Stilistische Mätzchen

Bei manchen Autoren kann ich den Eindruck nicht loswerden, daß sie beim Schreiben ständig den kleinen Finger abspreizen und ein feines Mündchen machen. Meist werden sie von der Kritik als bedeutende Stilisten gefeiert. Mich verärgert es eher. Wenn sich mir beim Lesen immer wieder das Gefühl aufdrängt, daß der Autor mich durch seine Zeilen hindurch mit hochgezogenen Augenbrauen anblickt, als wolle er fragen: „Hast du auch bemerkt, wie ungewöhnlich und feinsinnig ich das wieder formuliert habe?“, dann verliere ich jede Lust weiterzulesen und klappe das Buch zu.
(aus „Micheal Endes Zettelkasten- Skizzen und Notizen“, Weitbrecht Verlag, 1994)

Im Dorf weit hinten, wir hinter der Kuhherde, barfuß. Und dann da durch. Grüne Warmfladen, dampfig, frisch, unanständig.
Der alte Clemens lebte mit seiner weniger alten Schwester. Er glitschte auf dreckigem Balken den Misthaufen hoch und runter, mit der Schubkarre rostig rädernd.
Im Backhäuschen reichten uns die dicken Schürzenfrauen warmes Duftbrot mit Butter.
Auf der Wiese spielten wir Kuh, fraßen das Gras in echt. Ohne Wurzeln, der dickzöpfigen Bestimmerin zuliebe. Unterkühe, wir.
Dafür quälten wir die echten ab und zu. Steckten ihnen lange Stöcke irgendworein. Lachten über ihren zornigen Kuhgalopp in Folge.
Die Jungs des Hosenträgerclubs schlugen Doktorspiele im Mischwald vor. Einmal übern Ast legen. Ne, lieber abhauen, ohne Stöckchen irgenwodrin.
Später verbrannten traurige Bauern ihre Höfe, bevor die Fluten der Wasserversorgungsgesellschaft Backhäuschen und alles im Kalten verschwinden ließen.

Hier gibt es gute Fragen, die man einer Freundin, einem Freund stellen könnte:

http://blog.zeit.de/zeitmagazin/2012/01/25/fragen-an-einen-freund-2/

Morgenduft
Schwergebogen nasse Zweige.
Trübe Aprikosenblüten.
Unter tiefem Himmel schleichen
Feuchte Wege.

Aschenweiße Buchenwälder.
Kahle perlenmatte Fjorde.
Kaltes Schilf. Auf nacktem Grunde
Spielen scheue Rosenmuscheln.
(Max Dauthendey)

Der Bruder beginnt urplötzlich damit, in der Familie herumzuforschen, vergangenheitlich. Durch diese weltweite Plattform fand er einen Verwandten, mit dem wir nun in näheren Kontakt treten. Was da für Überraschungen zu Tage treten, allein von den Namen her. Mir schrieb dieser ältere Herr, er sein ein „Freier Reiter“. Was ist das – meine Rückfrage. Mit einem prächtigen Motto erklärte er sich:
“So ist es gut, so ist es recht, niemandes Herr, niemandes Knecht.”

Spuren

Es bleibt so wenig übrig.
Von den Hunden zum Beispiel
nur ihr Halsband,
das einem der Tierarzt zusendet
in ein und demselben Kuvert
mit der Rechnung.
Von den großen Autoren
ein paar Auszüge in Anthologien,
die mit der Zeit immer dünner werden
und in den immer kürzeren Fußnoten
der Sekundärliteratur verbleichen.
Von Hannibal, Admiral Nimitz und General Lee?
Drei- und Vierecke auf einer Landkarte,
die einen rot, blau die anderen.
(Lars Gustafsson)

Kein verallgemeinerndes Geplapper will ich hier absondern, doch es dachte grad so in mir, dass es Zeiten gibt im Leben, wo alles gut läuft, lange gut läuft, es hat sich gut eingelaufen, es geht von Tag zu Tag so weiter, man könnte es fast bleibendes Glück nennen. Man hat sich so richtig dran gewöhnt, dass es so bleibt, man nennt es noch gar nicht mal Hamsterrad, eher eine Art Kleintierspielplatz für Große. Eingelullt. Bis man so richtig unvorbereitet ist für den nächsten Schlag. Aber so weit muss es ja nicht kommen!?
Harald Lesch empfahl in einem Vortrag über Zeit und Raum, man solle sich eine Armbanduhr zulegen, eine ohne Ziffernblatt, nur quer drüber mit dem Wörtchen JETZT.

Ausnahmsweise werde ich heute Abend um viertel nach acht mal Privatfernsehen gucken. Die taz schreibt sehr angetan von einem frischen Krimi über zwei Polizeifrauen, von denen eine „Die Irre“ genannt werden soll, weil sie sich länger in einer entsprechenden Klinik befand. Sat1.
Und im Moment saß hier an meinem Fenster eine recht große Schnake. Sommerstechmücke. Also kein Gänseblümchen. Schon merkwürdig!

Das Titelblatt der Tageszeitung nicht angesehen zu haben, das bleibt ein frommes Wünschlein. Beim Traumperlentaucher lieber nicht gelesen zu haben, auch. Titelblatt mit riesigem Scheidungsfoto mir völlig unbekannter Glamourleute. Was soll das? Macht vielleicht Tiroler froh wie Bohnenstroh, mich will es in Zierkissen beißen lassen.
Also Abstand.
Der Mann hört „Sachen“ im Radio. Wie z.B. junge Frauen auf einer Wiese kreischend rennen, wollen ihnen doch ein paar größere Affen in den Hintern kneifen. Einer macht „Paff!“- schießt die Tiere tot. Die Frauen sind „not amused“, natürlich. Die Szene entstammt einer satirischen Novelle von Voltaire, überschrieben mit „Candide“.
Wir unterhalten uns gut, echt bildungsbürgermäßig, über dergleichen. Vielleicht fällt uns das im Sommer in blühenden Wiesen wieder ein.
Die beim Traumperlentaucher gelesenen Artikel finde ich sehr aufwühlend, gerade für bloggende Menschen…Abstand zu gewissen Medien halten, heißt ja nicht, den Kopf in den Romantiksand zu stecken!

Am 25.Januar 1804 schreibt Joseph von Eichendorff, Breslau, in sein Tagebuch:
Früh spazieren gewesen u. die ersten Gänseblümchen gefunden.

Am Abend davor, nämlich am 24.Januar 1946 in Pacific Palisades, schrieb Thomas Mann:
Las abends lange in Platens Tagebüchern. Verglich und fand viel Grund zu Dankbarkeit. Daß Hornstein ihm sagt, er werde früh sterben, ist alles Mögliche für den Lümmel. Das Illusionäre der Liebe in der Homoerotik ungeheuer verstärkt. Alle Wirklichkeit führt das Gefühl ad absurdum. Mit dem Hauptmann im Bett zu liegen – wie wärs gewesen?
(aus „Das Buch der Tagebücher“, ausgewählt von Rainer Wieland)

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