Secondhand

 

Langer Mantel solide

klassisch geschnitten

schwarzes schweres Tuch

tadellos verarbeitet

Passt

 

Ich drehe mich im Spiegel

perfekt

So einen Mantel wollte ich

schon lange

 

Als ich in die Taschen greife

fühl ich ein Tuch und ziehe

eine Hakenkreuzbinde

sorgfältig gefaltet

gebügelt

 

Erschrecken am Es

und Schock über meine Begeisterung

für den Mantel

und wie er passte

wie angegossen

 

(Otto Jägersberg. In: Heimliche Gedichte. Ausgewählt von Daniel Keel und Daniel Kampa. Diogenes Zürich 2007)

Luisa Francia (s.Blogroll) albert ein wenig mit ihrer alten Mutter rum, nennt sie eine Sau und sie lachen auch noch drüber. Herrlich!

Bei “Gestreift” (auch Blogroll) gibt es wunderbare Fotos- und einer ist anonym damit nicht glücklich. Ein “Troll” vielleicht?

Ich sehe irgendwo eine Überschrift – “Eine dünne Frau kann sehr teuer werden” – dazu fällt mir Peter Paul Rubens ein, und wie mir die Museumsfrau in seiner und meiner Heimatstadt erzählte, dass vor einem Gemälde von ihm seinerzeit die Lehrer ihre Mäntel ausbreiteten, damit die Kinder das nicht sähen. “Caritas Romana” heißt das Bild.

Heute im kleinen Städtchen durch engste Gässchen flaniert, die Morgensonne strahlte echte Romantik über die alten Pflastersteine. Ein Mensch rannte im Gegenlicht an Langgässers Geburtshaus vorbei, sah einsam aus.

Erst der Büchermarkt vom Altstadtverein, danach der erdweinzimtige Tontöpfermarkt, so unwinterlich diesmal alles. Vor dem Eiscafe nahmen ganz selbstverständlich sonnenbebrillte Raucher Platz und niemand fror.

Jetzt fällt mir kein Abschluss ein, also nehme ich irgendein Buch und zitiere irgendeine Zeile daraus:

“…denn das Web-Volk spricht einen Jargon, den nur die Eingeweihten kennen…” (Corinne Maier: Die Entdeckung der Faulheit).

Märchenbuch 1

 

Als Pappa aus dem Wald

nach Hause kam, hatte er sich

einen Wolf und zwölf Rotkäppchen

gelaufen. Neuerdings reißt er

das Maul auf

und steigt allen Großmüttern nach.

 

(Günter Bruno Fuchs. In: Mädchen, pfeif auf den Prinzen. Märchengedichte von Günter Grass bis Sarah Kirsch. Diederichs Kabinett. Köln 1983)

Beim Frisör sollte ich unbedingt in die Kundenkartei

Gern wie Lily Brett

Wenn du das noch mal

Im November an die Toten

Winterreifen sind schon

Wirst du in deinem goldenen Charlestonkleidchen

Die Träume von immer den gleichen, tiefen Wegen ins

Israel will ich noch immer

Muss das sein um fünf Uhr

Da krieg ich feuchte

Wie eine Motte scheute sie

Darf der Winterjasmin schon

Freiwillige Deichwachen müssen

Berührungen werden selten, dann, wenn

Das Kind steckt seine kleine Hand in

Unsere Landschaften

 

Jetzt blühn in den Häusern die Fernsehgeräte.

Am Anfang der Nacht – lieblicher Drachen, Samtdecken und schwarze Pferde -

am Anfang der Nacht schlägt atemberaubend in den Wiesen die Drossel,

während der Schnellzug langsam aus der Bahnhofshalle rollt;

aufgeblühte Mimosenzweige,

Schlösser hinter dem Jasmin.

 

(Erich Sobeslavsky. In: …und ist der Ort, wo wir leben. Eine Heimat-Anthologie. Hrsg. Fred Reinke. Union Verlag Berlin 1987)

In einem schönen Interieurgeschäft mit Serviettenzeugs und Zuselkram war ich heute, da wollte die Halbtagskraft nicht heim. Wohin sie aber von der Chefin geschickt wurde.

Mir fielen die Kinder ein, die nach der Schule nicht nach Hause gehen wollten. Dort wartete Ungemach oder niemand.

Einmal brachte ich einen Jungen bis vor die Haustür, weil er sich beim Sportfest den Fuß umgeknackst hatte.

Nach seinem Klingeln begann die Kreischmutter hinter der Tür zu schreien: Mach dich fodd, komm mir bloß net unter die Aache! Hau ab- und sie warf noch was von innen gegen die Tür.

Als ich klopfte und rief, öffnete sie beschämt, zerzaust, mit roten Augen. Der Junge humpelte an ihr vorbei. Zu essen gab es nichts.

