„Schlecht geschlafen. Mehrmals aufgewacht in der Nacht. Über den eigenen Schatten an der Wand erschrocken. Das schweißnasse Hemd gewechselt. Ein Glas Wasser getrunken. Schafe gezählt und dabei wieder eingedöst. Von Mama geträumt. Wir besuchten ihr Frankfurter Zimmer im Altersheim, ich legte mich in ihr Bett, sie setzte sich auf den Stuhl und erzählte mir von der Breslauer Wohnung. Ich wollte einschlafen, sie tätschelte mich wach und fragte: „Wollen wir nicht zusammen weinen?“ „Nein“, murmelte ich und sank zurück. Eine Frau kam. Sie nähte mir den Mund zu. Sie flüsterte mir ins Ohr:“Leckst du an ihrem Herzen, fällst du vergiftet um.“ Aus dem Halbdunkel schauten viele Gesichter. Dann wusch sie mir die Augen und den Penis. Plötzlich flog ich auf, mein Gesicht eine Teufelsfratze, mit meiner Zunge zerschnitt ich die Mundnaht. Ich rief: „Nie wieder sollst du mich waschen!“

(Aus „Das jüdische Begräbnis“ von Lothar Schöne. Kiepenheuer & Witsch Köln 1996)