„Aber das Schlimmste waren die Kreppchen von Omutter Kirschner, die sie uns gebacken und in einer Schachtel, in der vorher Seife gewesen sein mußte, verpackt hatte. Ich kann diese Kreppchen nicht vergessen, dieses zerbröckelte, nach Seife riechende Gebäck, Symbol einer glücklichen Kindheit, Indiz einer zerstörten Welt, letzter Liebesbeweis meiner qualvoll zugrunde gehenden Großmutter, der man das Recht, Mensch zu sein, entzogen hatte. Damals wußte ich das nicht, und ich wußte nicht, warum ich weinte. Da war nur eine grenzenlose Trostlosigkeit in mir, das nicht in Worte zu fassende Gefühl, daß nichts in dieser Welt stimmte, daß alles verquer war und es keinen Menschen gab, keinen einzigen, an den man sich halten konnte.“

(Angelika Schrobsdorff, Du bist nicht so wie andre Mütter. Die Geschichte einer leidenschaftlichen Frau, 1992) Auf dem Wochenblatt für die aktuelle Woche, Aufbau Literaturkalender 2017