betrunkene Dame im Park

sieben Uhr früh und durch das Westend

stromert eine Dame achtzig hundert oder jünger

hilflos wankend und geht am Stock

wie oft bin ich ihr schon gefolgt und dachte

sie erkannt zu haben ihren Blick

 

unter der Mütze aus Samt steinfarbene Locken

jetzt fällt sie nein sie fängt sich ab

ein Sturz gebändigt von flatternden Händen

der Wind bläht ihre Jacke aus Tigerfell

zerrauft und gesprenkelt brandige Löcher

 

wie oft bin ich ihr in den Park gefolgt

habe den Kopf gesenkt wie sie auf der Suche

nach etwas Bemerkenswertem auf dem Weg

bis ich ein Fünfmarkstück dorthin rollte

wo sie vorbeikommen mußte und sie ging vorbei

schwankend schaukelnd wie eine alte Korvette

 

die morgens betrunkene Dame im Park

vielleicht ist sie meine Mutter

vielleicht meine Schwester meine Tochter

sie sieht mir so ähnlich

 

(Helga M. Novak. In: Viele von uns denken noch sie kämen durch wenn sie ganz ruhig bleiben. Gedichte von Frauen. Mit Zeichnungen von Gertrude Degenhardt. Hrsg. Ingeborg und Rodja Weigand. Schwiftinger Galerie-Verlag, 1978)