Bevor hier für eine Woche Ruhe ist, noch eine kleine Klitzebuchbesprechung. Wobei es noch fertig gelesen sein will.

Die ältere Frau hat ihre Tanzschule abgegeben. Ihr ewiger Tanzpartner lebt nun sein Schwulenleben in Thailand, sie mailen sich schöne, lange Schnellbriefe. Außerdem parliert sie mit anderen Alttanzdamen und mistet ihr Haus aus, damit es nach ihrem Tod nicht ihre Kinder machen müssen.

Die jüngere Frau muss Hausaufgaben machen, schnappt sich stattdessen ihre Kamera und zieht rum, außerdem schmiert sie sich dick Butter aufs Brot, vermischt diese mit Ovomaltine, bis es schwarz ist und ihre Mutter sagt, dass das dick mache.

Die beiden treffen sich demnächst und freunden sich an, worauf ich gespannt bin.

Ach ja, die ältere hört täglich Wunschkonzerte, klassische Musik, und zeichnet dabei am Küchentisch. Sie will nun den älteren Herrn kennenlernen, der irgendwann ihren Musikgeschmack erkennt, bewundert und sich für sie Stücke wünscht; auf den ist sie neugierig, den wird sie bald in einem Szenelokal treffen.

Ich lese extra langsam. Man will nicht, dass das Buch endet.

“Nochmal tanzen”- von Maja Peter. Limmat-Verlag. Zürich 2013.

Herbstaugen

 

Presse dich eng

an den Boden.

 

Die Erde

riecht noch nach Sommer,

und der Körper

riecht noch nach Liebe.

 

Aber das Gras

ist schon gelb über dir.

Der Wind ist kalt

und voll Distelsamen.

 

Und der Traum, der dir nachstellt,

schattenfüßig,

dein Traum

hat Herbstaugen.

 

(Hilde Domin. In: Atem der Erde. Lyrik zu den vier Jahreszeiten. Hrsg. von Asta Scheib. Radius Verlag.Stuttgart 2013)

Diese Lüfte, die herbstlich angehauchten, entfachen Feuermachlaune, im Freien, mit Birkenholzscheitchen und Knüllpapier, mit getrocknetem Tomatenkraut ohne Gnadenbrotsgnade.

Gnadenlos hinein mitsamt den leeren Nussschalen. Hasel, Walnuss, Pistazie. Angeschimmelte Rosengelbbraunblätter mit weichem Tagliliengestöcke.

Dabeistehen, Herbstworte rufen. Vollmond und Rosentod.

Nächste Woche Hirschbisonwälder in der Heimat. Feinste Steinpilze im fürstlichen Tann, Pfifferlinge nebenan. Die Kühe schon im Stall, die sollen keine Nebelnasswiesen abfressen. Ob es noch die Bediennonne im Stadtcafe gibt?

Kleine Köfferchen platzen vor gejackten Stricken und es gibt keinen Funkempfang, dafür ein paar bierselige Strumpfstopfholländer und Wiesenstücke in alten Pfannen.

Das kleine Herbstfeuer riecht nach Winnetou und Tipi.

Fledermausendgebraus, unhörbar.

Sibylle des Sommers

 

September schleudert die Wabe des Lichts

Weit über die felsigen Gärten aus.

Noch will die Sibylle des Sommers nicht sterben.

Den Fuß im Nebel und starren Gesichts

Bewacht sie das Feuer im laubigen Haus,

Wo Mandelschalen als Urnenscherben

Zersplittert im harten Weggras liegen.

Das Schilfblatt neigt sich, das Wasser zu kerben.

Die Spinnen reisen, die Fäden fliegen.

Noch will die Sibylle des Sommers nicht sterben.

Sie knotet ihr Haar in den Bäumen fest.

Die Feige leuchtet in klaffender Fäule.

Und weiß und rund wie das Ei der Eule

Glänzt abends der Mond im dünnen Geäst.

 

(Peter Huchel. In: Sommergedichte. Ausgewählt von Evelyne Polt-Heinzl und Christine Schmidjell.  reclam Stuttgart 2001)

Was muss ich auch in der Nacht diesen für mich unheilvollen, dennoch überaus faszinierenden Film von der schlafenden Schönheit gucken. (Sleeping Beauty)

Nacht für Nacht liegt die dünne, junge Studentin wie eine Mucha-Jugendstilschönheit unter einer dünnen Seidensteppdecke und alte Männer dürfen mit ihr machen, was sie wollen.

Außer Penetration, außer ihr Wunden zufügen. Einer steckt ihr dennoch eine brennende Zigarette ins Ohr.

Es ist diese Faszination am Üblen und Ekligen, die mich auch immer wieder die letzte Woche ertrunkene Spinne betrachten lässt. Inzwischen sieht sie aus wie eine kleine gelbe Winzqualle und ist noch nicht geplatzt dort in der dunkelblauen Regenwasserschüssel.

Ich denke mal, wir Menschen sind so gestrickt, haben eine Art Gruselgen mit Gänsehautschüttelwunsch samt Hinguckzwang.

Um so kräftiger lachen mag ich dann über diesen Moralartikel im Magazin der Süddeutschen, wo einer fragt, ob er seinen Tomatenstauden das Gnadenbrot angedeihen lassen sollte. (Wenn sie nicht mehr Frucht tragen, weiter hegen und pflegen oder das Gestrüpp entsorgen?)

“Wir wollen, dass sie ihr individuelles Entwicklungspotential voll entfaltet”, fügte Dad hinzu.

“Ach, das ist ja zum Kotzen!” sagte Mrs V., und Dad zuckte zusammen. “Lasst euch nicht von all diesen gefühlsduseligen Wörtern und Sätzen, die man in Büchern über behinderte Kinder lesen kann, unterkriegen”.

