Das Märzensterben

Wann auf den Rainen wieder Gras gedeiht

und sich die Wintersaaten frischer färben,

kommt auf dem Land bei uns zu Haus die Zeit,

in der die meisten alten Leute sterben.

Es legt die helle herbe Märzenluft

wie eine Hand sich ihnen auf die Lungen

und drückt sie wieder in die Strohsackgruft,

aus der sich manche jüngst erst aufgeschwungen.

In ihrem Wollhemd liegen sie und sehn

den Wind die Saaten vor dem Fenster zausen

und hörn die Gänse auf die Weide gehn

und nachts den Lößwind in den Kronen brausen.

Die fette Suppe bleibt im Teller stehn,

Der Sirup steht um ihren Mund in Krusten;

die Hausgenossen lassen sie versehn

und überlassen dann sie ihrem Husten.

Sie sehn noch blinzelnd, wie sich im Geäst

die Spitzen runzeln und die Knospen häuten;

und in den ersten milden Tagen läßt

der Mesner oft das Zügenglöcklein läuten.

(Theodor Kramer. In: März. Gedichte. Ausgewählt von Evelyne Polt-Heinzl und Christine Schmidjell. Reclam Stuttgart 2013)