Malheur

Grad spricht der Extrembergsteiger und Grenzgänger davon, dass Religion Betrug sei, da steht sie auch schon mit dem Vergrößerungsglas überm eingeklebten Vanillezuckertütchen, um den Kirschstreusel zu backen. Das ist kein Betrug, das ist eine Vorbereitung für einen geselligen Sonntagnachmittag. Das Haus duftet. Ihr Hals ist keiner einer Jungfrau mehr, trotzdem streicht sie feinlieb drüber. Liest im Zwischendurchbuch den Satz: „Wer über sich spricht, kann keine Vorwürfe machen“. Das gefällt ihr, klingt schlüssig.

Im ollen Boulevard las sie letzthin die Sätze: Camilla: dem Harry versau ich die Hochzeit! Und: Schröder hat eine Neue.

Viel besser wird es nicht mehr. Also wieder raus aus dem Untergürtellinienmilieu.

Man kann an grauen Tagen stundenlang müde zuschauen, wie Tierherden in ….gistan ihre Weideplätze wechseln. Zwischendurch kommen paar Wölfe und jagen strategisch.

Man kann dösen, schlafen, rasen, tun, baden, träumen, lesen und an die tote Mutter denken, die, wenn man sonntags anrief, jammerte: Ach, dass du auch mal wieder…

Heute kann man raus vors Haus, wenigstens ein bisschen kalte Sonne. Auf die Knie fallen, den blauen Himmel bejubeln, Hoffnung überkommt einen beim Blick auf die Schneeglöckchen vor der grauen Mauer, die stückeweise schon ungefähr dreimal eingekracht ist und sich nach jedem Frost weiter nach außen ausbeult.

So. Einfach noch ein paar Worte aus dem dicken „14,ooo things to be happy about.

the rhythmus of speech, the blend of deep and shrill voices, the medley of laughs

street musicians

the moon on the snow

the structure of things

crème fraiche to serve dolloped on top of iced coffee

„Well, I´m a dirty bird!“

Rhythmus

Erst nichts wissen. Beim Betreten des alten Hauses mit dem Enkel schnuppere ich und sage, dass es merkwürdig riecht. Der Enkel meint daraufhin, es rieche nach Räuber und Komm, wir gucken vorsichtig, ob einer sich irgendwo versteckt!

Da war keiner, nirgends, und wir haben mit Luftballons geschmissen.

Später kommt mein altes Wohlgefühl in den Räumen der Träume hoch, wo es weder nach Räuber noch nach Erika, der krautigen, riecht. Wo es das Knattern der klobigen Lochmaschinen zu hören gibt, wie damals im Fernmeldeamt. Kurze Zeit saß mir gegenüber die Schwester meiner Freundin, die mich bipolar zum Würmchen machte mit ihren Theoretikquarkredekaskaden. Zu jedem Thema wusste sie ausufernd abqualifizierend Bescheid und hat zum Glück bald gekündigt.

Sie war unter anderem Mannequin. Bei einem Besuch in London klebte ihr knalliges Kussmündchen an Biergläsern in der U-Bahn, und sie berichtete uns zarten Mädels, wie man sich in der Szene hochschlafen musste, wollte man was werden. Wir waren erst 17 und ihr damaliger Fotografenmann kochte uns jeden Abend eine mundende Shepard`s Pie.

In Soho streunten wir naiv. Und klammerten uns stahlfest an eine Straßenlaterne, als ein Auto hielt, zwei Kerle raussprangen und an uns zerrten. Ich glaube, es waren keine Fotografen. Eher so Earlgrafenlords mit hübschen Ländereien, unterkellert, oder so! Angebote, in gewisse Ateliers zu kommen, bekamen wir süßen Mäuse, doch die ältere Schwester mit dem Bierglasmündchen riet uns ab. Stattdessen kaufte ich mir in Portobelleroad einen schwarzen Jumpsuit mit Reißverschluss vorne, der mich aber auch nicht zum heißen Discohasen machte. Beim Ravi Shankar -Konzert wurde mir schlecht vor Langeweile und wir gingen weg in der Pause, zudem ich solche Angst hatte, dass in der Royal Albert Halle die Emporen runterkrachen würden.

All das, weil es bei uns manchmal nach Räuber riecht.

 

Trance

Mongolei

Da habe ich irgendwo einen gezeichneten Witz hängen mit der Überschrift „Die meisten Sprachunfälle  passieren im Haushalt“ – darunter sagt eine krächzige Schürzenfrau zum Gatten: „Müll, bringst du mal den Horst runter!“

Der Enkel rief letzthin jemandem zu: Pass auf, da steht Autos Mirko im Weg!

Heute meinte er, der Wind könne doch nicht pfeifen.

Und WIE der pfiff, heulte, mit Luftturbulenzen prahlte. Es wird ruhiger.

Leben eben.

Gulliver

 

Einmal

fand ich in Vaters Schublade

ein Vergrößerungsglas

lief hinaus

legte mich längelang

damit ins Gras

stand auf erst nach Stunden

den Kopf voll von

Dschungeln Drachen

Kletterkünstlern

Rittern und Lastträgern

kam wie aus einer

anderen Welt

 

Jakob bekam

von seinem Onkel

ein altes Fernglas

zeigte mir auch

wie man`s scharfstellt

wir schoben das

Dachfenster hoch

beobachteten aus der Ferne

die stummen Komiker

auf der Straße

die Vogelschwärme

über dem Rapsfeld

den kreisenden Bussard

und am Abendhimmel

die unermesslichen

Lichtpunkte

 

Danach sah man

auch ohne Glas

alles ganz neu

 

(Hans Georg Lenzen. In: Oder die Entdeckung der Welt. Ausgewählt von Hans-Joachim Gelberg. Büchergilde Gutenberg 1997)

Seelisch gekrümmt gekrabbelt aus dem Seligschlafbett die Zeitung aufgeschlagen und statt von zwanglosen Gesprächen zu lesen…na ja, siehe Überschrift. Am Sturmtag so müde. Lieber nicht draußen an den Braungraugrünbeeten flanieren, lieber treppaufundab trampeln, huschen oder mich hangeln, Bücher entstapeln, sichten, ordnen; noch immer alten Schulkram finden, wie beispielsweise Ideenkisten oder Materialpakete „Kunst für die Grundschule“, verdammt schade zum Wegwerfen, doch was tun damit, niemand will es mehr. Ach, ich weiß, später beim Enkel gehe ich zu den Elternabenden und Sprechstunden und brate das den Junglehrkräften über.

Einen Teufel werde ich tun. Nur sitzen auf Samtkissen und Filme über überbordende Geschwisterliebe gucken, dabei ungesunde Trüffelkugeln aus dem Porzellanladen speisen, mir gekonnt die Schokoladenfinger im Handwaschschüsselchen säubern, um anschließend ins Fangomoorbad zu steigen, nur noch Gesicht und Chinarotlackfußnägel zu sehen.

Der junge Rückenkraulbademasseur kommt rein, krempelt die Holzfällerhemdsärmel hoch und tut zartwild sein Werk. Vor Wonne sacke ich tiefschwurbelnd ein, es blubbert ein wenig. Das war`s.

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