Porträt einer Frau mit schlechten Eigenschaften

 

Zuweilen kann ich mich nicht leiden. Wie einem das schonmal bei Menschen geht, mit denen man ununterbrochen zusammen sein muß. Es fällt mir dann schwer, noch irgendein gutes Haar an mir zu finden. Meine schlechten Eigenschaften sind zahlreich und nicht umstritten. Ich bin nicht edel. Bücher schreib` ich nicht, um die Menschen zu verbessern, sondern um Geld zu verdienen. Ob ich auch dann schreiben würde, wenn ich genug Geld hätte, kann ich nicht beurteilen, da ich noch nie genug Geld gehabt habe. Ich bin faul. Wenn ich einen ganzen Tag hindurch nichts tue, hab` ich nicht eine einzige Sekunde Langeweile und nicht ein einziges Mal das Bedürfnis zu arbeiten. Ich habe keine Willenskraft. Bis zum heutigen Tag hab` ich noch nicht einmal den Versuch gemacht, mir das Rauchen abzugewöhnen. Den Vorwurf, nicht mit Geld umgehen zu können, weise ich zurück. Man kann nicht mit etwas umgehen, das man nicht hat. Zu meiner unentwickelten Willenskraft gehört auch, daß ich mich durch fröhliche Bekannte jederzeit von der Arbeit abhalten lasse und mich selten aufraffen kann, unangenehme Briefe zu schreiben. Ich bin feige: u.a. habe ich eine panische Angst vor Sprengstoffen, Beamten mit Aktenmappen, die nur Uniformierten sind meistens weniger tückisch, wilden Pferden, Revolvern, auch ungeladenen, Spinnen, Nachtfaltern, Lokalpatrioten, Zimmervermieterinnen, Fanatikern, mit und ohne Weltanschauung. Ganz große Angst hab` ich vor Krieg und Atombomben. Ich unterhalte mich furchtbar gern mit Leuten, die aus sicherster Quelle wissen, daß ein Krieg unter gar keinen Umständen kommen kann und Atombomben niemals fallen werden. Trotz der moralischen Verpflichtung, die der Frauenüberschuß einem jeden oder jeder von uns auferlegt, hab` ich, von wenigen Ausnahmen abgesehen, Männer lieber als Frauen. Meine Gründe dafür sind mannigfaltig. Ich selbst möchte kein Mann sein; der Gedanke, dann eine Frau heiraten zu müssen, schreckt mich. Manchmal versuch` ich mich zu ändern. Aber wenn ich dann merke, daß ich mich mit meinen Besserungsversuchen zu sehr belästige und verstimme, geb` ich sie auf.

(Irmgard Keun: Wenn wir alle gut wären. Kiepenheuer & Witsch. Köln 1983)