Einer stand da an der Kreuzung, der Dorfdepp war`s mit draller Herbstblondfrisur. Er fragte mich, die vorbeischluderte, ob ich denn nicht bei der Arbeit sei, ich hätte doch so einen schönen Schaufensterberuf, seines Wissens. Oh, ja, guter Ausdruck für mein Lehrersein, das mit dem Schaufenster hat was!

Danach heim – alles im Traum – und ich war ab sofort eine DP (siehe Wort des Tages. Heute!), alles war rausgerissen, es wurde tapeziert und die Wohnung war der örtlichen Billigtankstelle zugeordnet. Kein gutes Gefühl.

Ob ich ans Deuten gehe?

Displaced person

Putzlappen aus aller Welt kann man immer Sonntags in einer Galerie namens „Art Factory Flox“ im sächsischen Kirschau betrachten. Wer kommt auf die Idee, Wischlappen auszustellen? Jedenfalls finde ich das beachtenswert, weil sonderbar, oder umgekehrt.

Briefe schreiben, olle Zimmerpflanzen entsorgen oder einfach draußen ihrem Herbstwinterschicksal überlassen, stille sein, und warten, bis wieder der kommt, der vor der Tür den automatischen Besen walten lässt.

Mein Leben als Nonne ist im Rheingau steckengeblieben, findet im Verborgenen statt, weil es so unzüchtig ist. Verdorbene Unterwäsche der Altersbitternis: Seemannsgarn unterm Persianermantel. Igitt, all das mag ich nicht. Lieber bei der Maskenträgerwohngemeinschaft klingeln und mit denen schlierige, kleine Achate tauschen.

Vom Hannah-Arendt-Film merkte ich mir ihr Kettenrauchen, die Kostümchen der Damenwelt und Eichmanns Mienenspiel, das besonders.

Hier eine ausführliche Filmbeschreibung:

https://christachorherr.wordpress.com/2020/10/17/ein-hervorragender-film-hannah-arendtein-hervorragender-film-hannah-arendt/

Floristik

Mir wird arg arg zumute, lese ich die Vision des Landpfarrers vom 18. Oktober…Wäre das vor fünfzig Jahren schon gewesen, hätte mein Großvater sich zu Kriegszeiten nicht verstecken können in der Waldhöhle, hätte sich später nicht dort suizidieren können…

In meinem engen Freundinnenumfeld sehe ich, welches Glück die Enkelkinder auslösen können. Manche Großeltern schwimmen, schweben, lachen, rennen, strahlen mit den jüngsten Menschen, verlieren sämtliche Masken und Bedenken, zumindest für Augenblicke…

Gut, dass wir noch unsere Knips- und Kettenhemdwerkzeuge haben von den früher gehandelten Ritterrüstungen. Damit lassen sich Kastanien löchern, diffizile Maschinchen bauen, wilde Schrägmaterialcollagen herstellen…

Ach, und hier noch zwei lustige Zeilen aus dem „Chorus der Lyriker“ von Arno Holz:

„Wir sind die letzten Mohikaner

der deutschen Stimmungspoesie.“

Gesicht

Wie ein tränenreicher Sirup kam die Gänsehaut:

Paderborn

schlichtweg

Doch wieder mit Roman ins Bett. Kurzgeschichten und Sachsachen gehen tagsüber, nicht in diesen Grauburgundereierlikördämmerstunden.

Im Roman springt jemand siebzehn Mal dem Tod von der Schippe, wie man so sagt. Irgendeine Zeitung schrieb zu meinem Nachtkästchenbuch:

„Maggie O`Farrell macht eindrucksvoll bewusst, dass wir nur einen Wimpernschlag, eine falsche Entscheidung vom lebensbedrohlichen Moment entfernt sind. Mitreißend!“ Buchtitel: Ichbin. Ichbin. Ichbin.

Ansonsten freue ich mich über die zahlreichen fantastischen Tagesworte, mitunter von lieben Menschen, die sonst lediglich „liken“. Schön!

Und ich denke an Ochsenklaviere und Wackelbrücken, an Traumfetzen von der Antiquitätenfrau im wilden Tal und der Quantenphysikprofessorin, mit der ich eine Nacht verbrachte damals am Hasenberg. In echt.

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