Immer wenn ich geglaubt habe,
jetzt bin ich glücklich,
kam irgendetwas dazwischen.
(“Der Bergdoktor”. Rabe-Kalenderblatt vom 22.Mai 2013)
Lese- und Lebensdinge
Immer wenn ich geglaubt habe,
jetzt bin ich glücklich,
kam irgendetwas dazwischen.
(“Der Bergdoktor”. Rabe-Kalenderblatt vom 22.Mai 2013)
Heute in der Stadt weder Wedel noch Eisermann getroffen, sie proben in Innenräumen, die bisschen woanders sind. Nur der Herr Kulturreferent lief mit bedenklichem Gesicht durch die Buchregale und ließ sich was aus dem Magazin bringen.
Meinem Lieblingsesskerl was vom “Ess-Abo” erzählt. Er will es aufgreifen. Scholle mit Kartoffelsalätchen, mhhhh und die Bionade runtergekippt. Die Bürodame am Nebentisch hatte reserviert und brummte männerstimmlich vor sich hin, was nicht passte, sie sah fein aus. Tarnung?
Dabei im neuen Spiegel rumgelesen über das Meditieren z. B. oder über einen Vater, dessen Sohn stark pubertiert und beim Rasen mähen nicht mehr helfen mag, stattdessen mit der Freundin im Zimmer verschwindet.
Später mit über derzeitige Unternehmensberaterpraktiken empörter Schwester telefoniert, im Garten Nassgräser geschnippelt, den Kachelofen heiß gemacht, Earl grey Tee getrunken, in Blogs nach DEM ultimativen Eintrag gesucht, mit dem Gatten gerollenspielt, so: er der römische Senator Curasivex, ich die dralle Sklavin Sybillpuella. Ganz ungeniert, alle sozialen Allüren missachtend, turtelig im Sonnenuntergang, herrliche Fantasiestunden, without jeder political correctness. – Man muss das Entsetzen über aktuelle Weltgeschehnisse manchmal ausblenden, sonst …
Die Freundin aus der alten Mühle war zwischendrin auch noch ein Stündchen da, sah wild aus, wie frisch vom Easy-rider-Dings gestiegen. Die gefüllten Windbeutelchen mundeten, auch unsere Beteuerungen, wie froh wir im Ruhestand sind- und noch keine alten Knatterkalkgerippe…
Was bin ich froh, dass ich nicht Daniel Cohn-Bendit bin, oder Boris Becker oder sonst jemand Schratiges. Die Zeit wird schon noch kommen…
Ich mache kein Geheimnis daraus, dass ich lieber auf dem Sofa liege als darunter zu fegen.
(Shirley Conran)
Letzten Sonntag an der Mosel. Wir zotzelten grad am Spargel, da erzählte uns der Weinstubenwirt, dass die alte Frau Schmidt, der Schwiegermutter bekannt, nun mit einem komplizierten Bruch im Krankenhaus sei. Bei ihnen vor der Tür gestürzt samt Gehwägelchen, als sie letzte Woche zum Essabo kam. Essabo? Ja, für ältere Leute hätten sie eines eingerichtet, die könnten jeden Mittag hier gutbürgerlich speisen für jeweils sechs Euro. Gute Sache, finde ich! Nur leider kann die 86-jährige Frau S. wohl nie mehr kommen…
Sie stand vor der Tür mit riesiger Mutter-Oberin-Schleuderglocke und bimmelte zum Spargelsalathausmacherkostkauf.
Ihr Kamerad raffte sich meinen alten Weideneinkaufskorb ins Auto, warf zackig zögernd Gewünschtes hinein, sie kassierte ab. Und stumm die beiden, nur nötigste Worte.
Nächstes Mal hole ich den Spargel wieder auf der Post, da hört man wenigstens Dorftratsch, Kreischgelächter, wahre Geschichten von Karls Bluthochdruck oder Käthchens missratenem Ritalinenkel.
