Das rief eine junge Dame dem Protagonisten meines aktuellen Lektüredings zu. Ein sehr alter Mann, der die gut laufende Firma an seine vier Kinder übergeben wollte, bekam vom sich übervorteilt sehenden Sohn eins über die Rübe- mit einem Stuhl- was in ihm auslöst, dass er sein Leben erzählt. Nicht aufschreiben, sondern unter einer Kamera reden, so macht er es, und letztendlich erscheint es bei You Tube. Kleiner Ausschnitt: ´Meine Mutter ging nie ohne Regenschirm aus dem Haus. Caracas, Venezuela….Meine Mutter kannte nur einen einzigen Tanzschritt. Ich habe ihr das, weil das Tanzen ihr eine besonders leidenschaftliche Befriedigung bescherte, nie gesagt, aber in Wahrheit wurde selbst dieser eine Schritt kaum dem gerecht, was man mit dem Wort “tanzen” verbindet. Eigentlich sah es meistens so aus, als erlitte sie einen epileptischen Anfall.´ (Vanessa F. Fogel: Hertzmann´s Coffee. weissbooks.w.Frankfurt 2014)

In meinem Leben lache ich über die zarten Stöckchen, die im Hof zwischen den alten Pflastersteinen senkrecht in die Höhe stehen. Regenwürmer sind dabei, die alten Stiele vom wilden Wein in die Erde zu ziehen.

Über Hände habe ich mir Gedanken gemacht, nachdem ich bei Iris diesen schönen Eintrag vom 4. März las: http://www.iris-bluetenblaetter.blogspot.de

Hände können “schlechtschlimm” streicheln. Die zärtlichen Missbraucher haben die schlimmsten Nachwirkungen, meinte der Seelenkenner. Unendliche Verwirrtheit entsteht in den Kindern! Wenn einer dann auch noch mit seinen schönen, warmen, großen Händen zuerst liebend, besänftigend streichelt und bei anderer Gelegenheit oder auch nur kurz darauf, brutal zuschlägt…

Die guten Gedichte warten hier, dass ich mir die Tagesdosis hole, ein Märzgedicht soll es werden. Derer gibt es zahlreiche, erdig frische. Blaubandflatterlyrik.

 

Auf der artigen Frühmorgenfahrt zu den Leihbüchern im Radio von einem jungen Mädelchen gehört, das einen ungewöhnlichen Ausbildungsplatz gefunden hat: Hotelkauffrau in einem Erotikhotel und Swingerclub. Am Anfang, erzählt sie, war sie in der Berufsschule eine Beglotzbetuschelte, extrem. Doch im weiteren Verlauf hat man sich daran gewöhnt, nachdem sie mit ihrer offenen Art sämtliche Mitschülerfragen unaufgeregt beantworten konnte. Anfangs wäre es im Ausbildungsbetrieb merkwürdig gewesen, leicht oder gar nicht bekleideten Leuten die Pfeffermühle zu reichen oder die frischen Handtücher. Auch daran habe sie sich schnell gewöhnt.

Eine meiner Freundinnen erzählte mir früher, dass sie in einem solchen Club mal eine ehemalige Schülerin getroffen habe, aber auch gewisse Personen aus dem öffentlichen Leben, deren Namen sie mir unter strengem- versteht sich – Geheimhaltungsversprechen nannte.

Für Interessierte (am Freitag eine interessante Aktion!): http://www.maihof.com

Das ist nicht der von dem Mädchen beschriebene Ausbildungsbetrieb.

Bezüglich ihres Romans “Das verborgene Wort” wird Ulla Hahn diese Frage gestellt (nachfolgend die Antwort der Autorin):

In Ihrem Roman beschreiben Sie die Entwicklung des Proletarierkindes Hilla, die es schließlich zur Universität schafft. In den 1950er Jahren für eine Frau ein langer Weg. Wie gelingt er? Wo stellen sich Weichen?

-Es gab immer wieder Schlüsselfiguren, ich nenne sie säkularisierte Schutzengel. Menschen, die sich für mich und meine Entwicklung eingesetzt haben: Lehrer, die Schwestern im Kindergarten, der Pfarrer. Es gibt im ´Verborgenen Wort´eine Szene, in der Hillas Volksschullehrer fragt, wer von den Schülern in die höhere Schule gehen wolle. Der solle aufstehen. Hilla steht nicht auf. Da sagt der Lehrer zwei kleine Wörter, die, wenn Sie so wollen, ein Motto meines Lebens geworden sind: Steh auf! Er spricht mit Hillas Eltern, die selbst kaum Schulbildung haben und skeptisch sind, die Tochter auf die höhere Schule zu schicken. Genau so war es bei mir: Hätte dieser Lehrer mir nicht geholfen, säßen wir heute nicht hier. Wenn es im Elternhaus keine Unterstützung gibt, muss es Unterstützung von anderen Erwachsenen geben. Denn so etwas kann ein Kind gar nicht allein schaffen.

