Den Grad der Spießigkeit zeigt ein Gummibaum an. Meinen und ein paar andere Zimmerdinger mag ich nicht. Wegwerfen käme einem Tötungsakt gleich. Und ein Heim oder so was dafür gibt es nicht, höchstens könnte ich einige vor dem nächsten Frost bisschen an die frische Luft bringen. Gestörtes Pflanzenmuttiverhalten.
In gestörten Träumen schwebt unser Hausmeister inmitten einer Mehl- und Glitzerpuderwolke mit ausgebreiteten Armen durch die Schulgänge. Heute spritzte er mit gutem Trinkwasser die Blätter vor dem Klassenraum irgendwohin. Und einige Schüler meinten beim Mittagessen: Booah, schmeckt echt porno, gell?
Reis, Karottenscheiben und ein Frikadellenklümpchen mit lecker Soße. Eine Siebenjährige sagt auf meine Frage nach ihrer Lieblingsfarbe: Das habe ich für mich noch nicht abgeklärt!
Am Herbsthimmel später ein merkwürdiges, riesiges silbernes Ding- weiter weg. Jetzt kommen sie, grübelte ich und schaute nach jeder Kurve wieder dorthin. Es drehte ab und war ein Zeppelin. Wo ich doch grad erst am Bodensee war.
Eine Neurowissenschaftsdame schreibt, wir älteren hätten noch schöne, normale Gehirne, könnten lange Geschichten erzählen, dicke Bücher lesen und unseren eigenen Vorstellungen lauschen dabei- die jüngeren Menschen hätten schon fast alle eine Art digitales Gehirn. Sprunghaft, Multi-tasking, hopp und weg, weiter, schneller, bloß nicht in die Tiefe….Da ist was dran.
In Christa Wolfs „Nachdenken über Christa T.“ finde ich Gedanken, die ich auch gerne formuliert hätte. Schon drei meiner Freundinnen sind gestorben. Die letzte hatte mir noch erzählt, was für eine große Liebe sie sich verkniffen hat. Und nur deshalb, weil ihr Gatte dazu neigte, bei Unstimmigkeiten sehr jähzornig zu werden. Er warf dicke Biergläser durch die Terrassentür oder sie mit Gewalt aufs Ehebett. Der war Arzt. Sie hatte sich in einen Reiseführer in Polen verliebt, einen markigen Naturkerl. Was folgere ich daraus?

8 comments
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Oktober 27, 2009 um 10:56
eule70
Ich folgere aus Deinem Post als erstes, dass Du die Zeit noch nicht umgestellt hast, denn nach normaler MEZ haben wir gerade noch den Oktober 26, 2009
.
Als zweites gefällt mir an Deiner Erzählung am besten der Ausspruch der Siebenjährigen – umwerfend!
Als drittes: die ganze Geschichte gefällt mir, so wie sie erzählt ist.
Oktober 28, 2009 um 5:36
Quer
Deine Nachrichten der völlig anderen Art mag ich! Sie streifen das gesamte alltägliche Universum.
Oktober 28, 2009 um 11:52
Anna-Lena
und lassen mich an diesem tristen Tag lächeln.
Bitte mehr davon!
Mit liebem Gruß
Anna-lena
Oktober 28, 2009 um 2:05
Judith
Ich habe mit meinem ungeliebten Gummibaum einen wildfremden Mann glücklich gemacht. Der Baum stand ungeliebt auf dem Hof, er bewunderte ihn und bekam ihn prompt von mir. Der war wirklich glücklich.
Gruß, Judith
Oktober 28, 2009 um 4:01
Sofasophia
ich liebe deine geschichten. hingeschaut, erzählt.
folgern? hm. immer dem herzen folgen … und – nur so als beispiel – den gummibaum verschenken. (tipp: gratisinserat?)
Oktober 28, 2009 um 9:30
Sammelmappe
Ich besitze zwei Gummibäume und rein äußerlich, bin ich über jeden Spießerverdacht erhaben.
Mich erinnern meine Gummibäume immer an ihre großen Vettern, die in Nizza im Vorgarten wachsen. Ich gebe es zu, meine haben nicht den gleichen Raum zum Wachsen: aber spießig, nein, das verdienen sie nicht.
Die Armen.
Oktober 30, 2009 um 10:53
Constanze
Ja, ich habe auch an verschenken gedacht – bei dem Gummibaum und den anderen ungeliebten Zimmerdingern. Könntest z.B. in der Schule fragen oder nen Aushang machen.
Wie mir scheint, träumst du gerade häufiger von hellen Stäuben, die irgendwas umfliegen
Ich wünsch dir ein genial schönes Wochenende
Oktober 31, 2009 um 1:04
wildgans
tja, liebe Constanze, was das wohl zu bedeuten hat mit diesen hellen stäuben? mit koks habe ich jedenfalls nix zu tun:-)