Die „Bösen“ in der eigenen Familie, oder die Sonderlinge, die einsamen Tanten und Schluckspechtonkels, Perückenomas oder die in den Aschegewändern sich zu betrachten, das lohnt. Katalysedinger geraten in Form von Büchern, Filmen, Gesprächen in den Fokus, bilden Brücken zu Neugedanken, Umschreibungen, gar Neuschreibungen der alten offiziellen Familienmeinung.

Die alte Frau mit den Zigeuneraugen, still und schweigend in ihrem schuppenartigen Häuschen am Bach. Der Onkel, der auf allen Hochzeiten tanzte, so unverfänglich charmant die Saufluisen flachlegte.

Der auf seinen Manuskripten schlafende Urgroßvater, der mir als jüngerer Mann den ersten Wasserfarbkasten meines Lebens schenkte, mit mir den Kinderfunk hörte, dabei unterm Röckchen fummelte, der früher in Schlesien im weißen Anzug spazierte mit feinem Spazierstöckchen, gegen die zunehmende Industrialisierung anschrieb mit seinen Glückspilzwandergeschichten von der Freiheit in der Natur, der daheim seine Frau und paar Töchter grün und blau schlug – was ich nicht und nie so auf die Reihe bekam, wo ich über die Ambivalenzenklinge des Lebensmessers springen musste.

Und erst die böse Großmutter, die geduckte und stets Herren gegenüber servile Mutter, die Springinslochtante mit der Freundin ohne Arm – oder der Wehrmachtsmann, der seine Kinder dermaßen ins Schweigen schlug- die unzähligen Kaffeestündchen der Mutter mit dem Likörschrillgelächter, wo alles niedlich, nett, unwahrscheinlich spritzig fröhlich war! Und wenn geflüstert wurde, die Pumps unterm Tisch scharrten, wurde es interessant, schlüpfrig, derbkreischig. Meist hatten Nichtanwesende zu leiden, hätten sie denn die widerlichen Witzschandgeschichten über sich gehört. „Und weißt du noch, wie die Helga das Ding von Hertas Mann…“kreisch.

Inzwischen habe ich mir meine Reime auf fast alles gemacht. Weiß, dass nicht unbedingt die mit der bösen Überschrift abgrundtief böse waren, sondern lediglich ihr Möglichstes getan hatten. Nur das Pech, dass jede Familie ihre Zuschreibungen macht und man da womöglich nie rauskommt, das klebte.

Ich versuche, an mein positives Vorfahrenkontinuum anzudocken. Daraus ergeben sich Möglichkeiten.