Mit Spätaufsteherfrisur (das Wort musste ich mal bringen) wandle ich im kühlen Flur im alten Efeubewuchshaus, die Müdaugen ergötzen sich am plötzlich blühwilligen Alpenveilchen in der recht düstren Ecke. Diese Pflanzen sind so gar nicht meine Art, muten spießig an wie Bogenhanf oder Orchideen hinter blitzblanken Scheiben, vor Feinweiß-oder Gilbvorhängen, aber nachdem diese Pflanze im kaputten Plastiktopf seit Jahren nicht aufgibt…

Wird man so kurz vor Weihnachten verrückt? Kommt man in traute Selbstsuhlmitleidsstimmungen? Knackt man dicke Haselnüsse aus Hinterturkheim, oder sucht sich eins ab nach Unalkoholpunsch vom Rheingauobsthof?

Was ich mich schon lange frage: Wieso steckt oft an Büchern, gebraucht und günstig erworben, dennoch in der Folie frischneu, so ein ungelenk geschriebenes Zettelchen: Nicht bewerten. Ja, wieso. Ich denke mir dann mein Teil und sehe finstere Kerle im Buchladen sich teure Bestseller unter den Weitschwingmantel stecken oder unters kolkrabengraue Hoodieding. Von etwas müssen die ja auch leben.

Die schrillsten Gedanken machen bei mir Halt, etwa, dass meine Mutter in den Urlaub immer Rei in der Tube mitnahm, dass die damit gewaschenen Sachen muffig rochen. Oder wie der dicke Langdackel meiner Patentante hieß, ey, was soll das, völlig unnötiges Sinngekräusel. Das Alter ist ein Massaker, oh ja, das auch, und wie ich früher als junges, überhebliches Ding über die alten Frauen grinste und genau wusste, so werde ich nie, nie im Leben. Mit O-Beinen in dicken Strümpfen irgendwo langwackeln, nie im Leben. Brutale Szenen stellte ich mir vor, dass ich so eine in die Ecke drängte, sie wegen Belästigung meiner liebreichen Denke ohrfeigte oder ihr in die Nase biss, bäh. Sie beim Indenzugsteigen…Ach, ich höre auf. Die sündigen Gedanken bekomme ich mit neupsychologischen Tricks in Schach, sie verschwinden im Schacht, worin jetzt Schicht ist. Lieber weiterträumen vom schicken Diskomädelchen, das den in der Ecke chillenden Melancholiewhiskeywirt anhimmelte (ach, ach, was aus dem geworden ist! Schlimm!).  Das Essen für den Zusammensitzabend übermorgen in engere Planungen einbeziehen. Hilft auch.

Das purpurne Cyclamen ruft leiszart mit dem Blühweihnachtskaktus gemeinsam nach wenig auserlesenem Wasser. Und der Soziologe im Radio erzählt, dass die postkapitalistische Gesellschaft nicht mehr weit sei.

Cyclamenplätzchen schmecken nicht.