Entsündigung

 

Unter einem zärtlichen Mimosenbaum

Voll gelber Lächeln

Lieg ich –

Ohne die schamlosen Kleider

Ohne Stöckelschuhe, ohne Schmuck

Und Hut und Handschuh,

Den ganzen Kram der Stadt,

Die arme Verkleidung.

Nackt und fühlend an der riesigen Erde,

Die ich schüchtern in kleine Arme presse,

Und über mir der große Wind,

Der Weltreisende…

O sich in Blumen wiederzufinden,

O nur noch Erde zu sein!

 

Als ich noch eitel durch die Stadtstraßen ging,

Als ich noch wichtig am Postschalter stand

Oder beim Friseur die Haare kräuselte

– Während Mimosen von mir träumten –

Als ich mir noch die Nägel manikürte

Und nur daran dachte, zu gefallen, …

Als ich ganz mittellos an Seele war,

Hörte ich aus den Körben der Händler

Mimosen wild hinausschrein –

Dem Nichts, dem Kehricht, dem Tod entgegen –

Da floh ich ihren blonden Wäldern zu.

 

 

(Claire Goll. In: Deutsche Dichterinnen, vom 16. Jahrhundert bis zur Gegenwart. Hrsg.: Gisela Brinker-Gabler. Fischer TB Frankfurt 1978)