Der Holunder

So grundgeheim wie jedem offen,

Wird er im Unbewohnten nicht getroffen.

Mit der betrübten Schar der Menschen teilt er seine Zeit,

Aus ihrem Kummer saugt er seine Heiterkeit.

Abwässer tränken ihn, ihn nähren Exkremente,

Als wenn er am Verworfenen entbrennte.

Auf schwanken Tisch setzt er sein Duftgericht in hellen Tellern;

Wer braucht den Schatz, den niemand sucht, zu kellern?

Durch seine Glieder zieht ein weißes Mark,

Nicht schwerer als die Luft, doch stark

Wie leichter Sinn, der niemals trumpft.

Verlierst du ihn, die Erde schrumpft!

Mann ist der Holder, Frau zugleich,

Aus harter Wurzel springt er weich.

Zu seinen Füßen ruhte Käthchen von Heilbronn,

Er weiß es noch. Er träumt davon.

(Wilhelm Lehmann. In: Flügel der Zeit. Deutsche Gedichte 1900-1950. Auswahl und Nachwort von Curt Hohoff. Fischer Frankfurt 1956)