Die Geister der Autoren

 

Ich glaube, nächtens schleichen sich die Geister von Autoren

Zu den schlafenden Regalen, wo sie spuken

Und die Bücher, die sie schrieben, suchen.

Jene Autoren legen letzte Hand an, vorletzte Hand,

Manchmal entsteht ein ganzer Absatz.

 

Ganze Seiten kommen hinzu, werden umgeschrieben und verbessert,

So stark sind jene Autoren des Nachts

Mit ihren alten Büchern beschäftigt.

 

Wie sonst

Lässt sich erklären, dass der Leser,

Vielleicht nach langen Jahren,

das Buch herausnimmt – Stand das schon immer da?

Daran erinnre ich mich gar nicht …Woher

Kommt dieser Schluss?

Mir ist ein ganz andrer im Gedächtnis.

 

Oh ja, das Buch hat sich verändert,

Kein Zweifel –

Das ist die Hand des Autors, hier und dort und dort,

Wo sie vorher nicht zu spüren war;

Mehr noch, da fehlt doch etwas –

Ich hätte schwören können …

 

(Muriel Spark. In: Heimliche Gedichte. Ausgewählt von Daniel Keel und Daniel Kampa. Diogenes Zürich 2007)