Auf den Tod eines Dichters

 

Mein Freund, der Dichter, ist gestorben.

Wir haben ihn unter einer Akazie begraben.

Seine Lebensgefährtin – ein böses Weib –

putzte die Gasthaussuppe aus einem Smoking

(er trug ihn zum Begräbnis),

denn er hatte sich, sagte sie,

zeit seines Lebens nach Reinheit gesehnt.

Im übrigen fand sie, die Akazie dufte zu sehr,

er habe schon immer

über ihr schweres Parfüm heimlich geklagt.

Sie aber habe gelitten, ach, gelitten

unter seinem Geruch

nach Tintenentferner und Bühnenstaub

und aufgeschnittnem Papier und manchmal

leider – manchmal nach einer Sorte von Puder,

die sie niemals benützte.

Das sagte die Lebensgefährtin

auf dem Heimweg vom Grab,

und mehr war über sein Leben auch nicht zu sagen.

 

Indessen lag er still unter der süßen Akazie.

Hätt´ers gewußt, er hätte nächtelang nicht geschlafen

und sich um Verse gequält,

um Verse von weißen Akaziendolden

und graufeuchten Morgen

und bleichenden Knochen unter dem Gras.

 

(Hertha Kräftner „Das Werk“ Gedichte Skizzen Tagebücher. Ausgewählt von Otto Breicha und Andreas Okopenko.Verlegt bei der Edition Roetzer. Burgenländischer PEN-Club, Eisenstadt 1977)