Im Bad
Sie liebte es, im Bad zu liegen und mit leichter Hand das Wasser über ihren weißen, aufgeschwemmten alten Körper plätschern zu lassen. Wie sie dalag, die Arme an der Seite, mit ausgestreckten Beinen, dachte sie:“So werde ich aussehen, so werden sie mich in den Sarg legen.“ Und es schien ihr, während sie sich betrachtete, auf schreckliche Weise wahr zu sein, daß die Menschen so gemacht werden, daß sie in Särge passen – in Form von Särgen gemacht werden. Gerade dann bemerkte sie ihre nassen, glänzenden, an das Ende der Badewanne gepreßten Zehen. Sie sahen so unschuldig aus, so fröhlich, ihres Schicksals so unbewußt. Sie schienen wirklich alle in einer Reihe zu lächeln – die kleinen, winzigen Zehen. „O!“ Sie gab dem Schwamm einen tragischen Druck.
(Katherine Mansfield, Tagebuch 1904-1922)

10 comments
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August 11, 2008 um 6:12
Sammelmappe
Oh, liest sich das so schön. Wenn ich genug von den fünf Tagebüchern von Virginia Woolf habe, dann muss ich unbedingt, das Tagebuch von Katherine lesen.
August 11, 2008 um 6:39
Karin
Oh ja, von den Zeilen bin ich auch ganz hingerissen. Und wenn man bedenkt, wie jung die schöne Katherine war, als sie ihre Tagebücher schrieb… Eine ganz Große ist das! Und ich möchte ihr Tagebuch gern lesen, wenn Pflichtlektüren vom Tisch sind.
P.S. Bei meinem nächsten Badewannen-Plansch-Vergnügen werde ich an ihre Worte denken und fröhlich mit den Fußzehen winken…
August 11, 2008 um 9:34
april
einen schönen auschnitt hast du gewählt. so müsste man beobachten und schreiben können.
August 12, 2008 um 7:07
cor
Schöner Text. Lädt zum Weiterlesen an.
Herzliche Grüsse,
Cor
August 13, 2008 um 6:30
piri
„Sie gab dem Schwamm einen tragischen Druck.“
Schwärm – ich glaube, das wird meine nächste Pflichtlektüre!
August 14, 2008 um 11:52
Wildgans
das hab ich nicht erwartet, dass es zu diesem zitat gar fünf kommentare gibt! wo ich doch eben erst überlegt habe, was für eine art blog das hier ist- manchmal ein ömmchen-blog, oder ein sich-jung-stell-blog, oder ein berufsjammer-blog- ne, all das soll es nicht sein, mag ich nicht.
vielleicht ab und zu ein literatur-lese-anregungsblog….?
es macht spaß!
August 14, 2008 um 12:13
Irmgard
Liebe Lu,
.
ich beneide diese Leute, die immer so tolle Beschreibungen finden. Es ist schön, solche Formulierungen zu lesen. Da entstehen schöne Bilder im Kopf.
Mit dem Tod sich auseinandersetzen, ich glaube, da haben viele Leute Schwierigkeiten. Und sie klicken es innerlich gleich immer weg. Wer will schon an seinen Tod denken? – Ich denke da lieber ans Leben. Und vielleicht lächeln mich meine Zehen beim Baden auch an
Dir liebe Grüße, Irmgard
August 14, 2008 um 12:14
Irmgard
Liebe Lu, Dein Blog IST ein Literatur-Lese-Anregungsblog. Deine Zitate sind schön zu lesen
August 14, 2008 um 6:56
sachensucherin
ein blog darf auch nicht zu einseitig sein. find ich.
„alles hat seine zeit“ auch im blog. mal jammern, dann muss es halt sein, mal beobachtetes und gesammeltes zeigen, mal lust machen auf mehr, auf literatur, aufs nachdenken, aufs älter werden, aufs jungbleiben auf was auch immer…
und überhaupt, erlaubt ist, was gefällt. und das kann heute was anderes sein als morgen.
gruss, tine
August 16, 2008 um 1:43
Zehen « Rosenlust
[...] Gefunden bei der Wildgans [...]