Eine seit Jahren nicht mehr getragene Jacke aus dem Schrank gezerrt. Einer holte so ähnlich ein Seeungeheuer aus dem Meer oder sammelte es ein am Strand. Meine Jacke lag nicht vor dem Schrank. Und dann ein Buch bestellt, das von den alten Leuten, die auf Initiative der alten Frau nachts beieinander liegen und sich ihr Leben erzählen. Die Buchhändlerin mit frischer Frühlingswindstimme: Das ist ein sehr schönes Buch, wir haben es hier, ich leg`s Ihnen zurück. So soll es sein. (Kent Haruf: Unsere Seelen bei Nacht)

Die Turbulenzen der Jugend befinden sich im Nähergehtnichtnachbarhaus, sie hängen Schlupfwespenosterbasteleien aus. Totstellreflexe beim Marienkäfer, der Enkel fragt: Lebt der noch? Aber ja, guckmal, er pumpt das Winzkörperchen und fliegt gleich los.

Die Mütter von Schwulen haben`s immer an den Nieren, meinte mal einer. Außerdem gibt oder gab es welche, die sich in einem Holzfaß die Niagarafälle runterstürtzten, das muss arg gepoltert haben. Turbulenzen in Airbussen sind da gar nichts gegen. Und bei Tollwut kriegt man sieben Spritzen in den Bauch. Enorm, was mir einfällt an Lebensgesprenkel. Auch der jüdische Hertiehans, der, wenn ich mit Mutter Stoffe kaufen ging im Mannheimer Kaufhaus, bei ihrem Anblick schon von weitem zu singen anfing. Oder der andere Herbert, der immer Leitwolf sein wollte.

Tanzstundensachen. Damenwahl: guck da, schon wieder nur der Pickelschwitzer übrig, du lahme Ente. Oder der später Drogentote, der immer zwei Parties gab, eine für die Underdogs und eine für die vermeintliche High society. Ich durfte nur zu der erstgenannten Partygästetruppe stoßen.

Weiter: meine brüllende Angst vor Autowaschanlagen, vor diesen riesigen Walzen, deren Aufmichzukommen ich nicht aushalte. Obwohl der Mensch mit dem Schrubber so lieb gelächelt hat.

Empfindlichkeiten. Jedoch keine Allergie. Ach doch, diese gegen dumme Schwätzer, die ich mir inzwischen gut vom Halse halten kann.

Nicht jammern, wäre noch anzumerken, nicht jammern, denn Worte sind Mantren. Was du rufst, kommt.

Frühling

 

Nun ist er endlich kommen doch

In grünem Knospenschuh;

„Er kam, er kam ja immer noch“,

Die Bäume nicken sich´s zu.

 

Sie konnten ihn all erwarten kaum,

Nun treiben sie Schuß auf Schuß;

Im Garten der alte Apfelbaum,

Er sträubt sich, aber er muß.

 

Wohl zögert auch das alte Herz

Und atmet noch nicht frei,

Es bangt und sorgt: „Es ist erst März,

Und März ist noch nicht Mai.“

 

O schüttle ab den schweren Traum

Und die lange Winterruh:

Es wagt es der alte Apfelbaum,

Herze, wag´s auch du.

 

(Theodor Fontane. 1819-1898)

Park

23. März 1925  Anais Nin, Paris

 

Die kleinen Krisen vervielfältigen sich, und wir steuern den Kurs unserer Ehe nur mit tiefer Liebe. Da war die Nacht, in der Hugh nicht ohne Bitterkeit erkannte, daß er dabei war, der typische „Geschäftsmann“ zu werden, den wir beide hassen. Da die Arbeit schwieriger geworden ist und Hugh mehr Verantwortung empfindet, schenkt er ihr nicht nur seine Zeit, sondern seine Seele. Er ist spät nach Hause gekommen, brachte Arbeit mit, an der er für den Rest des Abends saß, und wenn er nicht arbeitete, redete er unaufhörlich in einer Weise darüber, die deutlich zeigte, wie besessen er war. Nichts konnte ihn ablenken, keine Nennung von Büchern, keine literarische Kritik, auch nicht mein Schreiben. Er hörte mir mit einem abwesenden Lächeln zu, um nur noch intensiver auf das Problem zurückzukommen, das ihn beschäftigte.

