Mit siebzehn besuchte ich ihn. “Schönes Fräulein, wer sind SIE denn?” fragte mein Wirrurgroßvater. Der, dessen Manuskripte in meinem alten Karriereköfferchen liegen. Er beschrieb das Papier randlos eng, wenn möglich, noch klitzeklein eine Reihe als Rahmen, dann nächste Seite zierlich eng. Er wetterte gegen das Eingesperrtsein von Menschen in Fabriken, erzählte vom Wandern, Ankommen, Abschied nehmen, vom Boxeraufstand und der Flucht von dort, geblendeten Eseln in China, Rosenrondells vor schlesischer Klinik, drallen Wirtschafterinnen und deren entzückenden Töchtern….

In seinem Altersheim warf er einmal das Mobiliar aus dem Fenster oder verfolgte mit einem langen Messer bewaffnet eine kreischende Putzfrau. Sein Zimmer war voller Zettel in der winzigen Handschrift. Heimlich entfaltete ich ein Stück geknülltes Butterbrotpapier, worauf stand: Heute früh erwacht. Wer bin ich?

Nun die Zettelwirtschaft hier. Noch weiß ich, heute z.B., wer ich bin.

Da eine Postcrossing-Karte aus Taiwan, dort eine mit im Lampenschein lesender Frau zum Verschicken. Buchprospekte, Wortwahlbuch, Max Frischs Fragebogenbuch, das rote. Ein Zeitungsartikel über “Zuckerhunde” (können Leben retten, indem sie Über- oder Unterzuckerung erschnüffeln und melden). Briefe jede Menge, Joachim Gelbergs Gedichtesammlung “Überall und neben dir”, darin ein großer linierter Notizzettel mit einem Zitat für später. Bücherstapel, Bilderbuch “Joan Miró: “Geträumte Geschichten”, noch zu verkaufende Schulbücher, in einem schmalen Holzkasten aus alter Nähmaschine jede Menge Kunstpostkarten, auch die Vorratsmenge an Beileid, die der Mann vorsorglich besorgte.

Die alten Tagebücher sind weg. Fast alle. Jedenfalls die mit den Höllenworten. Alte Briefe kommen auch noch dran, denn: Was soll`s. Aufs Universum bezogen bleibt eh NICHTS.

Die Zettelwirtschaft der Welt – auch die von Arno Schmidt oder sonstwem – einfach schwebend aufgelöst.

(Wie lächerlich im Nachhinein, dass meine Zettelsammlung mal Kritikpunkt an einem Elternabend war.)

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