Jetzt geht mein Vater abends

 

Jetzt geht mein Vater abends

über die Wiesen im Herbstdampf,

neben sich den Hund.

 

In der Nacht verdarben

die schönen vergänglichen Kelche

der Herbstzeitlosen.

 

Im Hohlweg stehen die Apfelbäume

im feuchten Atem.

In sein einsames Antlitz sieht kein Mensch.

 

Wenn er heimkehrt,

haftet die lehmige Erde

an seinen groben Schuhen.

 

Er tritt an die Bücherstände

und legt die verbrannte Hand

langsam auf die Lederbände,

mit goldenen Blumen gepreßt.

 

Ich lebe hier in der Stadt

und bin nicht einsamer als du und alle.

 

Aber den trüben Geruch

der Nußbäume wieder zu spüren,

den Weg um die runde Mauer wieder zu fahren,

 

neben dir, Vater, –

auf deine große Hand

meine zu legen,

 

um wieder fortzugehen –

es wäre schön.

 

(Lonja Stehelin-Holzing. In: Der Ewige Brunnen. Gesammelt und herausgegeben von Ludwig Reiners. Verlag C.H.Beck oHG, München 1955 und 2005)