Ostern

 

Vier freie Tage. Was reden sie

von Karfreitag und Kreuzigung

und daß einer auferstanden ist.

Auf den Autobahnen staut der Verkehr.

 

Übliche Unfälle, was reden sie

von Karfreitag und Kreuzigung?

Für die Ostertoten steht die Versicherung ein.

Was soll´s, normale Opfer.

 

Und da sagt einer, wir verstehen ihn nicht,

er ist für die Menschen gestorben,

wie ein Verbrecher ans Kreuz geschlagen.

Richtig, sagen alle, wir verstehen das nicht.

 

Es geht uns nichts an, sagen sie, sagst du,

wahrscheinlich ein Spinner, aber wir

haben vier freie Tage vor uns.

Die Radio- und Fernsehprogramme spielen noch Ostern.

(1978)

 

(Ingeborg Drewitz. In: Atem der Erde. Lyrik zu den vier Jahreszeiten. Hrsg.: Asta Scheib. Radius Stuttgart 2013)