Dem Andenken meines Vaters

Pfarrer Siegfried Pisarski (1915 – 1984)

 

Immer noch erzählen mir Menschen,

er habe sie getauft, konfirmiert, getraut,

habe ihre alten Eltern besucht, habe mit

ihnen gelacht und geweint. Er hat Leben

gestiftet, auch wenn ihm selbst die Kunst

zu leben zunehmend entglitten ist.

 

Die Kunst zu sterben?

Am Schluss lag er in einem kleinen

Klinikzimmer. Zu viel Alkohol und zu

viele Tabletten hatten ihn gezeichnet.

Die Kunst zu sterben wurde ihm

von anderen geschenkt.

 

Von der Stationsschwester, die sagte:

„Ich lasse Sie mit Ihrem Vater allein.

Aber wenn Sie mich brauchen, werde

ich für Sie da sein.“

 

Von einer Schwesternschülerin, die zum

Rasieren kam und zum Nägel Schneiden,

freundlich und einfühlsam, seine Würde

nicht antastend.

 

Von dem Stationsarzt, der uns versicherte:

„Ich sehe, wie sehr Ihr Vater von Liebe umgeben

ist. Lassen wir doch dieses Leben ausatmen,

so wie es sich ausatmen will.“

 

(Waldemar Pisarski. Auch am Abend wird es licht sein. Die Kunst, zu leben und zu sterben. Claudius Verlag. München 2005)