„Ein Jahr lang einen blinden Mitschüler im Gymnasium gehabt. (Als Kind mit einer Handgranate gespielt.) Dunkelblond; altmodisch wirkende, wellig gescheitelte Tolle. Grau und sauber gekleidet. Eckige Bewegungen. Blasser Teint, da außer Schulweg kaum frische Luft. An jeder Hand fehlten zwei Finger. Gesichtsausdruck: Nachsichtige Ironie, so als ob er sich ständig beobachtet fühlte. Schneidend sarkastisch. Klassenprimus. Schrieb (in Blindenschrift) die kältesten und intelligentesten Aufsätze von allen. Niemand mit ihm befreundet. Er war uns als Blinder nicht hilflos genug.“

 

(Aus: Wolfdietrich Schnurre „Der Schattenfotograf“. Ullstein Frankfurt 1981)