Gestern die Doppelkopf-HR-2-Sendung über Olli Dittrich gefiel mir. Ich mag den leicht verwahrlosten Kerl in der Hamburger Imbissbude, besonders, wenn er sich so köstlich aufregt, oder über seine super abstrusen Bizarrdinge erzählt.

Die Moderatorin fragte ihn, ob er ein gebürtiger Aschenbecher wäre………..Och nä, mal wieder mein Hörverstehproblem. Er ist gebürtiger Offenbacher.

Beim Rumgucken im Netz fand ich einen automatischen Buchempfehler, den ich gleich einige Male ausprobiert habe. Schöne Bucherfahrspielerei. Hier:  siehe Kommentar.

l

 

Ausblick

 

Glanzloses Leben,

aber die Abende:

Lampe, Feder, Pfeife und

daß du Entschwundenes festhieltst.

 

Einritzen in Papier,

was dir wert war:

ein Ammonit, im Geröll gefunden,

Septemberlicht wie von anderswo.

 

Was dahinter ist,

wenn die Lampe brennt.

In der Ferne werden die Berge hell.

Wasser und Gras überleben dich.

 

(Hermann Lenz. In: Der ewige Brunnen. Ein Hausbuch deutscher Dichtung. Gesammelt und herausgegeben von Ludwig Reiners. C.H. Beck Verlag. 2. Auflage der Jubiläumsausgabe. 2006)

Geparkt hatten wir vor diesem imposanten Gebäude: http://www.buddha-museum.de

Moselspaziergang mit der lieben, alten Mannesmutter mit Betrachtungen einer Brücke, nicht marode, schöner brauner Gänse auf hohem Fuß, mit schwarz umrandeten Augen und einem Hals wie aus Rehbraunfell.

Die kleine, entzückende Ratte sauste zwischen Krümelsperlingen herum und einer dicken Rostschiffskette.

Im Seitental steht ein Edelayurvedaparkhotel, ansonsten sieht es dort aus wie dreißig Jahre nach einer touristischen Blüte.

Verwurmte Waldpilze mochten so viel Regen auch wieder nicht. Träume von Priestern, denen man die Socken wäscht oder einer Freundin, deren Bauch bis zum Boden hängt und die ihn bei jedem Schritt hochschnickt.

Im Radio erzählt eine Frau von ihrem Lebensurlaubsselfie, das sie gemacht hat. Von jedem Urlaub schickte sie eine Ansichtspostkarte an sich selbst, heftete diese zusammen an einen schönen Platz, und machte dann das Wunderreisefoto. Manche Karte kam erst Wochen nach den Ferien bei ihr an. Jedes Mal ein überraschendes in den Alltagdringgeschenk.

Auf der Rückfahrt Ärger beim Anblick der riesigen Brückensäulen, die aus und über einem Moseldörfchen wachsen, von denen man nicht wirklich sicher sein kann, dass sie auf stabilem Hangboden stehen…

Wir haben nicht angehalten, aber ein anderer lieber Blogger hat das fotografiert, siehe erster Kommentar.

“Du kannst auf dieser Welt nur leben, wenn du sie zu deiner Geliebten machst.

Sie mit diesen ungeheuerlichen Wundern und Grausamkeiten annimmst und zwischen beiden das Gleichgewicht findest.

Sonst wirst du diese Welt nicht so verlassen können, wie du es vorhast – laut lachend auf einem silbernen Vogel fliegend

und bis zum Rand erfüllt mit allem, was sie dir zu bieten hatte, ohne etwas zurückzulassen.”

(Janosch. Wörterbuch der Lebenskunst)

Nach all dem Regen schaffen es unsere Tigerschnegel nicht mehr mit den Schnecken. Es kriechen also ein paar der rotorangenen Tiere im Gras herum. Ich überlege, ob die, wenn wer drüberläuft, Schmerz empfinden oder gar für uns nicht hörbares Schreckschneckgeschrei ausstoßen?

Heute Abend war der Mann bei Eric Burdon in Mainz. Das Publikum insgesamt in unserem Alter. Der Bluesman wird immer kleiner, hätte auch ein paar Stimmaussetzer gehabt, aber niemand nahm das übel, als Zugabe nur ein Stück, ursprünglich von John Lee Hooker.

