Wenn mir nur noch ein Jahr bliebe

 

Keine Weltreise,

den Sonnenaufgängen

nachjagend.

Kein Einsammeln der Blicke

an den Orten

der Kindheit.

Ich würde bleiben,

wo ich beim Empfang der Nachricht

zufällig bin.

 

In denselben Büchern lesen,

vermute ich.

Und dieselbe Musik hören.

 

Daß ich tiefere Gedanken haben würde

als bisher,

wenn ich mein Gesicht ein letztes Mal

in den Duft

reifer Pflaumen hielte,

bezweifle ich.

Auch daß ich dir und anderen

gerechter werden könnte.

 

Angst soll mich nicht

zum Fälscher meiner Geschichte machen.

Und der Tod

mich antreffen

in Alltagsschuhen,

das ganz gewöhnliche

unselige

Lächeln auf den Lippen.

 

(Rainer Malkowski. In: Der Ewige Brunnen. Ein Hausbuch deutscher Dichtung. Gesammelt und herausgegeben von Ludwig Reiners. C.H.Beck München 1955 und 2005. 2. Auflage der Jubiläumsausgabe.2006)