(In: “Wenn ich schreibe, habe ich niemals Angst”. Der literarische Blick auf die großen Themen des Lebens. Ursula Nuber (Hg.) Beltz Weinheim und Basel 2013)

Zum Familientreffen nahm ich der vierjährigen Prinzessin einen Farbkasten aus meinem noch vorhandenen kunstdidaktischen Bestand mit. Nach dem zarthüpfigen, großäugigen Kennenlernen der ihr noch nicht bekannten Gäste wollte sie malen. Eine Stelle am Tisch wurde dafür hergerichtet und artig schwang sie die Pinsel. Ein Blatt nach dem anderen wurde zum Trocknen gelegt. Die Kleine wusste stets genau, wann ein Buntbild fertig war. Einige Tantchen und Damen drum herum schauten, gaben kleine Farbauftragstipps und fragten, ob das ein Pferd sei, ein Trampolin, ein Engel. Das Kind schüttelte den Lockenkopf und rief schlussendlich laut: Das ist Kunst!

Ach, stark!

Nicht, wie manche Kleinen, die in der Schule mit ihrem Blatt zu mir kamen oder wenn ich hinter ihnen stand, von mir die Bestätigung wollten, dass das Bild hässlich, eklig, doof oder sch….sei!

Es gab auch andere, stolze, geliebte Kinder – die hatten recht eigenwillige Interpretationen ihrer Werke parat. Wieder andere, wilde, zappelige mit dieser Großbuchstabendiagnose, bei denen war das Schwarztöpfchen im Malkasten als Erstes leer.

Später in einigen Kunsttherapiekursen sah ich Erwachsene, die ungläubig ihre ersten Farbpinselspuren betrachteten, sehr zögerlich und eng malten. Das dauerte nie lange, bis sie wie erlöst große Bewegungen machten, großzügig bestimmte oder erstmal alle Farben nahmen und drin schwelgten, als wäre etwas frisch zur Welt gekommen. Eine ältere Dame brachte mehrere Hängebrücken aufs Papier, immer verließen die Brücken eine dunkle, graue Seite und strebten in eine Welt, die hell und licht war mit ganz hinten den Wolkenkratzern von New York, dem Eiffelturm oder riesigen Meeresmuscheln.

Noch gestern

 

Dies Frühjahr ist wie ein Herbst,

ein Abschiednehmen

von allem was kommt.

Das Karussell

fährt vorbei.

Das Karussell mit den großen Tieren.

Nie wieder

wirst du mitfahrn

und warst doch noch gestern

eins von den Kindern die mitfahren müssen.

Du wirst die Geste noch machen,

fast alle machen ja nichts als die Geste,

Leben heißt höflich sein,

kein Spielverderber.

Du ißt das Eis, das man dir in die Hand gibt,

du lächelst, weil alle lächeln,

fast alle machen die Geste der Freude

für die andern.

Gestern hast du gelacht,

weil du gelacht hast.

Du mußt es weiter tun,

du darfst niemand enttäuschen.

Viele Tage werden auch blau sein,

es gibt immer

blaue Tage

wo Lachen leichter ist,

beinah wie früher –

beinah.

 

Keiner außer dir kennt die klare Linie,

den Strich auf dem Boden,

den riesigen Strom,

den du nie mehr

überquerst.

 

(Hilde Domin. In: März. Gedichte. Ausgewählt von Evelyne Polt-Heinzl und Christine Schmidjell. Reclam Stuttgart 2013)

Über Land gefahren. An den Schneetauregenrestseechen auf den Feldern steht immer ein grauschmächtiger Einsamreiher. Ob es Frischtaufrösche gibt oder ersoffene Mäuse? Am Headquarter von SAP in Walldorf vorbei und bei Ikeadings dort. Wo ist deren Headquarter, achach, weiter oben im Norden. Wir sprechen darüber, dass Arbeitsplätze, die man mit Freude wahrnimmt, beinahe überall nach dem “Einfall” einer Unternehmensberatung abartig furchtbar den Bach runtergehen, denn es wird immer zu Einsparungen an allen Ecken und Enden geraten. Die Lustfreustellen gehen verloren, nur wer kalt, effektiv, leistungsorientiert arbeitet, wird noch ein wenig geduldet oder darf bisschen Karriere machen.

Gestern unter zahlreichen Feierlichmenschen des örtlichen und weiteren umkreislichen Gebietes gesessen bei der Überreichung des Elisabeth-Langgässer-Literaturpreises an Peter Härtling.

Zwischendurch von einem Jugendorchester Schubertstücke. In den Reden zum Preis wurde des längeren auf das unglückliche Schicksal der ältesten Langgässertochter Cordelia, die Auschwitz überlebte, eingegangen. Eine andere Tochter der Autorin saß im Publikum.