Stromwärts

 

Unendliches Tätigsein: Städte

Erbrechen unter Fluten des Lichts

Mülldeponien wie kalbende Gletscher. Wohin

Gehen wir? Unsere Zukunft

Hat keinen Nannen, Blechlawinen

Zermalmen den Tag, neben Containern

Gibt sich der Auswurf des Viertels

Den Schuß. Ich such einen Ort

Für die Liebe, ich

Finde ihn nicht. Stromwärts

Fliehen wir über den Friedhof,

Im Ufergebüsch

Klagen die Rheintöchter, Blut

Hat ihre Schuhe gefärbt, in denen

Die Schwimmhäute eingezwängt sind.

Gegenüber von Koblenz

Halten wir an. Wir

Haben noch eine kurze Zeit vor uns, der Winter

Verlegt uns mit Regen und Nebel den Weg, wir

Kommen noch einmal auf und davon.

 

(Heinz Czechowski. In: In diesem Land. Gedichte 1990 – 2010. Hrsg: von Michael Lentz und Michael Opitz. S. Fischer Frankfurt 2010)

Im Traum dieser Kuss, zart über den Nacken gestreift. Heiß! Die Härchen stellten sich, die Bettdecke flog hoch. Ich fragte den alten Freund: Mensch, David, woher kannst du das bloß so gut?

Dabei kann das jeder, und jede kann davon träumen.

Im Radio meinte einer, wenn man sich die Gesichter von Terroristen anschaue, könne man sehen, dass es ganz normale Leute seien, nur hätten die ihre Sehnsucht nach Liebe verloren.

Andere Überlegungen: Wie konnte der Seelenarzt, zu dem wir vor vierzig Jahren gingen, sofort erkennen, wie verhungert ich war, dass ich einen “roten” Großvater hatte, dass ich mich schon unendliche Male selbst verletzt hatte, dabei gekleidet wie die Geierwally einher ging – wie hat der das gemacht? Und mir erstmal als “Übungspartner” einen mit ebenfalls einem “roten” Großvater gab, der heute ein bekannter Gewerkschaftssprechvorsitzender ist.

Kopfschüttel, Kopfschüttel – es wundert mich noch immer. Ach ja, ich sei in einer Mafiafamilie aufgewachsen, das wusste er auch sogleich. Damals trug ich wohl meine verhungerte Muffinseele arglos spazieren.

20. November 1996      William S. Burroughs, Lawrence/Kansas

 

Meine hinterfotzigen Gegner behaupten, daß ich meinen Ruf als Schriftsteller einsetze, um Aufmerksamkeit als Maler zu erwecken. Natürlich tue ich das. Man ist im Leben gut beraten, die Karten, die man hat, so souverän wie möglich auszuspielen.

Wer das Glück hat, mit einem schönen Gesicht und entsprechenden körperlichen Eigenschaften auf die Welt zu kommen, sollte nicht jammern: “Ach, die Leute sehen nur mein Gesicht”, sondern die Gesichtskarte spielen. Die Jugend spielt die Karten Jugend und Vitalität – also spiel in der Jugend deine Jugendkarten. Im Alter nimm die Privilegien des Alters in Anspruch und steck deinen Rüssel in den öffentlichen Futtertrog, solange noch was da ist.

(Aus: Das Buch der Tagebücher. Ausgewählt von Rainer Wieland. Piper München 2010)

 

Titel, mit denen ich was anfangen kann. Durchaus nicht lesen, sondern als Schreib-oder erstmal Denkanlass nehmen. Fabulieren, einfach in die Luft, in den Regen, unter die Bettdecke, ins Schreibcollagennotizbuch, Gedicht, Minigeschichte, Text zum Verrücktlied, Sonntagspredigtidee, Briefpapieraustobung- ein Pool für all das:

Heule Eule

Ich will mich aber aufregen!

Blut will reden

Mein Bruder soll nicht Pepsi heißen

Schantall, tu ma die Omma winken!

Das Mädchen mit den Orangenpapieren

Hilfe, dieses Buch hat meinen Hund gefressen!

Der Mauerfall – Ein Volk nimmt sich die Freiheit

Wir haben Raketen geangelt

Die Reorganisation eines spinalen Motoneuronkernes nach autologer Nerventransplantation

Eigentlich erhängt

Lassen Sie Ihr Hirn nicht unbeaufsichtigt!

Forever Jungs

Herr Müller, Sie sind doch nicht schwanger?!

Wildnis wagen!

Ich fliege mit zerrissenen Flügeln

Ohne Heute gäbe es morgen kein Gestern

Schlachtfeld Elternabend

“Dann sprang er über Bord” – Alltagspsychologie und psychische Erkrankung an Bord britischer Schiffe im 19. Jahrhundert (Teures Buch, an die sechzig Euro)

Was tue ich hier eigentlich?

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