23. März 1925  Anais Nin, Paris

 

Die kleinen Krisen vervielfältigen sich, und wir steuern den Kurs unserer Ehe nur mit tiefer Liebe. Da war die Nacht, in der Hugh nicht ohne Bitterkeit erkannte, daß er dabei war, der typische „Geschäftsmann“ zu werden, den wir beide hassen. Da die Arbeit schwieriger geworden ist und Hugh mehr Verantwortung empfindet, schenkt er ihr nicht nur seine Zeit, sondern seine Seele. Er ist spät nach Hause gekommen, brachte Arbeit mit, an der er für den Rest des Abends saß, und wenn er nicht arbeitete, redete er unaufhörlich in einer Weise darüber, die deutlich zeigte, wie besessen er war. Nichts konnte ihn ablenken, keine Nennung von Büchern, keine literarische Kritik, auch nicht mein Schreiben. Er hörte mir mit einem abwesenden Lächeln zu, um nur noch intensiver auf das Problem zurückzukommen, das ihn beschäftigte.

Ich habe ihm keinen Vorwurf gemacht. Ich verstand, daß wir eine ungewöhnliche Zeit durchliefen. Wir kamen überein, daß wir um der Zukunft willen Opfer bringen mußten. Manchmal des Nachts, wenn ich einen einsamen Tag mit Schreiben und Haushalt, dem unterdrückten Wunsch, ihm meine Arbeit zu zeigen, hinter mich gebracht hatte, löste ich mich aus seiner müden Umarmung und brütete traurig über die Vergeudung unserer Jugend. Ich sagte nichts und beobachtete, wie die Arbeit immer stärker von ihm Besitz ergriff. Auf seinem Gesicht war häufiger ein sorgenvoller Ausdruck als ein Lächeln der Entspannung. Ich sah, wie er immer mehr wie die anderen Männer wurde, die Männer, deren ganzes Denken und Fühlen dem Geschäft gilt. Das Gespenst von dem, was er dabei war zu werden, erschreckte mich. Ich konnte seiner Verwirklichung nicht mehr um dessentwillen zustimmen, was wir materiell vielleicht eines Tages besitzen werden. Was war kostbarer als seine Jugend, seine Kraft, diese Tage unserer Liebe?…

Ich verstehe jetzt, was manche verheiratete Frauen treibt, sich in ein ödes gesellschaftliches Leben zu stürzen, ihre Nachmittage in einem Klub mit Bridgespielen zu verbringen, sich mit anderen Männern „herumzutreiben“. Man beschuldigt sie der Eigensucht, weil die Männer sich in der Zwischenzeit mit Arbeit umbringen. Sie haben nicht das Recht, sich mit Arbeit umzubringen. Indem sie das tun, bringen sie alle lebendige Schönheit einer Ehe um,  das Miteinander, die gemeinsamen Freuden,  das gemeinsame Wachsen.

(Aus „Das Buch der Tagebücher“. Ausgewählt von Rainer Wieland. Piper München 2010)