Porträt in Rot

 

Glutrote Wolle hüllt sie ein,

aus der umso tauiger das schmale Gesicht hervortritt

und auf der hohen Stirn

glänzt in Blond

noch stolzer die fliegende Silbersträhne.

Sie schaut sich an, das glühende Weib,

im langen Spiegel am Fuße der Kissen,

in denen sie das Fleisch der Brüste

drückt und den sehnenden Schoß.

Und taufeucht auch entblößt sich

zart eine Schulter

aus der blutroten Wolle.

Spürst du sie, Mann in der Ferne?

Sonnennadeln hat sie in den Augen.

Dich ruft sie, dich sieht sie

mit einem Blick, ihrem Blick, Lichtpfeil,

nach dir dehnt sie sich, glutrot,

im Sommer, in schweres Rot gekleidet der Mittag,

draußen, im weiten Raum, der euch trennt.

 

(Sibilla Aleramo. In: Rot. Farbe der Liebe. Texte und Bilder. Auswahl und Nachwort von Gisela Linder. Insel-Bücherei Frankfurt und Leipzig 2003)