Einmal ein altes, selbst entwickeltes Schwarzweißfoto, worauf sie schrieb, woran man noch immer diese Dunkelkammerflüssigkeiten riechen konnte, gestern die Rückseite von altem Blaupapier mit Praxisaufdruck.

Wie ich solche Post liebe und befühle! Stelle sie für eine Weile aufs kleine Tischmuseum, wo schon die Hollandstrandsteine meiner Schwester warten.

TROLL

Reisen! Es wird traurig sein. Ich bin viel glücklicher mit dem, was mich ständig umgibt. Reisen heißt für mich, die Seele in alle vier Himmelsrichtungen verstreuen, heißt, ein Zimmer zurücklassen, ein Haus, einen Garten, eine Stadt, eine Landschaft, Tiere, Menschen. Der Wechsel tut mir weh, so wie den Alten ihre Knochen, wenn sich das Wetter ändert. “Es ist der Zeitenwechsel”, sagt man dann. Für mich heißt dies sconforto, Kummer. A sense of loneliness I can´t explain.

(Victoria Ocampo am 24. September 1908 an Delfina Bunge)

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