Der gelenkte Zufall führte mich in einen Buchladen und wollte, dass ich dort eine ehemalige Schulkameradin treffe. Wir „erkannten“ uns schnell, sie sagte erinnerungsstolz meinen gesamten Mädchennamen auf, rief ihn entzückt in die Bücherwände; es gab Gelächter zur Schilderung der alten Deutschlehrerin, die extravagant Etuikleider trug und uns mit ihrem dicken, roten Mund das richtige China-CH am Klassenwaschbeckenspiegel beibrachte. Sommers hatte sie kleine Deokügelchenbrocken im Achselhaar und warf manchmal ihre zierlichen Rotsandaletten vom Fuß.

Komisch, dass man nun über ein Leben als Buchhändlerin und eines als gewesene Lehrerin so vergangenheitsverrückt und gar nicht knatschig einverstanden reden, lachen und chinesenaugenmäßig entzückt gucken kann.

Die alte, kastige Schule fand ich noch und die Herren Mathefieslehrer und Philosophielieblehrer wanderten im Schulgeiste, Hände auf dem Rücken verschränkt, drinnen auf den knarzenden Treppen und Böden herum.

Im Schnörkelmokkatässchencafe traf ich zwei geliebte Frauen, von denen eine dem Tode nahe, dennoch in ein anderes Land auswandern will. Sie schildert uns ihre genauen Vorstellungen von ihrer noch gesuchten letzten Wohnung. Von nervöser Melancholie samt Zuversicht hoffnungsvoll getönt. So möchte ich es auch sehen. Die Leinendesignwitwe am Nebentisch verkörperte letzte Vernünfte in dezentem Hellblau mit weißen Großpunkten und Silberpanzerkette.

Peter Noll: Diktate über Sterben und Tod, das will ich jetzt noch einmal lesen. Es fiel mir bei den Chemoschilderungen der kranken Freundin ein.