Im Strandbad legte ihr Geliebter

die nackten Füße in den Sand.

Auf seinen Zehen wuchsen blonde Haare …

Da träumte sie gelb und braun von Mexiko,

von blonden Stacheln in Kakteen,

sie träumte schwer von Rotwein

und von Ziegenkäse,

ein Eingeborner rannte hinter ihr,

sie schrie,

er drohte ihr mit nackten Zehen …

Sie wachte auf, als ihr Geliebter

seine Füße anders in den Sand hinlegte,

anders, wie zwei fremde Stücke,

die sie nie gesehen.

O daß sie niemals in den langen Jahren

von seinen Füßen etwas wußte!

Und langsam wurde er ihr fremd

mit seinen fremden Zehen,

und sie weinte um die langen Jahre,

um jene Mund an Mund vertanen Jahre.

(Hertha Kräftner. In: Juli. Gedichte. Ausgewählt von Evelyne Polt-Heinzl und Christine Schmidjell. Reclam Stuttgart 2014)