Warum man schreibt, ist eine Frage, die ich leicht beantworten kann, da ich sie mir selbst oft genug gestellt habe. Ich glaube, man schreibt, weil man eine Welt erschaffen muß, in der man leben kann. Ich konnte in keiner der Welten leben, die mir angeboten wurden: die Welt meiner Eltern, die Welt Henry Millers, die Welt Gonzales oder die Welt der Kriege. Ich mußte meine eigene Welt erschaffen, ein Klima, ein Land, eine Atmosphäre, wo ich atmen konnte, herrschen und mich selbst erneuern, wenn ich durch das Leben vernichtet wurde.
Wir schreiben auch, um unser Bewusstsein vom Leben zu vertiefen; wir schreiben, um andere zu verführen, zu verzaubern und zu trösten; wir schreiben, um unsere Geliebten zu erfreuen. Wir schreiben, um das Leben zweimal zu kosten: im Augenblick und in der Rückschau. Wir schreiben wie Proust, um alles zu verewigen und uns selbst von der Ewigkeit zu überzeugen. Wir schreiben, um unser Leben zu transzendieren, um darüber hinauszugreifen. Wir schreiben, um uns selbst zu lehren, mit anderen zu sprechen, um die Reise in das Labyrinth aufzuzeichnen. Wir schreiben, um unsere Welt zu erweitern, wenn wir uns stranguliert fühlen, eingeengt und einsam. Wir schreiben, wie Vögel singen und die Primitiven ihre Rituale tanzen. Wenn man nicht durch das Schreiben atmet, wenn man nicht im Schreiben aufschreit oder im Schreiben singt, dann soll man nicht schreiben. Denn unsere Kultur hat für Derartiges keine Verwendung. Wenn ich nicht schreibe, fühle ich, wie meine Welt schrumpft, ich fühle mich in einem Gefängnis. Ich empfinde, wie ich mein Feuer und meine Farben verliere. Es sollte eine Notwendigkeit sein, wie die Wellen für das Meer. Ich nenne es atmen.
(Anäis Nin)