Einem Freunde ins Stammbuch

 

Als noch in mir der eitle Glaube lebte:

Die Liebe sei der Urquell aller Freuden,

Die Hoffnung sei ein Trost in allen Leiden

Und Poesie mein ganzes Sein durchschwebte;

 

Da fand ich dich, der nur nach Prosa strebte,

Da sah ich dich im Phlegma fröhlich weiden

Und wahrlich, Freund, ich lernte dich beneiden,

Wie gern ich auch in höhren Sphären schwebte.

 

Du sahst mein Kämpfen, sahst der Seele Ringen,

Da gabst du hilfreich mir die Freundeshand

Und deiner Liebe lohnte das Gelingen.

 

Mein Sentiment erkrankte und verschwand,

Ich lernte ihm ein Schwanenlied zu singen,

Und mit der Zeit beglückt mich noch – Verstand.

 

(Theodor Fontane)