An einem Baum am Spalier

 

Armer Baum! – an deiner kalten Mauer

fest gebunden, stehst du traurig da,

fühlest kaum den Zephyr, der mit süßem Schauer

in den Blättern freier Bäume weilt

und bey deinen leicht vorübereilt.

O! dein Anblick geht mir nah!

und die bilderreiche Phantasie

stellt mit ihrer flüchtigen Magie

eine menschliche Gestalt schnell vor mich hin,

die, auf ewig von dem freien Sinn

der Natur entfernt, ein fremder Drang

auch wie dich in steife Formen zwang.

 

(Zephyr: milder Wind. Sophie Mereau. In: Und strömt und ruht. Gedichte und Bilder. Heinrich Pleticha. Bilder von Daniela Kulot. Thienemann Stuttgart/Wien 2005)