Wie schade, dass es den Tante-Emma-Laden nebenan nicht mehr gibt, da konnte man bei unverhofftem Besuch schnell Bienenstich, Colaeis oder Mädchenwundertüten holen.
Morgen beim Bib-Besuch in der Stadt könnte es sein, dass mir ein verstrubbelter Dieter Wedel entgegenrennt- oder der Eisermann in der Leseecke ein Probenpäuschen macht. In ein paar Wochen wollen die Brunhild-Siegfried-Hagen-Geschichten aufgeführt werden.
Teiche um Karlsruhe, Ochsenfrösche, die einer mariniert und als Leckerbissen verkauft, Schnaken, Chorgesänge, Atemtechniken und Schlafsachen, vor allem diese…
Im Roman “Vom Schlafen und Verschwinden” von Katharina Hagena lese ich gern, besonders natürlich vor dem Einschlafen. Gestern Abend diese Stelle: “Vielleicht ist das, was wir Leben nennen, ein Traum, und das, was wir Traum nennen, das Leben, und Platons Höhle ist in Wirklichkeit eine Metrostation.”
Apropo Metrostation, eben hörte ich, dass ein anderer lyrischer Begleiter meiner Jugendzeit gestorben ist: der Sanftfranzose Georges Moustaki. Ewiges Gänsehautlied “Le meteque”, wie rasten wir auf die Tanzfläche von “La Boheme”, unserer Höhlendisko mit Sepp, dem bärtigen Einschenker. Sich zu dieser Musik ins Weltall wiegen. Schwummriger Kopf, alles egal, nur Moustakis Stimme. Alles war gut.
Die Tyrannei der Männer ist Ursache
fast aller Geisteskrankheiten der Frauen.
(Mary Wollstonecraft)
Ende Mai
In ganz Europa ist jetzt das Gras da; überall
Grünen die Linden, mancherorts Nuß und Wacholder. Winde
Jagen viel Wolken fetzenweis über die Klingen
Der Faltengebirge. Durch erfundene Drähte
Über und unter der Erde geben die Menschen sich Nachricht.
Du schick die leichteste
Aller Tauben windförmig sie bringt
Ungeöffnete tagschnelle Briefe. Schatten
Unter den Augen; mein wüster Herzschlag.
Unfroh seh ich des Laubs grüne Farbe, verneine
Bäume Büsche und niedere Pflanzen: ich will
Die Blätter abflattern sehen und bald. Wenn mein Leib
Meine nicht berechenbare Seele sich aus den Stäben
Der Längen- und Breitengrade endlich befreit hat.
(Sarah Kirsch. Aus “Rückenwind”. Langewiesche-Brandt. München 1977)
Mairegen
Solltest doch lieber ins Häuschen gehn!
Wirst ja am Ende ganz naß.
Wozu doch willst du im Regen stehn?
Sag, wozu nützet dir das?
„Mairegen macht, daß man größer wird:
Größer doch möcht‘ ich gern sein.
Wär‘ ich, o Mütterchen, groß genug,
Ging ich gewiß nicht hinein.”
(August Heinrich Hoffmann von Fallersleben)
Vorgestern haben Georges und ich so gelacht, daß wir uns die Seiten hielten, fast erstickten, weinten, eine Stunde lang nicht mehr aufhören konnten.
Es kommt nicht oft vor, daß wir so lachen. Das tut weh. Es ist das gute verrückte Lachen unserer Kindheit, mit dem man nicht aufhören kann, das man für einen Moment unterdrückt, und das schriller, lauter wieder losbricht. “Das Lachen ist dem Menschen eigen.” Aber ich sage auch: “Angekleidet hüllt sich der Mensch in seine Prinzipien. Nackt ist er ein gemeines Tier, fast immer gefährlich.” Georges liebt es, nackt zu sein, nackt in seinem Zimmer oder im Bad herumzulaufen. Wie ein Wilder…
9. Mai 1920, Liane de Pougy, Saint-Germain-en-Laye (In “Das Buch der Tagebücher”. Ausgewählt von Rainer Wieland. Piper 2010)