Berlin

 

Ich liebe dich bei Nebel und bei Nacht,

wenn deine Linien ineinander schwimmen, –

zumal bei Nacht, wenn deine Fenster glimmen

und Menschheit dein Gestein lebendig macht.

 

Was wüst am Tag, wird rätselvoll im Dunkel;

wie Seelenburgen stehn sie mystisch da,

die Häuserreihn, mit ihrem Lichtgefunkel;

und Einheit ahnt, wer sonst nur Vielheit sah.

 

Der letzte Glanz erlischt in blinden Scheiben;

in seine Schachteln liegt ein Spiel geräumt;

gebändigt ruht ein ungestümes Treiben,

und heilig wird, was so voll Schicksal träumt.

 

(Christian Morgenstern. In: Der weiße Nebel wunderbar. Gedichte. Hrsg.: Christine Hummel. Reclam Stuttgart 2008)