Ich habe ihm keinen Vorwurf gemacht. Ich verstand, daß wir eine ungewöhnliche Zeit durchliefen. Wir kamen überein, daß wir um der Zukunft willen Opfer bringen mußten. Manchmal des Nachts, wenn ich einen einsamen Tag mit Schreiben und Haushalt, dem unterdrückten Wunsch, ihm meine Arbeit zu zeigen, hinter mich gebracht hatte, löste ich mich aus seiner müden Umarmung und brütete traurig über die Vergeudung unserer Jugend. Ich sagte nichts und beobachtete, wie die Arbeit immer stärker von ihm Besitz ergriff. Auf seinem Gesicht war häufiger ein sorgenvoller Ausdruck als ein Lächeln der Entspannung. Ich sah, wie er immer mehr wie die anderen Männer wurde, die Männer, deren ganzes Denken und Fühlen dem Geschäft gilt. Das Gespenst von dem, was er dabei war zu werden, erschreckte mich. Ich konnte seiner Verwirklichung nicht mehr um dessentwillen zustimmen, was wir materiell vielleicht eines Tages besitzen werden. Was war kostbarer als seine Jugend, seine Kraft, diese Tage unserer Liebe?…

Ich verstehe jetzt, was manche verheiratete Frauen treibt, sich in ein ödes gesellschaftliches Leben zu stürzen, ihre Nachmittage in einem Klub mit Bridgespielen zu verbringen, sich mit anderen Männern „herumzutreiben“. Man beschuldigt sie der Eigensucht, weil die Männer sich in der Zwischenzeit mit Arbeit umbringen. Sie haben nicht das Recht, sich mit Arbeit umzubringen. Indem sie das tun, bringen sie alle lebendige Schönheit einer Ehe um,  das Miteinander, die gemeinsamen Freuden,  das gemeinsame Wachsen.

(Aus „Das Buch der Tagebücher“. Ausgewählt von Rainer Wieland. Piper München 2010)

amour fou

Endlich schafft sie`s mal, die Ruhestandserprobte, den Schulkram in die Tonne zu werfen. Menschenskinder, damit verdammst du nicht zuletzt, was dir so Last war. Veraltete Grappasäfte der Kunststundenvorbereitung, waren sie mir doch die liebsten. Belastendes gehört verdammt, verflucht, am besten völlig in den Vergessenheitsmodus, tiefe Täler im überhitzten Arizona, wo ich eh nie hinwollte. Wo ist die verquere Gewissheit hin, dass mein Berufsleben noch und nochmal abläuft? Wieder vor den Kichertanten und Lümmeln stehen- ey, du wolltest niemals wieder einen Fuß in eine Normschule stecken, dabei bleibt es, mein Fräuleinchen!

Deine Reviere liegen woanders, jetzt und zukünftlich. Schlendern durch sommerliche Wintersportorte, Topflappen häkeln mit diesen Holzgriffnadeln, bei der Frau Soziologin gekauft. Holländischen Nahkampfweibern einen feinen Umgang mit meiner Schwester wünschen, ihre Weltenbummlerzigarillos riechen, das Sein besprechen. Beim Nadelbaumfinsterwaldrauschen den Geist der armen Mutter spüren und wie sie den kürzlich verstorbenen Fürsten verehrte. Wie sie alle Männer in die oberen Bedienetagen hob und uns dabei vergaß, manchmal.

Einer hat ein Buch geschrieben, in dem geschildert wird, wie eine einsame alte Frau beim verwitweten Nachbarn klopft und ihm vorschlägt, dass er ab und zu bei ihr übernachtet, sie nur nebeneinander liegen und sich ihr Leben erzählen. Ich lese davon und will es lesen: Kent Haruf: Unsere Seelen bei Nacht. – Eine vorzügliche Idee.

