Abendgebet

 

Herrgott, allmächtiger,

wie teilst Du das bloß ein?

Wer darf ein Weißer,

wer muß ein Schwarzer sein?

Wen machst Du arm,

wer kriegt in Masse Moneten?

Wer wird ein Graf,

wen machst Du zum Proleten?

Wen läßt Du lang auf Erden,

wen holst Du Dir bald zurück?

Wen ersäufst Du im Elend,

wen verwöhnst Du mit Glück?

 

Ob das bei Dir wohl

nach einem genauen Plan geht?

Oder ob das

in fernen Galaxien in einem Stern steht?

 

Sag bloß nicht,

Du mischst Dich da gar nicht ein.

Ein Allmächtiger

darf nicht so gleichgültig sein!

 

(Christine Nöstlinger. In: Großer Ozean. Gedichte für alle. Hrsg. Hans-Joachim Gelberg. Beltz & Gelberg, Weinheim und Basel 2000)

Meine Mutter meinte, es sei ganz einfach, einen Mann zu halten: Du mußt im Wohnzimmer Zimmermädchen sein, Köchin in der Küche und eine Hure im Schlafzimmer. Ich habe ihr geantwortet,

ich würde für die ersten beiden Jobs jemanden einstellen und mich nur um die Sache mit dem Schlafzimmer kümmern.

(Jerry Hall)

Im Artikel über Bruce Chatwin das Wort “Eskapismus” gelesen. Ein doofer Dr. Psych schrieb das in seine Notizen über die mittelalte, gepflegte Dame, die ich damals war. Meine naive Plaudertaschenmentalität, die sich ab und an meiner bemächtigt, hatte rumgetönt, dass ich mich in irgendwelchen Nervschulstunden am liebsten brüllend auf den Boden schmeißen würde und rausrennen, meinetwegen in den Nachtzug nach Lissabon- oder in einen Prager schwarzen Saxophonnachtclub, jedenfalls weg, nur weg.

Doch dazu gehörte das Tröpfchen auf die Stinketurnmatte, das kam dann auch.

Nun hält es mich lange daheim, nicht nur, weil das Auto seinen Zylinderkopf nicht mehr wollte und kaputt in Dings rumsteht. In die Weinberge kann ich immer noch, oder aus dem Dachfenster die Hügelsonnenuntergänge betrachten. Und den Keinschnee überall.

Beim Nachtessen bereiten mit vorsichtiger Deckelpfännchenbegutachtung wüste Musik hören, brutal mit Messern werfen, wütende Zwiebelwürfelchen hacken, ins Schwitzen kommen, Jacke fallen lassen, frech sein, die Tür knallen und den Hund samt müdem Liegearsch rausschieben, dabei schon wieder eskapieren, überlegen, wer denn für mich kochen könnte. Umgeben von tausenden Kochbüchern habe ich so gar keine Lust mehr dazu. Und wieder kommt ein deftiges Hausomaessen dabei raus, mundet wie kurz vor Weihnachten bei Amalie Katz, einer Urahnin. Die hatte wenigstens die Skatkarten in der Kittelschürze, konnte mächtig eskapieren!

Meiner Mutters letzter Lebenssatz war dieses ängstlich gesprochene “Und wenn sie das nun nicht in den Griff kriegen?”- Hinsichtlich meiner Freundin klingt es derzeit, als würde man es in…

Sogar ein Möhrensüppchen hat sie heute schon runtergekriegt. Sie bekommt Blutkonserve, ich nannte sie Vampirin. Sie lachte per SMS. Hoffnung! Wir müssen ja nicht mehr wie damals auf der Klassenfahrt in “Stille Tage in Clichy” gehen, verbotenerweise, wir könnten aber einige andere, ebenso verruchte Dinge tun!

Sogar Eskapismus könnten wir uns erlauben. Dabei wird es erstmal Salzburg im Februar sein. Schade, dass die Galerie Welz keine Kunstpostkarten mehr verkauft. Doch diese unvergleichlichen Hirschwürstchen auf der Schranne, die werden wir speisen. Und gucken, ob die lustige Frau im zeltigen Lodenmantel wieder an der einen Ecke steht. Und vielleicht werden die von der Tanzakademie wieder Lachpyramiden bauen im Mirabellgarten.

“Es gibt einen Korb, in dem sind Zettel für neue Gedichte. In diesem Korb suche ich herum und finde vielleicht einen Anfang für ein Gedicht. Sonst ist es in meinem Schreibkammerl alles sehr verstreut. Da kommt es darauf an, dass ich wie bei einem Lotteriespiel Zettel herausziehe, die mir vielleicht etwas sagen. Das sind vielleicht Traumfetzen. Ich träume in der Nacht immer in Sätzen und in Wörtern. Ich wache dann mitten in der Nacht auf und mache Notizen, weil ich mich am Morgen an nichts mehr erinnern kann.”

“Befürchten Sie nicht, unter diesen ständig wachsenden Papierbergen selbst zu verschwinden?”

“Nein, dazu sind sie mir zu vertraut, auch wenn ich nicht weiß, was in diesen Haufen ist.”

“Alles wäre viel übersichtlicher, wenn Sie Hefte oder Ordner verwendet hätten.”

“Nein, es mussten fliegende Blätter sein.”

