Hinter uns Alten

 

Hinter uns Alten liegt das Land Nimmermehr.

Ziehn Wolken und Nebel drüber her,

Verdecken, was wir geliebt und was unser gewesen.

Verwaschene Schrift, kaum noch zu lesen

Auf gesunkenem Grabstein, sieht es uns an,

Denken wir nachts zwischen Wachen und Traum daran.

 

Was wir geliebt, was uns gehaßt, –

Jugend, die um uns wächst, kennt es nicht mehr.

Zugvögel in fremdem Walde zu kurzer Rast

Lärmt und lacht und jagt sie spielend umher.

Wanderung heißt ihre Welt und bunte Gegenwart,

Zukunft ihr Ziel, das jenseits der Tore harrt,

Irgendwo, irgendwann in neuen Morgens Licht, —

Aber wir Alten sehn es nicht.

 

(Agnes Miegel. In: Unter dem sapphischen Mond – Deutsche Frauenlyrik seit 1900. Herausgegeben von Oda Schaefer. Piper & Co Verlag München 1957)