Tagsüber schwärmen die Gäste aus, in den Wald, an den Strand, auf die nahen Hügel; aber zu den Mahlzeiten sind sie alle da, jeder an dem Tisch, wo er hingehört. Daß alle das gleiche zu essen bekommen, schlingt ein zartes Band um die Speisenden, schafft zwischen ihnen eine Gaumen-Schicksalsgemeinschaft, ein Gefühl wahrhaft innerer Zusammengehörigkeit, die sich beim schwarzen Kaffee bis zu Annäherungsversuchen steigert. Diesen wird in der warmen Jahreszeit leichter stattgegeben als im übrigen Jahr, in der so beliebten Natur leichter als in der steinernen Künstlichkeit der Städte; auch ist der Mensch, fern von Geschäft und Beruf, sowohl nachsichtiger gegen den Nebenmenschen als auch neugieriger auf ihn, fühlt sich zudem, als Erholer unter Erholern, Mitglied einer sanften Brüderschaft, deren Satzungen zu Güte und Unstrenge wider einander verpflichten. Kurz, die Gäste im Sommerhotel sind ein richtiges sogenanntes Kollektiv, eng verbunden durch die Kost, das gleiche Nichtstun und, was die Männer anlangt, durch die gleiche Passion am Weibe des Nächsten, eben weil es dies ist und nicht das eigene.

(Aus „Sommerhotel“ von Alfred Polgar. In: Das Sommerbuch. Gedichte und Prosa. Hrsg.: Hans Bender. Insel Frankfurt 1998)