Die Zypresse

 

Kein Baum, unter dem man rastet.

Ungesellig, kaum Schutz

vor der Sonne.

Überhaupt kein Baum für Nähe

und Zutraulichkeit.

Keins der Laubmammuts,

um die man staunend

herumgeht:

klatschend schlägt die Hand

auf Elefantenhaut.

 

Die Rinde der Zypresse,

ein Bündel grauer, schlecht

gezurrter Fasern,

weckt kein Verlangen

nach Berührung.

 

Aus der Ferne muß man ihn sehen –

diesen Baum ohne Arme.

Auf einem kahlen Hügel, allein:

 

aufrecht,

aufrecht,

 

nachdrücklich redend

in der schwermütigen Sprache

der Zeichen.

 

(Rainer Malkowski. In: Der Ewige Brunnen. Ein Hausbuch Deutscher Dichtung. Gesammelt und herausgegeben von Ludwig Reiners. C.H. Beck München 1955 und 2005)