Sodann – neues Thema – möchte ich inniglich hinweisen auf diesen, heutigen Beitrag im Blog von:

https://pagophila.wordpress.com

6

Die Seele kennt keine Zeit. Es sind unsere Körper, die älter werden. Zeit, die spielt sich in den Knochen ab, im Gesicht, im Atemholen. Daher wissen wir, was das ist: Zeit…und dass sie uns wegschwemmt, jeden Tag.

9

Jeden von uns gibt es mehrfach, je nachdem wieviele Träume man verloren hat. Mit jedem Traum verliert man einen Körper.

20

“Zwiebelchen sprang übers Feld

und sprach: Rund ist die Welt…”

das hat die Großmutter immer gesagt, wenn ich fortlaufen wollte.

24

Wenn ich herausbekommen könnte, was mich hervorgebracht hat, dann hätte ich vielleicht eine Antwort. Ich wüsste vielleicht, wohin die Reise geht. Aber offenbar sind es nur Zufälle, warum Hermann mein Vater wurde, warum meine Mutter aus dem Hunsrück ihm in München über den Weg gelaufen ist, zu einem Zeitpunkt, als sie einfach gar nichts mit seinem Leben zu tun hatte.

25

Auf einmal haben sich die Zeiten vertauscht: Ich bin wieder ein 68-er Kind, das mit den Erwachsenen spielen muss, alle Freiheiten genießen, sich prügeln, bis man nicht mehr kann, nackig rumlaufen, auf den Fußboden kacken, wegrennen, wenn`s langweilig wird, die Freunde der Eltern sollen meine Familie sein…

 

(Heimat-Fragmente. Die Frauen – ein Film von Edgar Reitz. Aus: nicht schreiben ist auch keine lösung. Jahrbuch für Literatur 13. Hrsg. Sigfrid Gauch. Andrea Steinbrecher. Alexander Wasner. Brandes & Apsel. Frankfurt 2007)

Streift denn nicht uns selber ein Hauch der Luft, die um die Früheren gewesen ist?

Ist nicht in Stimmen, denen wir unser Ohr schenken, ein Echo von nun verstummten?

(Walter Benjamin. Zitat im akutellen Ausstellungsbrief von http://www.altana-kulturstiftung.de)

Was an Zeitschriften neu auftaucht und nur leicht meine Themen streift, abonniere ich probehalber. So, wie diese hier, auf der aktuell ein Knallertyp sich mit vier kleinen Kindern auf dem Titelblatt tummelt:

http://www.grosseltern-magazin.ch

Die Kleinen sind entweder seine Kinder oder seine Enkel. Wie man das heutzutage öfter mal überlegen muss. Doppelrolle Papa und Opa. Andere Themen sind beispielsweise: Bei der Geburt des Enkels dabei. Wenn Mütter ihre Töchter begleiten.

Oder ob eine ältere Dame alle drei Enkel betreuen sollte, weil die Tochter Karriere machen will (wie schon deren Gatte es tut). Der Dame wird anständig davon abgeraten. Würde ich auch nicht machen, ich sehe es an der ein oder anderen Freundin, die vor lauter Enkelbetreuung nicht mehr zum Schnaufen kommt. Egoistisches Rabenaas, ich Lebenshungrige, noch immer und wieder…

Im Heft verstreut sind Kindermundsprüche, nicht in meiner Sprache, doch trotzdem gut zu verstehen. Hier einer davon:

“Als ich meinem Enkelkind Ayla mal sagte: “Duu bisch mis grööschti Geschenk”, sagte sie ohne lang zu überlegen: “Aber Gomami, ich ha doch kei Papier Rundume!” (Maria Grob, Pfäffikon SZ)

Mit den Augen flanieren, die vorbeigehenden Leute betrachten. Nicht verstehen, wieso jugendliche Schüler verkleidet rumlaufen, wo Fasching doch rum ist. Die vom Arzttermin kommenden Apothekentütchenträger gehen unsicher, die Mütter oder Omis haben Lauchstangen aus den Einkaufsbeuteln lugen oder langes Franzosenbrot. Eine Frau mit wippendem Gang öffnet und schließt wie ein großer Jeanskarpfen ihren nicht dünnlippigen Mund, die sonderbaren Haare flattern hoch und runter. Oben grau, weiter unten rauswachsende Rosaschicht.

Ein Milchkaffeeschwarzjohannisbeertörtchengedanke ging über den Schopenhauer-Spruch:

Die ersten fünfzig Jahre des Lebens sind Text, der Rest ist Kommentar.

Heutzutage hat sich der “Text” dramatisch verlängert.

Das hat Konsequenzen auf die Zeit der “Kommentare”. -

Archive

Folgen

Erhalte jeden neuen Beitrag in deinen Posteingang.

Schließe dich 264 Followern an