Da ich mir eine neue Regel gegeben habe, heute zum ersten Mal im Leben Kaktusfeigen probiert, mit einem Tuch umfasst wegen eventuell vorhandener Stächelchen, quer durchgeschnitten und ausgelöffelt, nichts besonderes, finde ich. Frische, richtige Feigen schmecken wesentlich besser.

Meine inoffizielle Abmachung mit meinem Kundenkonsumentinnenich lautet: bei jedem Einkauf für den laufenden Haushalt etwas erwerben, was ich vorher nie im Körbchen hatte. Ricotta einmal, dann schwarzes Kaffeegelee und gestern eben Kaktusfeigen, nix Großes. Es gibt noch viel zu erkunden.-

Dann gab es noch die Sache mit den Guten Geistern in Nuß – die lagen auf des Mannes Schreibtisch – und die hat heute, als ich in der Stadt war, der Hund gefressen. Dass der mit seinen 16 Jahren hochspringt und sich das Zeug holt, hätten wir nicht gedacht. Er wirkte nicht angetrunken, sein Gebell klang allerdings heiserer als sonst. Zum Glück hat er nicht gekotzt. Mein Gott, wenn ich mir das richtig überlege: er hätte mich beim Heimkommen anbeißen, in die Einkaufskörbe springen oder sich sonstwie ausfallend benehmen können.

Nachts sausbrausen Gedanken heran: wie kann man bloß angesichts der gefährlichen Krisenherde auf der Welt von Mäuschen, Kaktusfeigen und besoffenen Haushunden schreiben? Wie geht das, warum tut man das? Da geht`s mir wie den Tigerschnegeln…Die Schlechttraumwegbaggermaschinchen haben zu tun. In meinem Fall hilft Verdrängung und nicht zum Zuge kommen lassen, außerdem bin ich in den Enkel verliebt!

sommerfrische

 

du richtest dich ein

in mir

landhaus mit dorischen schenkeln

mit schönen antiken

gefühlen

rosa samtvorhängen

schwer genug gegen

zweifel

ein lächeln morgenrouge

auf die wettergeprüfte

fassade

das hält bis zum nächsten regen

 

ich tauche meine hände

in schwarze farbe

und schreibe

die ballade von einem

der einzog das fürchten zu lernen

 

(Doris Runge. In: Die vier Jahreszeiten. Gedichte. Hrsg. Eckart Kleßmann. Reclam Stuttgart 1991)

Gestern Nachmittag sprang mir ein Huhn auf den Schoß. Die Hühnereigentümerin sprach sanft auf es ein, ich sprang auf, weg war es. Zutrauliches Ding! Es hinterließ schmale grüne Schleifspürchen auf meiner Alltagskaffeeklatschhose. Um uns herum pickten die Tiere nach den Weintrauben an der Hausmauer, tuckerte das ältere Gänsepaar durch die Wiese, zogen zwei Raubvögel hoch oben ihre Kleinhuhnjagdkreise.

Orangenkekse mit Schokostückchen gab es zum starken Mühlenkaffee, extra aufgebrüht, und sorgenvoll strich die Freundin sich mit Weitzackkammsträhnengriff  ihre schönen Haare zurück. Sie will wieder mehr lesen, legt sich mitunter früh ins Bett. Mit Wärmflasche wegen Herbst. Ihr geliebtes Bahnenziehschwimmbad schließt nächste Woche. Dort trifft sie oft meinen ehemaligen Kollegen, der einen so schönen Körper sich erhalten habe. Er war früher als “scharfer Hund” verrufen, die Lehrermöglichkeitskarriereleiter ganz schön hoch geklettert. Jetzt hat er noch diesen Körper.

Meine andere Freundin ist noch mit ihrem gesamten kleinen Kollegium in Rumänien unterwegs. Einer zeigt ihnen seine Heimat. Auf ihren Reisebericht bin ich gespannt. Vor mir erscheint die Landschaft der Hohen Tatra, vielleicht ist es dort ähnlich? Vielleicht winken dort auch Zigeunerjungs mit ihren Pimmelchen, leben in kargen Steinhäusern auf sandigem Boden und nennen die “Ureinwohner” diese “Schmarotzer”?

Leider werden es in jedem Sommer weniger Ansichtskarten, die man bekommt. Wer legt schon noch Wert darauf? Einen Ferienjob hatte ich mal in einem Büro, da war die Wand hinter der Tür mit bunten Postkarten gepflastert.

