Roger Willemsen

Fastnacht

 

Jetzt hebt der Frühling an,

Des Jahres tolle Lustbarkeit,

Und wer kein Narr sein kann,

Der ist auch nicht gescheit.

Die Maske vor, lauf ich herum

Als Geck, als Geck,

Ich fopp und necke jedermann:

Das eben ist mein Zweck.

 

So mancher läuft das Jahr

Allüberall als Narr herum

Und denkt, daß er´s nie war –

Das ist erschrecklich dumm.

Drum sag ich ihm vor aller Welt

Ganz keck, ganz keck:

Willkommen, lieber Herr Kolleg!

Willkommen, Bruder Geck!

 

Wenn ich mich täusche nicht,

So ist die Welt der Narren voll,

Nur daß man`s ins Gesicht

Nie sagen darf und soll.

 

Der Fasching macht die Narren nicht,

O nein! O nein!

Sie finden sich zu jeder Zeit

Auch ohne Fasching ein.

 

(August Heinrich Hoffmann von Fallersleben)

Ventilfunktion

Träumerei

 

Als ich am Morgen aufwachte

lagen alle meine Träume

neben mir auf dem Kissen

 

So viele Figuren

und alle waren ich

einige waren neu

andere glaubte ich

schon längst vergessen

 

Wir spielten noch lange miteinander

und hatten uns viel zu erzählen

 

(Löschblätter. Nachlese-Gedichte. Walter Vogt. Selbstverlag. Kirchheimbolanden 1985)

Ein Spiel mit ein wenig kohlensäurehaltigem Mineralwasser und paar Rosinen, alles in ein Glas- die Rosinen sausen hoch und runter. Der Enkel hat es erfunden und findet, dass es ein schönes Fischchenspiel sei. Am Ende fischt er alle raus und futtert die aufgetauchten Dinger. Heute kommen sie über den Apfelkuchen samt Braunzucker und zerkleinerten Walnüssen. Die, die er nicht verspeist hat.

Endlich wieder ein Traum: eine Schulklasse sollte über die stark befahrene Großstadtstraße ins Hostel gebracht werden. Auf der Verkehrsinsel wartend, wurde klar, dass ich mit einem bestimmten Schüler erst am nächsten Tag drüber durfte. Auf einer im tosenden Verkehr liegenden Insel übernachten, solches war mir höchst unangenehm und dann auch noch mit diesem kleinen biestigen Kerl. Wir fanden eine pfiffige Lösung, durch irgendwelche Hintergassen außenrum. In der Ferne war eine riesige Schiffschaukel zu sehen, sich um die ganze Welt drehend mit kreischenden Menschen.

Kommt wohl daher, dass mir jemand erzählte, in Taiwan sei ein Hochhaus am Stück umgefallen.

Das sind nicht die Träume, die ich mir wünsche. Welche denn? Na mehr so vom Paradies, Schlaraffenländern, Moorbädern, Gegenden mit sommerlichen Streuobstwiesen, Apfelduft.

Dieser zieht vom Backofen her grad durchs ganze Haus.

Gedränge/Drängler

Vom freundlich gelegenen Städtchen Mayenfeld aus, führt ein Fußweg durch grüne, baumreiche Fluren bis zum Fuße der Höhen, die von dieser Seite groß und ernst auf das Tal herniederschauen.

(Johanna Spyri, Heidi)

 

Meine Mutter war blau, blassblau mit Aschetönen, die Hände seltsamerweise dunkler als das Gesicht, als ich sie an jenem Januarmorgen in ihrer Wohnung fand.

(Delphine de Vigan, Das Lächeln meiner Mutter)

 

Der erste Schrei des Morgens verlor sich in den typischen Geräuschen Manhattans: Sirenengeheul, Hundegebell, laute Musik aus einem Auto, das am Park vorbeifuhr.

(Carol O´Connel, Kreidemädchen)

 

Meine Mutter starb mit ihrem Kopf im Schoß eines anderen Mannes.

(Michael Robotham, Der Schlafmacher)

 

Es muß ein Donnerstagabend gewesen sein, als ich ihr zum erstenmal in jenem Tanzpalast begegnete.

(Henry Miller, Sexus)

 

Als die Generation geboren wurde, der ich angehöre, fand sie die Welt ohne Stützen für Leute mit Herz und Hirn vor.

(Fernando Pessoa, Das Buch der Unruhe)

Ich mag Worte wie “gleichwohl” oder “immerhin” gern leiden; denn sie erlauben, nach etwas Abfälligem noch eine Menge Anerkennendes zu sagen.

(Christian Morgenstern)

Bunsenbrenner

Überlegungen am laufenden Band. Ob ich denn eine einfach strukturierte Frau bin. Von solchen in einer Gerichtsreportage gelesen. Die waren auf der Dummenschul gewesen.

Jedenfalls sind die Menschen um mich rum vielfältig strukturiert; rennen nicht mit Messern in Fußgängerzonen rum, sorgen eher für saubere Hauseingänge und ordentliche Schuhputzcreme.

Können das Wort “Altbaucharme” auf Anhieb erlesen, erleiden keine Zuckerwattesuchtattacken.

Meine Träume vermisse ich, die verflüchtigen sich allesamt vor dem Aufwachen. Traumtaub geworden. Ringeltaubentaub, nicht anerkanntes Krankheitsbild, keine F-sowieso-Nummer.

Die aus dem braungrauen Matsch wachsenden Schneeglöckchen reißen es noch nicht rum. Drum zerre ich das Reclambändchen “Es riecht bereits nach Veilchen” vorsichtig aus der gestapelten Lyrik.

Der Schreibtisch bietet aufzuräumendes Chaos, tröste mich nicht mehr mit dem Anblick von Friederike Mayröckers Zimmer,  bisher sehr beruhigend, doch ihr Gatte Jandl ist schon länger tot. Eingeschweißte Logik. Der Enkel mag Lokomotiven, richtig alte, wo es heiß oben rauskommt.

Bald werde ich mir das neueste Buch von Luisa Francia besorgen, ohne zu wissen, ob es da ums Aufräumen geht, auf jeden Fall um die letzten Dinge und wie man sich die möglichst schön machen kann.

Keine einfach strukturierte Autorin, obwohl sie einem ab und zu das Messer in die Seele rammt. Nix unbedingt Schlechtes!

 

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