So schön das alles, dass ich meine teleskopische Rückenkratzstange ausfahre und mich wonniglich hier und da teleskopisch weichhart massiere.

Die Mutter des Enkels hat sich ein paar Osterbastelheftchen aus dem Wegwerfzeugs rausgesucht. Also doch noch für was gut.

Am Wochenende fahren wir nicht zum Mandelblütenfest an die Weinstraße, betrachten stattdessen kleine Wunder im Garten. Schachbrettblumen und Hasenglöckchen.

Drillich

„…raucht wieder, dabei hatte sie schon längst aufhören wollen…; ihr Problem war aber, dass sie in ihren Träumen weitergeraucht hat. Die Träume sind immer das Problem. In ihnen geht alles weiter, was wir untertags verlieren oder nicht sehen. Manchmal wache ich auf und habe das Gefühl, auf der anderen Seite der Erde ein paralleles Leben zu führen, ein anderes Herz zu haben…“

(gefunden in meiner aktuellen Lektüre, dem sehr eindringlichen Buch „kirschholz und alte gefühle“ von Marica Bodrozic)

 

In meinen Träumen habe ich noch nie geraucht. Wohl aber fiese rothaarige Männer totgebissen, oder ich sehe Kinder ertrinken, wilde Leute rumbrüllen, lenkerlose Autos rumfahren, Teile von mir wandeln sich in Lapislazulidiamanten, zetern an Frittenbuden, Schmetterlinge sitzen auf Papstnasen, Krankenschwestern feiern ununterbrochen Silvester, Nebel wabern in Norwegen und Nackte wälzen sich in warmen Sanden. Auch tanzen geht, gar in filigranen roten Flamencoschuhchen oder im Wäschewittküchenkittel.

Das passende Gedicht wäre:

 

Sie war:

 

Ein unerwünschtes Kind, verstoßen

auch aus der Mutter Nachtgebet,

und ewig fern von jenem Großen,

das gebend durch die Zeiten geht.

 

Sie wünschte wenig – und nur selten

kam wie ein Weinen über sie

nach einem Land mit Purpurzelten,

nach einer fremden Melodie,

 

nach weißen Wegen, die nicht stauben

dann bog sie Rosen sich ins Haar,

und konnte doch nie Liebe glauben,

auch wenn es tief im Frühling war.

 

(Rainer Maria Rilke)

Lümmel

Ein neues großformatiges Coffee-Table-Book ist mir ins Haus gekommen: Frauen auf eigenen Füßen. Spazieren, Flanieren, Wandern. Von Karin Sagner. Richtig was zu lesen, zu schauen…

An manchen wärmeren Tagen schon am Tisch unterm noch unbeblätterten Nussbaum einen Tee einnehmen, Wolken, Eichhörnchen, Wildbienen, Scheukatzen, Brunnengugger, Kellerasseln betrachten, sofern sie ins Blickfeld geraten. Vollmond ausgehalten, Ofenbauers Besuch bringt Neuplanungen in Richtung Zukunft, der Enkel streifte einen zartblauen Krokus – ach, schnell die Hände waschen und der Wildbienenfütterung zuschauen.

Bei Diktaten roch es im Grundschulklassensaal immer so nach Pups – immer wieder diese Plötzlicherinnerungshäppchen, ungerufen auftauchend; wenn das Hirn sinnvoll am Leben teilnimmt, es gar gestaltet, dann sag mir bitte einer, was das soll. Ach, du weißt doch, weißt doch noch, wie bei Mutters Kaffeeklatsch diese Zwischendurchrufe kamen: Mir isses eingefallen, der hieß Heribert Brückbauer! Kreisch.

„Ich werde niemals wieder ein Weib auf den Mont Blanc führen“ – eine Überschrift aus dem anfangs benannten Buch.

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