Morgengedanken haben es in sich. Rumlesen hier und da. In „Heringers Reizwörterbuch“ geblättert, statt Schlafittchen das Überschriftenwort gelesen. Dabei kommt das Wort von den Schlagfittichen, den Schwungfedern des Vogels.

Beim Aufwachen gedacht, dass ich noch denken kann und beispielsweise noch nicht weggedriftet bin. Es muss merkwürdig sein, nicht mehr zu leben. In meinem Alter denkt man dran, hört Engelsfüße trappsen, oder das Nichts kräftig rauschen.

Mit den dicken Wanderschuhen beim Frühstück sitzen, Privileg eines heftig herbeigesehnten und endlich daenden Ruhestandes. In den Fliegern sitzen welche, die Morgensonne färbt aufsteigende Flugzeugrümpfe mirabellenschnapsrosa. Die schweren Wagen der Flugbegleiter rumpeln durch enge Reihen. Und wenn ich jetzt sofort aufs Klo müsste? Auch ein Privileg, immer nahebei.

All die Leben in den Jets, an den Bushaltestellen, auf den Gehrennwegen der Städte, müde sinnend oder kaffeegeputscht, in einen von ihnen könnte ich mich reindenken, auch in die zahnlose Frau, die überall aneckte und nun auf dem eiskalten Bürgersteig kurz vor der Glitzerweihnachtswelt hockt. Mit siebzehn saß sie im weißen Spitzenhemdchen im Herrenhaus an Ostpreußens Fliehhängen, ihr Vater packte sie am Schlafittchen, ihres pubertären Gehabes überdrüssig. Empört raucht sie im Schuppenversteck und lächelt dem Stallburschen wimpernklappernd zu.

Was man alles denken kann, noch ohne Morgenzeitungslektüre. Tod und Leben. Was für Sachen. (Nachwirkungen des Spätfilms „Der letzte Mentsch“ mit Mario Adorf und Hannelore Elsner).