Deine Augen

 

Was jetzt noch zählt sind unsere Augen

genauer gesagt unsere Irisse

ach wie ist der Plural von Iris

ich versage vor Dir

in Deiner einzigen absoluten bezwingenden Gegenwart

trotz Deiner Schwäche

eine Kraft

trotz Deiner geschlossenen Lider

von Dir geht solch eine Stärke aus

daß mir schwindelig wird

wenn ich neben Dir knie

 

Du bist so still und verwandelst Dich doch

An Deiner Bettkante kann man nichts tun

nicht einmal mehr Zuhören

Ganz verwirrt von diesem vielen „Nichtstun“

kann man aufhören

irgend etwas

sein zu wollen   bei Dir

zählt eine andere Zeit und alles

andere wird belanglos

im Vergleich zu Deinem schwachen Händedruck

der alles ist was Du noch kannst

somit: fast unendlich

 

Damals Großmutter

bist Du mit meinem Bruder und mir

schwimmen gegangen

Wie ein riesiges Schiff warst Du immer

vor neben oder hinter uns

man konnte sich nach Dir richten wie nach den Gestirnen

Deine kräftigen Schwimmbewegungen gaben einem das Gefühl

daß du alles alles können würdest

Manchmal hast Du noch jetzt

eine Kraft in Deinem Händedruck

die verblüfft

 

Damals Großmutter

da gingst Du mit uns Schwimmen und in den Wald

Pilze sammeln Beeren pflücken

Dein frohgemut ausholender Schritt

Deine Bewußtsein für den Moment  schon damals

Deine Lederstiefel die wir bewunderten

und deren Abdrücken im Sand wir folgten

 

(Tanja Dückers. In: Mutters Hände, Vaters Herz. Familiengedichte aus 2500 Jahren. Hrsg.: Anton G. Leitner. edition chrismon Frankfurt 2007)