„Eine grosse Familie scheint das Erzählohr und -erbe zu fördern. Wir sassen immer an einem großen Esstisch, und immer hatte einer der Erwachsenen etwas zu erzählen. Unbeobachtet und unbeachtet konnte man als Kind am Tischende zuhören, oder es auch lassen – auf jeden Fall bekam man oft Geschichten mit, die nicht unbedingt für Kinderohren bestimmt waren. Ich konnte studieren, wie eine Geschichte erzählt wurde, ob unterhaltsam oder langweilig, wann man auf die Pointe lauerte, wann man das Interesse verlor, welche Protagonisten interessant waren und welche weniger. Ein Essen ohne Erzählung war nicht vorstellbar. Wozu setzte man sich denn sonst zusammen an einen Tisch? In einer Kleinfamilie wird das Erzählen schnell mühsam, besonders, wenn einer der beiden Eltern kein Erzähltalent hat. Und wenn man gar nicht mehr zusammen isst, wo wird dann noch erzählt? Und wo wird das Erzählen trainiert? Woher bekommt man ein knallhartes Publikum wie die eigene Familie, die einfach aufsteht und den Tisch abräumt, wenn die Geschichte nicht gut ist? Vielleicht sollten wir uns also um ein modernes „Esstischtraining“ bemühen, um grosse Tische, viele Leute, jung und alt – und gutes Essen.“

(Dorris Dörrie: Die mit dem Blut. In: Über das Erzählen – sechzig Jahre Diogenes. Du- die Zeitschrift der Kultur, Nr. 829. Zürich September 2012)