(Die Welt ist so reich. Zum 80. Geburtstag der großen Wiener Dichterin Friederike Mayröcker:

Ein Gespräch über die Unbegreiflichkeit des Lebens mit Iris Radisch, in : Die Zeit 52/2004)

Kalenderblatt mit Foto. Woche 51 Aufbau-Literaturkalender 2014

“Mensch sein heißt knusprig sein” – aus einem Gedicht auf die nun 90-jährige F. Mayröcker von Marcel Beyer in der aktuellen ZEIT.

14. Dezember 1886 Sofja Tolstaja, Jasnaja Poljana

 

Kam heute beim Abschreiben von Ljowotschkas Tagebuch an die Stelle, an der er notiert hat: “Es gibt keine Liebe. Es gibt das Bedürfnis des Fleisches nach Verkehr und das Bedürfnis der Vernunft nach einer Freundin fürs Leben.” Ja, hätte ich diese seine Überzeugung vor neunundzwanzig Jahren gekannt, dann hätte ich ihn um nichts in der Welt geheiratet.”

(Aus “Das Buch der Tagebücher”. Ausgewählt von Rainer Wieland. Piper 2010)

Die Eispickelhexe

 

Hoch droben in dem Lande, in dem es weder Wälder noch Wiesen nur zerklüftete Eisäcker gibt, dort haust die Eispickelhexe.

Statt der Zehen wuchsen ihr Pickelspitzen und ihre Zähne sind klein und aus blauem Stahl. Ihre Brüste sind mächtige Hängegletscher und – trinkt sie Kaffee mit Gemsenblut, darf niemand sie stören. Nicht einmal die Mauerhakenzwerge. Sie ist aller Eispickel Schutzpatronin.

Drum in den Nächten auf den Hütten, wenn jene sich unbeobachtet meinen, schleichen sie aus den Schlafräumen ihrer Herrn: von den Haken herab, aus den Ecken heraus, unter den Bänken hervor – unhörbar zur Türe hinaus. Dort knien sie nieder und falten ihre Pickelschlingen und beten zum Schutzpatron um guten Schnee -

(Aus: Sportmärchen. Von Ödön von Horváth)

Der Tod, eine bildschöne Frau, hochmütige Frau,

arbeitet als Garderobendame in einem Nachtklub.

Alle Stammgäste versuchen, sie zu verführen,

und allen gelingt es.

(Roland Topor)

Mundart

 

Mundart is

wann`s fließt

wann mer`s laufe lasse kann

wann verhobasse nit möglich is

wann`s  klingt wie bei de Mudder

wann mer de Vadder im Ohr hat

wann`s  bloß so sei kann un nit annerster.

 

(Inge Reitz-Sbresny. Besser als wie nix. Gedichte. Verlag Dr. Hanns Krach. Mainz 1982)

Ein paar schöne Gedanken aus dem Buch “Die hohe Schule der Einsamkeit” von Mariela Sartorius:

-Einzelgänger hassen es, gedrängt zu werden. Sie haben einen persönlichen Rhythmus entwickelt.

-Ich gehe auch nicht im Schnellschritt spazieren. Gesellt sich jemand an meine Seite, der “tüchtig voranschreiten” möchte, tut er das alsbald allein.

- Auf die Frage, was ich dort oben allein in meiner Almhütte den lieben langen Tag so mache? Nichts. Ich sitze auf der Hausbank und schaue auf die Gipfel gegenüber und trinke Schnaps aus der Flasche und spiel mir eins auf der Mundharmonika.

- Zu den großen einsamen Wölfen der Literatur, die auch immer wieder ihre eigene und ihrer Protagonisten Einsamkeit schildern, zählen Hermann Hesse und Rainer Maria Rilke, Francesco Petrarca und Jean-Jacques Rousseau, Bruce Chatwin und Friedrich Nietzsche, Henry David Thoreau, Knut Hamsun, Marlen Haushofer, Gottfried Benn, Annie Proulx, Christoph Ransmayr, Antoine de Saint-Exupéry, Paul Theroux, Michel de Montaigne – um nur ein paar zu erwähnen.

- Ich bin von Zuneigung und Rührung erfasst, wenn ich in der Küche kurz allein bin und meine Gäste im Esszimmer reden und schreien und lachen höre.

- Wie man leichtherzig und ohne schlechtes Gewissen seinen Bekanntenkreis verkleinert (hygieinos, griech.: der Gesundheitspflege dienlich.)

- Nur um nicht allein zu sein.- Jemand bleibt, obwohl des Nörgelns und Kritisierens, der Unzufriedenheit mit allem, was der Freund macht, kein Ende ist…trotz Prügel, Demütigungen…

Im ersten Kommentar ein Link auf ein Gespräch mit der Autorin!

Lauschen

 

Ich habe mein Ohr nachts an die Erde gelegt:

Da hört` ich alle Herzen in einem schlagen

Und Menschen, Tiere und Bäume der Vielheit entsagen -

Ich habe mein Ohr nachts an die Erde gelegt.

 

Ich habe mein Ohr nachts an die Erde gelegt

Und alle Götter vernommen, die jemals waren

Und alle Müttter, die mich jemals geboren -

Ich habe mein Ohr nachts an die Erde gelegt.

 

Ich habe mein Ohr nachts an die Erde gelegt:

Da hört` ich sie im Schwung durch den Äther dröhnen

Und hörte Echo vom Wandel der Sterne tönen -

Ich habe mein Ohr nachts an die Erde gelegt.

 

(Ina Seidel)

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