Man kann, wo ich wohne, Bücher lesen, völlig umsonst: in dem Papiercontainer an der Ecke werden nicht nur leere Pizzaschachteln und Kirchenblättchen entsorgt. Das meiste gehört dorthin, wo es gelandet ist: aber bisweilen entdeckt man einen Gedichtband von Gottfried Benn unter dem Müll oder einen Ausstellungskatalog mit den Werken von Joseph Beuys: hier wohnen solche Leute. Manchmal sitzen sie auf der Bank gleich neben dem Container, vertieft in das, was sie herausgezogen haben oder hineinwerfen wollen: Gelegenheit, ihre Entscheidung noch einmal zu überdenken. Und manchmal wittern die kleinen Jungs aus der Gegend ihre Chance und wühlen ganze Berge von Büchern aus der Tonne, stapeln sie auf der Bank und versuchen sie wieder in Umlauf zu bringen. „Ganz billig“, ist das Argument des kleinen Blonden, der später mal Pirat werden will, „aber ein echter!“, sein Freund drängt: „Sie lesen doch gern.“ Ja: aber nicht Martin Walser. Nicht mal für zwanzig Cent.

 

(Ingrid Mylo. In: Wo ich wohne. Schriftstellerische Annäherungen an das Literaturland Hessen. Hrsg.: Ruth Fühner.  Jonas Verlag Marburg 2012)