erste astern

 

die erste vase voller astern im august

das tischtuch nässend fand ich auf dem flur

ihr abgerissnes rot roch noch nach regen

ihr leichtes lila macht mir bewußt

wie abend riecht an aufgeweichten wegen

der regen klopfte laut wie eine uhr

ach nie erfahr ich was ich stets entbehrte

der erste regen riecht bedeutungsvoll nach erde

 

als wüchsen sie an leicht verrufnen orten.

wo schweigen wuchert kaum betretner gärten

nur mühsam ungesagtes zu erhärten

so drängen erste astern mich zu worten –

 

(Wolfgang Hilbig. In: Atem der Erde. Lyrik zu den vier Jahreszeiten. Hrsg.: Asta Scheib. Radius Verlag Stuttgart 2013)

Scheuklappen

Großzügigkeit

Ach, was könnte aus dem Zimmer werden, in dem das Verpackungsmaterial für den Buchverkauf sich stapelt? Buchverkauf ist beendet.

Und diese Geburtstagskarte zum 26. – ob da irgendwann irgendwer kommt und drohend nachfragt, warum ich die nicht mehr habe?

Alte Reißzwecken, Frühlingszwiebelzusammenhaltgummis, schön beschriftete Briefumschläge, Museumskärtchen, ja sogar Seifenumhüllungen mit Jugendstilmusterpapier, Pinsel, noch aus dem Wasserfarbkasten der eigenen Schulzeit, halb zerbrochene Karteikartenkästchen, Fotos toter früherer Freundinnen, edle Parfümkartönchen, Hotelnotizblöckchen, ich will alles weiterhin um mich haben!

Zitatenbücher (Warum Frauen wie Teebeutel sind – oder Gedanken über das Reisen), Die Märchentruhe, Wörterschatz, gewonnene Bücher, wie damals den Prachtband über Paul Klee oder diese Bibel mit den modernen Kunstwerken eingemischt, all die schmalen Reclambändchen, Schmuckumschläge der Insel-Gedichtbücher….nein, wegwerfen geht nicht, obwohl ich weiß, dass die irgendwann im Container landen – dann sollen sie halt!

Klamotten gehen noch am einfachsten, die Hosenbänder knirschen morsch, nix hält mehr; Blusen sehen aus wie die einer frommen Chorsängerin – trug ich das etwa beruflich? Verrückte Rock-n-roll-Röcke trug ich nie, nur senfgelbe Kastenkleider oder Flatterhippiezeug. Der Enkel wird meine Uraltknickerbocker auch nicht tragen mögen später. So viel kann weg. Ich muss nur den Heribert-Wolfgang, den Schlechtgewissenshund übertölpeln.

Heute Abend nicht mehr, da warte ich auf den bissigen Maxim Biller, der nachher vielleicht wieder die Frau Westermann abschätzig betrachtet, ob ihrer Gefühlswallliteraturbesprechungen.

Einer sagte mal, dass eine dürre Schöne, durch älteren Gatten mit Diamantengoldschmuckzeugs behängt, auf jeden Fall frigide wäre; was Männer so sagen. Was mich nicht daran hindert zu glauben, dass es bei frommen Damen, schamvoll Dirndl- oder Kuttenbekleidet durchaus vehement in Feuchtgebieten lodert. Im Nonnenkloster die Geheimfächer, die geheime Fachfraugeliebte. Oder die Frau mit den zwei dicken Schweinen namens Curry und Würstchen. Der Mann mag keine Mehrfrauenehe, wäre ihm zu anstrengend. Manche werfen ihre Erotikspielzeuge auf den Sperrmüll, nur weil die Batterie alle ist oder der Partner durch die Lappen.  Im Traum kamen vorm Schwimmbad in Toronto wilde runde Frauen in Wallegewändern an, selbstverständlich in selbstgekauften Cabrios. Unser Entrüstspießnachbar kann meine Träume nicht sehen, regt sich nur unsinnig auf über unsere Wildweinfastzuwachsfenster. Schon den Herbst im Auge, wo das ganze Blattdreckzeug zielstrebig in seinen Hof taumelt. Siebenundzwanzig Eimer Laub von uns müsse seine arme Frau dann täglich beseitigen. Lange geht das nicht mehr so.

Schlager

Sommerbericht

 

Der nicht mehr beschrittene, der

umgangene Thymianteppich.

Eine Leerzeile, quer

durch die Glockenheide gelegt.

Nichts in den Windbruch getragen.

 

Wieder Begegnungen mit

vereinzelten Worten wie:

Steinschlag, Hartgräser, Zeit.

 

(Paul Celan. In: Atem der Erde. Lyrik zu den vier Jahreszeiten. Hrsg.: Asta Scheib. Radius Verlag Stuttgart 2013)

Orientierung

Junge Leute sieht man wuseln und dezent herumsitzen in angesagtem Ambiente des neuen Moleskine-Cafes in Mailand. Wenn du willst, kannst du in Berlin oder sonst wo so ein Ding machen (Franchise Konzept).

Der Jazzkoch, der ältere Knorzelmann aus Stuttgart, hat am Eingang seines Restaurants ein klasse Schild angebracht: „Für Allergiker kein Zutritt!“ (Vinzent Klink „Wielandshöhe“).

Komische Begebenheiten gibt es derzeit nicht, und ich mag mich nicht in die Sonne legen.

„Die Grenzerfahrung des Älterwerdens kann nun aber auch dazu führen, paradoxerweise fast, dass wir endlich genießen lernen, und zwar das, was ist und was wir nun nicht mehr einem möglichen anderen vorziehen, auf das wir vielleicht schon endlos gewartet haben. In ähnlicher Weise lernen wir zu akzeptieren, gewöhnliche Menschen zu sein. Diese Phase kann dazu führen, dass wir schließlich auch mit dem einverstanden sind, was wir bis dahin geworden sind, einschließlich des leise alternden Körpers, ohne damit das einzuschränken, was wir noch werden können. Wollten wir es verleugnen, dann erwartete uns Resignation, vielleicht sogar Verbitterung. Akzeptieren wir es, wenn auch gewiss unter Wehmut und Trauer, so kann uns die Lebendigkeit erhalten bleiben, auch in den neuen Grenzen, die uns diese Altersphase setzt.“

(Aus: Ingrid Riedel: Träume – der Anfang von allem. Kreuz Verlag Freiburg 2010)

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