Luise

 

Ich erinnre mich sehr genau an die Zeit,

Als ich acht Jahre alt war

Und in einem Dorf, ganz nah, doch zu weit,

Als daß ich heut jemals hinfahr.

Da war so eine alte Frau:

Stiefschwiegermutter der Tante.

Die war sehr gut zu mir, und ich war

Für sie nicht mal eine Verwandte,

Nur ein fremdes Mädel aus der Stadt,

Das ihr Arbeit machte,

Und Arbeit hatte sie so genug.

Die alte Frau aber brachte

Mir Bücher zum Lesen und kochte für mich

Und für mich allein Schokolade

Und lächelte, wenn ich las, und strich

Mir den Scheitel, der schief war, grade.

Sie flocht mir die Zöpfe. Ich war ja noch klein.

Und sie verlangte nichts von mir,

Als da zu sein und glücklich zu sein.

Vielleicht verdanke ich ihr

Einen Überschuß zum Weitergeben:

Was sie tat, das tat sie leicht.

Merkwürdig ist, wie fremdes Leben

Ins eigne hinüberreicht …

Wie lange ist diese Frau nun schon tot,

Die man Luise nannte,

Und die vielleicht außer mir, dem Kind,

Keiner wirklich kannte …

Die andern haben sie nicht geliebt,

Das spürte ich genau.

Ich glaube, sie war kinderlos und war die dritte Frau

Des Hausherrn, der sehr schweigsam war:

Sprach er überhaupt mit ihr?

Mir war, als wär sie allein im Weg

Wie ein überflüssiges Tier.

Und ich hatte Angst, daß man sie auszankt,

Weil sie gut zu mir war.

Und mich quält heut: hab ich ihr damals gedankt?

Sie strich mir doch übers Haar?

 

(Eva Strittmatter. Mondschnee liegt auf den Wiesen. Gedichte. Edition Neue Texte Aufbau-Verlag Berlin und Weimar 1975. 6.Auflage 1984)