Emil

 

Emil, der seit geraumer Zeit,

Den Klugen wohl bekannt, bei seinen Büchern lebte,

Und mehr nach der Geschicklichkeit

Zu einem Amt, als nach dem Amte strebte,

Ward einst von einem Freund gefragt:

Warum er denn kein Amt noch hätte,

Da doch die ganze Stadt so rühmlich von ihm redte,

Und mancher sich vor ihm schon in ein Amt gewagt,

Der nicht den zehnten Teil von seinen Gaben hätte?

„Ich“, sprach Emil, „will lieber, daß man fragt,

Warum man mich doch ohn ein Amt läßt leben,

Als daß man fragt: warum man mir ein Amt gegeben?“

 

(Christian Fürchtegott Gellert. Sämtliche Fabeln und Erzählungen. Geistliche Oden und Lieder)