„Zum Orgasmus kommen zu können hat mein Leben verändert. Ich bin befreit, aber das trifft es nicht ganz. Wichtiger: Es hat mich eingegrenzt, hat Möglichkeiten ausgeschlossen, klar definierte Alternativen geschaffen. Ich bin nicht mehr unbeschränkt, d. h. nichts.

Das Paradigma ist die Sexualität. Vorher war meine Sexualität horizontal, eine endlose Linie, die endlos unterteilt werden konnte. Jetzt ist sie vertikal, jetzt geht es hoch und ist vorbei, oder es ist gar nichts.

Der Orgasmus erzeugt Konzentration. Es gelüstet mich zu schreiben. Zum Orgasmus kommen zu können bedeutet nicht die Erlösung meines Ichs, sondern vielmehr dessen Geburt. Ich kann erst schreiben, wenn ich mein Ich gefunden habe. Denn ich könnte nur die Sorte Schriftstellerin sein, die ihr Inneres entblößt…Schreiben heißt, sich vergeuden, sich riskieren. Aber bisher gefiel mir nicht einmal der Klang meines Namens. Um zu schreiben, muß ich meinen Namen lieben. Der Schriftsteller ist selbstverliebt… und erschafft seine Bücher aus diesem Aufeinandertreffen und diesem Konflikt.“

(19. November 1959, New York, Susan Sontag. In: Das Buch der Tagebücher. Ausgewählt von Rainer Wieland. Piper München 2010)