 

Aus dem Buch, das ich beinahe atemlos verschlinge derzeit: “Mit Worten kann ich fliegen”, von Sharon M.Draper.

Eigentlich ein Buch für größere Kinder, denn ich musste es mir in der Kinder- und Jugendbücherei abholen. Macht ja nichts. Im Radio hatte ich die Empfehlung gehört; da war die Rede von einer, die stumm leben muss und im Rollstuhl (Zerebralparese), aber hochintelligent ist. Zufällig erfährt ihr Vater, dass es einen Sprachcomputer gibt, mit dessen Hilfe das elfjährige Mädchen endlich dazu kommt, sich nach Außen mitteilen zu können.

Das Buch beginnt so:

“Worte.

Ich bin umringt von Tausenden von Worten. Vielleicht Millionen.

Kathedrale. Mayonnaise. Granatapfel.

Mississippi. Neapolitaner. Nilpferd.

Seidig. Furchterregend. Schillernd.

Kitzeln. Niesen. Wünschen. Sich Sorgen machen. “

9. September 1947  Max Beckmann, New York

 

Sehr müder Morgen, aber drei schwarze Gorillas im Centralpark (Zoo) weckten neuen Enthusiasmus. Die Erektionen der Gigantenhäuser schauten über die Bäume und wir kamen fast zu spät zum Valentinlunch, der sich etwas muffig zeigte bei den First Paperideen, Quappi (Beckmanns Frau) meinte aber, es wär nicht so schlimm, möglich. – Dann geschlafen. Treffpunkt mit Quappi im Waldorf Astoria wo sie ziemlich zerstört aber rechtzeitig ankam.

Wir tranken Ginfiz zusammen und sie tröstete mich etwas in meiner Melancholie… – Außerdem haben wir drei neue Kopfkissen bekommen, weiße Kopfkissen von einer schwarzen Negerin in – blau – Ja, New York ist wirklich großartig, nur stinkt es eben nach verbranntem Fett, wie die Braten des erschlagenen Feindes bei den Wilden. Aber trotzdem – doll, doll, doll – Babylon ist ein Kindergarten dagegen und der Babylonische Turm wird hier zur Massenerektion eines ungeheuerlichen (sinnlosen? ) Willens. Also mir sympathisch.

(Aus: Das Buch der Tagebücher. Ausgewählt von Rainer Wieland. Piper 2010)

 

Eine andere Künstlerin war gerade in NY, man kann nachlesen und schauen bei http://www.sylviahagenbach.de

Beim “Kaffeehaussitzer” (s.Blogroll) ein Berlinbericht mit schönem Marcuse-Wort!

Die Tannenbäume tragen Lametta

aus Spinnengewebe rote Sonne

streicht am Morgen Tagundnachtgleiche aus

es weihnachtet im September

viel bunte Kugeln sind aufgehängt

die Martinsgänse reden

nicht mehr lange von der Zukunft

 

(Helga M. Novak. In: September. Gedichte. Ausgewählt von Evelyne Polt-Heinzl und Christine Schmidjell. Reclam Stuttgart 2014)

In Sorge um meine unzulässig andauernden Fachalbträume empfehle ich meiner unbefangenen  inneren Blogleserin, doch bitte nicht mehr in Lehrmenschenblogs zu lesen!

Lieber was lernen über Auberginenaufläufe oder Steine einhäkeln, lesen von ruhigen Tagen am Bodensee oder wüsten Gelagen im Astrologenhimmel. Fotos betrachten von Orten, an die ich niemals kommen werde oder Bilder von Herbstdekozwangsverhalten, lesen über Urlaube von Alleinerziehenden oder Flanierliteraten. Über Bücher von prächtigen alten Ehen, schweren Motorradweibern oder Leuten, die sich beim Akt an die Kehle gehen.

Oder ich stelle mir vor, Anna Freud zu heißen und meinem Papa Verehrungsbriefe zu schreiben (im Moment liest jemand im Radio Briefe aus dem neuen Briefwechselbuch vor).

Da war dieser schlimme Angsttraum von der mir auf einer Almwiese verloren gegangenen Schulklasse. Man hat mich entlassen – aus dem Stand – weil die Kinder auf einer nahen Serpentinenstraße irrend angetroffen worden waren. Keine Kuh mit Kalb in der Nähe, trotzdem ohne Erbarmen.

Wer entlässt mich bloß mal endlich auch innerlich? Die Lehrerblogs sind nicht schuld, eher meine Lebensnachhallgedanken vom fälschlicherweise ergriffenen Beruf. Mein eigentlicher Wunsch ging in Richtung Journalismus, was ich mir aufgrund der früheren Lebensumstände nicht erlaubte. Zu spät, sprach`s Äffle…

Kunst-Kultur-Journalistenblogs also erstmal…Ach Quatsch, nimmermehr schreibe ich mir selber was vor! In alle Richtungen denken, lesen, leben – springlebendig besser!

Herbsthauch

 

Herz, nun so alt und noch immer nicht klug,

Hoffst du von Tagen zu Tagen,

Was dir der blühende Frühling nicht trug,

Werde der Herbst dir noch tragen!

 

Lässt doch der spielende Wind nicht vom Strauch,

Immer zu schmeicheln, zu kosen.

Rosen entfaltet am Morgen sein Hauch,

Abends verstreut er die Rosen.

 

Lässt doch der spielende Wind nicht vom Strauch,

Bis er ihn völlig gelichtet.
Alles, o Herz, ist ein Wind und ein  Hauch,

Was wir geliebt und gedichtet.

 

(Friedrich Rückert)

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