Fülle der Zeit

 

Des Sommers Mitte, halb schon überschritten,

Umspannt das Land mit Bögen seiner Pracht,

Durch die Augustus donnernd eingeritten –

Sternschnuppenschwärme folgten ihm zur Nacht –

 

Und all die frühen Früchte sind geerntet,

Das Korn geschnitten und das Gras gemäht.

Die Blumen, die ihr frühlings nennen lerntet,

Sind längst verweht und welkend ausgesät.

 

Hat je ein Duft wie Abendphlox geduftet?

Blaut´ je ein Tag so tief wie Eisenhut?

Sind nun die Sinne wurzelhaft entgruftet

Und trinken, vollmondgleich, aus reifster Flut?

 

Erfüllte Zeit! Wir opfern deiner Fülle,

Die uns mit Nächten ohne Stern umschwarzt.

Doch bald macht uns des Herbstes große Stille

Um so viel reicher, als du ärmer wardst.

 

(Carl Zuckmayer. In: Sommergedichte. Ausgewählt von Evelyne Polt-Heinzl und Christine Schmidjell. Reclam Stuttgart 2001)