Wie läufst du denn rum, mit Zirkus hast du nichts am Hut, das Brokatjäckchen ist hässlich, ein aufbeblasenes Sofakissen.

Und die Turmfalken um dein Haus, müssen die sein. Dieses Geschrei. Außerdem die Gurrscheißtauben!

Erst recht das doofe Buch, das du gerade liest, wo die jungen Leute dauernd ungeniert Turbosex machen, und so verirrt leben, ach so verwirrirrt!

(Anneliese Mackintosh: So bin ich nicht (Gretas Storys). Aufbau Verlag Berlin 2016)

Die sanfteren Romane sind bestellt.

Du sollst still leben, nicht auf die Feuerwehrsirene, die rumalarmt, achten, nicht panisch zum höchsten Punkt des Hauses rennen und nach Feuer Ausschau halten. Biblis dampft eh nicht mehr.

Du sollst dem Enkel beibringen, nicht auf Ameisen zu treten. Was ihm so sehr gefällt, wenn er gefragt wird, wie Menschen aus seinem Umfeld heißen – ungefähr zehnmal die verkehrten Namen sagen, damit er den Kopf schütteln und grinsen kann. Wenn der richtige kommt, dieses Burschilachen!

Ach, Ihr Leute: So bin ich nicht.  (Bald geh ich nach Florenz, Schuhe flechten)

Hand in Hand mit dem Bedürfnis, Gedichte zu verfassen, vergeht nämlich die Abscheu davor, sie zu lesen.

(Hans Magnus Enzensberger)

anrüchig

„Ich werde den Moment nie vergessen, als ich, in der Nacht einen alten Wagen durch die endlose Monotonie des Waldes fahrend, plötzlich merkte, dass der Himmel über mir offen war, die Luft sich bewegte, es gab Wind, Raum, Freiheit …

Ich erwachte am nächsten Morgen in der Dämmerung, und sah die Hügel und die grünen Weiden, und den weiten Raum herrlich gefüllt mit Bergketten und Wolken. Ich war sehr glücklich.“

(Annemarie Schwarzenbach an Carson McCullers, 3. Oktober 1941)

 

„Vor mir lag im strahlenden Sonnenlicht die Hafenstadt Marseille, und hinter ihr funkelte das uferlose Meer. Ich holte tief Atem.

In diesem Augenblick fühlte ich mich nach beinahe zwei Jahren zum erstenmal wieder frei. Die offene Weite vor meinen Augen rief ein bislang unbekanntes Glücksgefühl in mir hervor. Es rollte in meinem Blut, kribbelte in den Fingerspitzen, erfüllte mich mit jedem Atemzug. Ich schaute in die verlockende, unbekannte Ferne, und sacht, gleichsam tröstend erstand das Bild einer anderen Stadt in mir, auf die ich nicht von einem Bahnhof, sondern von einer Burg hinabzuschauen pflegte, mein unerreichbares Prag.“

(Lenka Reinerová)

 

(Arche Literaturkalender 2016)

Was für Zeiten das waren, als ich überlegen musste, welche Papierstärke das Zeichenblatt für die neunte Klasse haben sollte, um es bei dem Kunstmittelversand G. zu bestellen. Endlich sind die qualvollen Schulnichtgenugaufpassträume vorbei. Jetzt kommen mehr so Wasserfälle und alte Pferde vor. Ist es nicht so, dass man alle sieben Jahre eine innere Rundumerneuerung erfährt?

Schon immer stark freiheitssehnsüchtig, dafür im Haushalt ein Luder. Man fand mich nie mit dem Putzeimer schmusend oder dumpfbackig Erbsensuppe rührend. Oder doch. Die Frau aus Kroatien machte viel bessere Matschbratkartoffeln wie das französische Au-pair, welches wiederum so akribisch zeichnen konnte. Mit den Kindern Papierquadrate ausschnitt, immer zwei aufeinanderklebte, in das obere winzige, aufklappbare Fensterchen schnitt und dahinter eben diese Bildchen mit Fineliner…

Derweil fuhr ich mit Marianne Faithful im offenen Wagen durch Paris. Oder wünschte mir den Joplin-Benz vom lieben Gott.

Selbstbefragung: Lasse ich die Siebenererneuerung einfach über mich ergehen oder schiebe ich ganz bewusst die Sahnetortenteller von mir weg?

Die Antwort kommt mit den ersten Sommerwinden, ganz bestimmt.

Wasserfall

Nix hören und nix sehen wollen. Lediglich betäubt unter der warmen Decke liegen. Träumen von den Leben der anderen. Von englischen Cottages kultivierter Schreib- und Gartenladys. Wenn ich in so einem zauberhaften Dickwandfachwerkteilchen leben würde. Oder in den Ostreiseartikeln von Herrn Ärmel (s.Blogroll) lesen, besonders die Einsprengsel von Patti Smith rauspicken, die Ostpreußen und Ostgegenden nicht kennt. Aber gekonnt (eingemischt in die Artikel, meine ich).

Ein eigenes Leben führen ist angesagt. Vielleicht habe ich es geführt. Eine weibliche John Irving nicht geworden, `ne Henriette Miller auch nicht. Oder die, die sich mit einem Kleist-Heinrich hingeschmissen hat. Dann lieber die Pause in den und unter den Decken.

Unser frisch gefundener Elfmeterbrunnen, was für ein Tor!

Fantasieweltmeisterschaften entstehen. Neue Familiensprüche. Und dass bloß kein Bauarbeiter reinfällt, auch sonst kein Mensch.

Heftige Gemütsdetonationen nach einem Film über die Berliner Unterwelt. Atomkrieg und so. Am Beeindruckendsten, dass ein lauter Ton in diesem unterirdischen Gewelte nicht entkommen kann und unendlich geechot wird. Wo soll der Ton auch hin.

Am Besten, weiterhin alle Sinne aufsperren und Leute vor tiefen Brunnen warnen. Freude darauf, wenn er erst ordentlich gesichert ist. Die goldenen Kugeln vom Froschkönig schön drinnen belassen.

„Ein kleiner Enkel von mir hat gesagt, als er aus der Kirche kam:

Wenn man anfängt über Gott nachzudenken, kriegt man Gehirnverschüttung. Ein neues Wort und kein schlechtes.“

 

(Thomas Mann. Gefunden hier: Zeiten der Gelassenheit. Ein literarischer Jahresbegleiter. Karl-Heinz Hartmann. Claudius Verlag München 2004)

Danziger Goldwasser

Trost

 

Unsterblich duften die Linden –

Was bangst du nur?

Du wirst vergehn und deiner Füße Spur

Wird bald kein Auge mehr im Staube finden.

Doch blau und leuchtend wird der Sommer stehn

Und wird mit seinem süßen Atemwehn

Gelind die arme Menschenbrust entbinden.

Wo kommst du her? Wie lang bist du noch hier?

Was liegt an dir?

Unsterblich duften die Linden –

 

(Ina Seidel. In: Poesie für jeden Tag. Hrsg.: Judith Sixel. Verlag Herder. Freiburg 2007)

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