Einer von der Berufsfeuerwehr berichtet, dass immer weniger Menschen bereit sind, an Unfallorten zu helfen, stattdessen sehe man Handys blinken als Glotzbeweise oder sonstwas.
Ungerührt schaue man dem Leid anderer zu. Eine ganz neue, nicht weniger Gänsehaut erzeugende Dimension sei, dass Täter damit rechnen, dass keiner mehr hilft. Da kann einer konkret in der Fußgängerzone jemanden abschlachten und abhauen. Muss nicht mehr in die Wüste gehen und hinter einem Felsen auf die Gelegenheit warten. Er wäre auch gänzlich ohne Handydokumentaristen. Rechtlich wären die Nichthelfer kaum zu belangen, meinte der Feuerwehrmann, sie beriefen sich alle auf die eingetretene Schockstarre. Hilfe!
Und als wollte er sich dafür rächen, daß ich das Auto ausgrub und er dabeistehen mußte, hatte Buddy noch gesagt: „Ich bin gespannt, wer dich jetzt heiratet, Esther.“…
Und natürlich wußte ich nicht, wer mich heiraten würde, nachdem ich gewesen war, wo ich gewesen war.
(Sylvia Plath, Die Glasglocke)
Warum man schreibt, ist eine Frage, die ich leicht beantworten kann, da ich sie mir selbst oft genug gestellt habe. Ich glaube, man schreibt, weil man eine Welt erschaffen muß, in der man leben kann. Ich konnte in keiner der Welten leben, die mir angeboten wurden: die Welt meiner Eltern, die Welt Henry Millers, die Welt Gonzales oder die Welt der Kriege. Ich mußte meine eigene Welt erschaffen, ein Klima, ein Land, eine Atmosphäre, wo ich atmen konnte, herrschen und mich selbst erneuern, wenn ich durch das Leben vernichtet wurde.
Wir schreiben auch, um unser Bewusstsein vom Leben zu vertiefen; wir schreiben, um andere zu verführen, zu verzaubern und zu trösten; wir schreiben, um unsere Geliebten zu erfreuen. Wir schreiben, um das Leben zweimal zu kosten: im Augenblick und in der Rückschau. Wir schreiben wie Proust, um alles zu verewigen und uns selbst von der Ewigkeit zu überzeugen. Wir schreiben, um unser Leben zu transzendieren, um darüber hinauszugreifen. Wir schreiben, um uns selbst zu lehren, mit anderen zu sprechen, um die Reise in das Labyrinth aufzuzeichnen. Wir schreiben, um unsere Welt zu erweitern, wenn wir uns stranguliert fühlen, eingeengt und einsam. Wir schreiben, wie Vögel singen und die Primitiven ihre Rituale tanzen. Wenn man nicht durch das Schreiben atmet, wenn man nicht im Schreiben aufschreit oder im Schreiben singt, dann soll man nicht schreiben. Denn unsere Kultur hat für Derartiges keine Verwendung. Wenn ich nicht schreibe, fühle ich, wie meine Welt schrumpft, ich fühle mich in einem Gefängnis. Ich empfinde, wie ich mein Feuer und meine Farben verliere. Es sollte eine Notwendigkeit sein, wie die Wellen für das Meer. Ich nenne es atmen.
(Anäis Nin)
Kopf in die Hände legen. Müde sein.
Eine Motte für einen Fussel gehalten. Der Fussel zappelte ein wenig.
Morgen ins Theaterchen gehen: Bauer sucht Sau. Lachen hoffentlich.
Schüler riechen nach Moder, nach Armut, nach Zigarettenwohnung, nach ollem Waschpulver.
Filmchen gucken über gelehrte Eichelhäher, Rabenvögel an sich.
Ulrich Greiners Buch „Lyrikverführer“ noch ein wenig in der Folie lassen. Zwar brauche ich keine Gebrauchsanweisung zum Lesen von Gedichten mehr, aber ich hatte in der Buchhandlung Bender in Mannheim rein gelesen, war sofort fasziniert. Da scheint einer ebenso Poesie zu lieben wie ich. Ich will mich noch einige Zeit freuen auf das Öffnen des Buches.
Früher ließ ich mir auch das geliebte Spiegelei bis zuletzt auf dem Spinatkartoffelteller. Krönender Genussabschluss.
Am Nachmittag Besuch beim Atheisten.
Tee. Er hatte einen Quarkstollen gebacken.
Und den aktuellen Spiegel noch nicht ganz ausgelesen.
Und meinte, was in der Schweiz abgestimmt worden sei, wäre bei uns in ähnlichem Falle ähnlich gelaufen.
Er spuckte im Eifer ein paar trockene Stollenkrümel.
Unten hupte ein LKW, der nicht durch die enge Gasse kam.
So mancher kommt nicht durch die enge Gasse.
Vor mir eine Karikaturenzeichnung. Eine Ausstellungseröffnung oder eine Pausenunterhaltung im Theater:
Einer mit Sektflöte und lilafarbenem Sakko hat in der Sprechblase: Ich? Ich bin Consultant.
Einer mit Weißweingläschen: Und ich coache Leute, die bei Trainern von Consultants die Supervision machen.
Bedeutung der Farben
Weiß – ist ganz keusche Reinigkeit,
Leibfarbe – Weh und Schmerzen leiden,
Meergrüne – von einander scheiden,
Schwarz – ist Betrübnis, Angst und Leid.
Rot – innigliche Liebesbrunst,
Und Himmelblau – sehr hohe Sinnen,
Bleich Leibfarb – argen Wahn gewinnen,
Gelb – End und Ausgang aller Gunst,
Haarfarbe – deutet auf Geduld,
Bleich Aschenfarben – heimlich Huld.
Braun – aller Liebe ganz vergessen,
Grün – Hoffnung; und weil jetzund ich
Gebrauche DIESER Farbe mich,
Ist wohl mein Zustand zu ermessen.
(Marin Opitz, 1597-1639)
Bei „notate“ in meiner Blogroll gibt es einen befreienden Text zu lesen!
Auf einen der zahlreichen eröffneten Weihnachtsmärkte werde ich trotzdem nicht strömen, sondern weiterlesen im „Gut gegen Nordwind“- Nachfolgebuch. Heute Abend wird es mit einer Freundin Gesprächs-und Leckereien reich sein.
Darüber kann man auf diesen Seiten nachlesen:
http://www.smithmag.net/sixwords/
Viele, viele Menschen bemühen sich, ihr Leben in sechs Worten zu kumulieren. Wie die Legende will, war dies die allererste very short story von Hemingway:
For Sale: Baby Shoes, Never Worn.
Hier noch ein paar Beispiele:
Immer Angst, wie Mutter zu werden.
Auf dem Grabstein: Ich hatte Spaß.
Nicht heiraten. Keine Kinder. Keine Sorgen.
Aller Sinn des Lebens ist erfüllt,
wo Liebe ist.
(Dietrich Bonhoeffer)