Ein Wintereinbruch von Sibirien her ist angesagt; es ist nicht Winter ohne das wundersam weiße Edelweichtuch, welches der Schnee über das Land legt. Dann aber wieder die Sorgen über eventuelle Rutschpartien der zwangsweise verkehrsbeteiligten Verwandtschaft. Doch die schaffen das schon!

Feine Gedichte über den Schnee gibt es, mit leisem Aufstieben, mit Flocken auf der Zunge, mit Unsichtbarmachung von Dreck und Stacheldraht, mit Stille und dieser plötzlichen höhligen Geborgenheit. Kinder staunen und toben und werfen und bauen. Sogar die Knochen der Weihnachtsgänse gestalten mit dieser weißen Decke Dächlein auf dem Kompost (jaja, ich weiß, die gehören dort nicht hin, wir hatten auch gar keine).

Meine Erkältungskrankheit ist vielleicht die Strafe dafür, dass ich von dem ganzen Raunachtsgerede nichts halte, außer, ich ziehe meine lila Jacke an und den schwarzen Hut aus Mendocino auf, dann geht`s mir gleich um Einheiten besser.

Ein Gedicht mit feinen Ausdrücken des Schneeerlebens jetzt hier:

 

Ein Morgen, an dem frischer Schnee fällt

 

Die Straßenbahnen

sind sehr gelb

und fahren

leiser

als gewöhnlich.

 

Der Zeitungsstand

blüht

in der Dämmerung.

Viele Menschen

sind unterwegs,

die denken,

das Dasein ist schön.

 

Wie weich

die Umrisse

der Autos sind.

 

Der spröde Duft.

Man sollte jetzt

weit gehen können,

denn man geht

über der Erde.

 

Man sieht

nur eine Ruflänge weit.

Aber seltsam,

daß sich die Jahre

zwischen den Alleebäumen

öffnen.

 

Die Laternen

brennen

wie hinter der Welt.

Die Radfahrer

haben Mühe,

vorwärtszukommen:

 

Ein Morgen,

an dem frischer Schnee

fällt.

 

(Walter Helmut Fritz. In: Atem der Erde. Lyrik zu den vier Jahreszeiten. Hrsg.: Asta Scheib. Radius Stuttgart 2013)