„…Der Zufall will es, daß ich ein paar Zettel besitze, auf denen das Gedicht, dessen Entstehung ich Ihnen darlegen werde, in solchen Vorstufen erscheint.

Nicht meiner Pedanterie verdanke ich es, daß mir diese Zettel noch zur Hand sind, und erst recht keinem Prinzip. Ich hätte es mir nicht träumen lassen, daß ich einmal über “ Die Entstehung eines Gedichtes“ würde sprechen müssen. Aber ich verwende oft, aus Geiz, Schlamperei oder Marotte, die Rückseiten alter Papiere, um Neues darauf zu notieren.

Womit beginnt mein Bericht? Sein Anfang ist zugleich der Anfang des Gedichts. Ein heikler Punkt. Der erste Vers eines Gedichtes wird, wenn Sie mir erlauben, noch einmal Valéry zu zitieren, dem Autor geschenkt; den zweiten bereits muß er selber machen.

Das ist natürlich nicht wörtlich zu nehmen. Es muß ja nicht immer just die erste Zeile die Keimzelle eines Textes sein. Übrigens ist es auch denkbar, daß der Anfang im fertigen Text gar nicht mehr enthalten wäre, daß ihn der Autor gleichsam übermalte.“

 

(aus: Hans Magnus Enzensberger. Gedichte. Die Entstehung eines Gedichts. edition suhrkamp 20. Frankfurt  2. Auflage 1963)