Der Hühnermaler hätte gestern seine Freude gehabt.

Die Grünspurhose wird später lässig mit anderen Wäschestücken im leichten Spätsommerwind an der Leine flieghängen.

 

Auf einmal, aus unersichtlichen Gründen, ist die proppevolle Kneipe leer. Man trifft sich woanders, was Neues ist angesagt.

Es gibt Blogs, die von ähnlichem Rudelverhalten getroffen werden. Zeitweise Dutzende Kommentare, einige Zeit später tote Hose. Obwohl sich inhaltlich nichts geändert hat. Ein anderes Blog verspricht aufregendere  neue Aromen.

Der Schnelllebigkeit entgegen kommt auch die Likerei. Einfach mal kurze Anwesenheit samt unkonzentrierter Kenntnisnahme geklickt und weiter. Gute oder schlechte Erfindung?

Sei doch zufrieden darüber, dass überhaupt jemand kundtut, dass er oder sie da war, bei dir geschaut oder gelesen hat.

Und weißt du was, es gibt gern gelesene Blogs, die gut dastehen mit null oder sehr wenigen Kommentaren. Wie per unabgesprochener Vereinbarung irgendwie….

Aus Kommentaren entstehen banale, witzige oder feine kultivierte Unterhaltungen,  geht auch.

Manche möchten Mails als Reaktion auf ihr Geschriebenes. Geht auch.

Aus Blogs entstehen Freundschaften oder andere Verhältnisse. Man trifft mitunter welche mit ähnlicher Wellenlänge. Was schön ist, stürmisch oder zahm verhalten, auf jeden Fall ist jemand aufgesprungen und es werden fortan gemeinsam Buchhüllen gehäkelt, Lesemeinungen ausgetauscht oder Lebensdinge besprochen. Manchmal bricht eine Kontaktaufnahme ohne ersichtlichen Grund wieder ab. War wohl nix, auch in  Ordnung.

Es verschwinden Blogs sang- und klanglos, wie das von Franziskas Gartentage aus Kanada. Das ist traurig.

Alle versickern irgendwann im Netznirwana. Das ist normal.

 

Das geeignete Buch bei Pessimismus sei “Robinson Crusoe” von Daniel Defoe. Auf dieser Insel weit hinten tat er alles, um am Leben zu bleiben.

“Also her mit den Schiffbrüchen! Machen Sie sich Robinson Crusoe zum Gefährten, dann werden Sie Ihren inneren Optimisten finden und mit prallen Segeln durchs Leben gleiten.”

Bei Rachegelüsten wird die Lektüre von “Sturmhöhe” (Emily Brontóe) empfohlen, bei Schreibblockaden “Die Abenteuer meines ehemaligen Bankberaters (Tilman Rammstedt).-

Natürlich findet man auch Literatur bei Analfixiertheit, Bluthochdruck, Übermäßiger Ehrfurcht vor Büchern, Heuschnupfen, Alles Hinschmeissen wollen, Krebs haben, Hang zum Nörgeln, und….und….

“Endlich sagt es mal jemand: Bücher helfen. Immer.” (Cordula Stratmann)

 

Es geht um das wundernettschöne Buch “Die Romantherapie”. 253 Bücher für ein besseres Leben. Von Ella Berthoud & Susan Elderkin mit Traudl Bünger. Insel. Berlin 2013

Ja, ich weiß, am 2. Juni berichtete ich schon einmal über das Buch. Macht nix, es verführt dazu!

…was ist ein Pfarrer denn, wenn nicht ein Mann des Wortes-, so sprach er tapfer Sonntag für Sonntag von Dingen, von denen man laut stiller ländlicher Übereinkunft und Tradition so konkret nicht hätte sprechen dürfen. Die an diesen Orten so opferreich erworbene Weisheit, den großen Konflikt, den großen Schmerz zu beschweigen und neues Leben geschehen zu lassen zwischen dem Gestern und dem Heute – nur so überlebt man den Schmerz- , diese uralte Weisheit eines Ketzerlandes war und ist ja doch nur wirksam, weil einige die Pflicht haben und die Funktion, das Beschwiegene zu besprechen.

(aus dem Roman “Von der Wiederherstellung des Glücks” von Anna Tüne. Galiani. Berlin 2010)

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