Eines Tages wird sie zwischen den Buchdeckeln bleiben

 

Meta schlüpft aus dem Lusthaus und schleicht ins Haus, die Stiege hinauf, auf nackten Sohlen. Aus der Küche dringt Mamas Stimme, die Nandis verschlafene Fragen beantwortet. Nandi hat es gut; besser, man denkt nicht daran. Schon ist sie in ihrem Zimmer, drückt die Tür hinter sich zu, und gleich darauf liegt sie auf dem Bettvorleger und liest in David Copperfield. Meta vergißt, was geschehen ist, und das Buchstabenmeer schlägt rauschend über ihr zusammen. Ihr Herz schlägt jetzt im kleinen David, und ihre Hand schiebt seine schwarzen Locken aus der Stirn.

Lange Zeit später ruft Mama zum Abendessen. Das Zwitterwesen David-Meta wird grausam auseinandergerissen. David erstarrt zu einem flachen Bildchen, und eine verwirrte, rotwangige Meta stolpert benommen die Stiege hinunter. Eben war sie mitten in einem Gespräch mit Mister Dick, und jetzt muß sie sich zu einem lächerlichen Eierschmarrn begeben. Das Leben ist ein schreckliches Durcheinander. Man sollte sie nicht immer so plötzlich von David trennen. Eines Tages wird sie zwischen den Buchdeckeln bleiben, und eine leere Hülle wird am Tisch sitzen. Möglicherweise wird kein Mensch es bemerken. Dieser Gedanke ist beängstigend.

Erst al sie mit der großen Zehe gegen die Türschwelle stößt, kommt sie schmerzhaft zu sich.

 

(Marlen Haushofer. In: Lese-Glück. Eine Anthologie über den Himmel auf Erden. Hrsg.: Doris Maurer. Klartext Verlag Essen 1996)

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