“Viel später erst, heute, kam mir der Gedanke, in gewohnter Weise über mein Erlebnis Rechenschaft zu geben, denn höher als alles schätzen wir die Lust, gekannt zu sein.

Ich Glückliche wußte gleich, wem ich es erzählen könnte, kam zu dir, sah, daß du hören wolltest, und begann:

Unter den Linden bin ich immer gerne gegangen. Am liebsten, du weißt es, allein.”

(Letzte Sätze von “Unter den Linden”. Christa Wolf. Insel-Bücherei Nr. 1355. Berlin 2012)

Räuberin

 

Als ich zu dir kam war ich

freundlich und leise

die Erinnerung an ein Mädchen

laut stark und heftig

grub ich mit deinen Fragen aus

vor der Leisetreterin gab es eine

Räuberin Räuberin

mutig und wild

 

Als ich zu dir kam

vermochte ich nicht zu sprechen

ich war im Zimmer ich saß amTisch

erschrak zu Tode wenn ich mich

äußern sollte von

innen nach außen kannte ich

keinerlei Wege

 

(Verena Stefan. In: Nichts ist versprochen. Liebesgedichte der Gegenwart. Hrsg. Hiltrud Gnüg. Reclam 1989/2010)

Wer Zeit hat und Unbequemes verträgt, gehe lesen zu Angelika Wende und zum Traumperlentaucher, beide in meiner Blogroll.

Vom Älterwerden

 

…Beerdigungen im Sommer. Jetzt hört es

nicht mehr auf. Man trifft Bekannte, und

das Wiedererkennen, nach wenigstens zehn Jahren,

beginnt mit Verwechslungen; immerhin, man kennt sich

noch aus zwischen Eingang und Ausgang. Mit 19

die Weltbeste stöhnt: ich spüre mein Alter, und

Seerosen kamen vor in einem verramschten Gedicht.

Besser, man kommt nicht zurück in

diese und jene Gegend: dein Dorf ist

schöner geworden, das Pfarrhaus verkabelt, und

der Typ aus der Frittenbude hat

fortgemacht nach Lanzarote. Doch, langsam wieder

Plätze frei auf dem alten Friedhof;

der Leichenschmaus, gleich nebenan, beim Italiener …

 

(Jürgen Becker. In: Atlas der neuen Poesie. Herausgegeben von Joachim Sartorius. Rowohlt 1995)

In die Höhe schießender Blutdruck nach dem Genuss einiger Lakritzschneckchen. Perlendes Lachblut. Zitterknie beim Wäsche aufhängen. Danach die Nachbarsfrau beobachtet, wie sie drei vertrocknete Efeublätter säuberlich auf diverse Eimer verteilt, um mir wieder erzählen zu können, sie habe sieben volle Dreckeimer durch unser abgeschnittenes Wandgrün zusammenfegen müssen. Zum Glück habe ich sie mundtot gemacht, indem ich ihr einfach ein beim Antiqitätenfreund erstandenes Weidenkätzchenväschen schenkte. Für ein bisschen moderate Bewegung ohne Rollator sorgen wir ja auch!

Unser Stadtbesuch am Sonntagabend zerrte Halbtagssehnsüchte hervor. Wie es denn wäre, dort am Dom oder weiter oben am Hang der Sektkellerei zu wohnen, nach ein paar Schritten im Kino, am Rhein, im Heiliggeist, im Museum zu sein…zum Einkaufen rüber ins Schickimickiwiesbaden zu fahren, oder, ach nein, ich will meine Ruhe haben, brauch kein Pradaguccisonstwaszeug, im Nachtgewand in den Garten schlappen oder federn, im Dunkeln in Zugezogenendorffenster gucken, durch die Weinberge zu den alten Pflaumenbäumen radeln und….

Mir gefällt es, ab und zu feststellen zu dürfen, wer alles noch oder wieder hier liest. Welche, die fette Hechte fangen oder alte Stühle im Kuhmuster anmalen, eine durchdringende Kreischlache haben, einen gewaltigen Philosophenbauch vor sich herschieben, mit mir schon Pilze sammeln waren oder arme Schüler zusammengebrüllt haben, die, mit denen ich beispielsweise gehäkelte Topflappen ausgetauscht habe oder wortstarke Hilfmails bei Nacht!

Kuß

 

Auf die Hände küßt die Achtung,

Freundschaft auf die offne Stirn,

Auf die Wange Wohlgefallen,

Sel`ge Liebe auf den Mund;

Aufs geschloßne Aug` die Sehnsucht,

In die hohle Hand Verlangen,

Arm und Nacken die Begierde;

Üb`rall sonst hin Raserei!

 

(Franz Grillparzer)

“Sie schaute die Straße hoch und runter, hielt Ausschau nach Zeugen, dann tauchte sie die Hand vorn in seine Hose. Der obere Hieroglyph seiner Gürtelschnalle, ein goldenes Ferragamo-F, ratschte ihr übers Handgelenk. Ihre Finger fanden den schweren aufgewickelten Schlauch sicher verstaut in der Boxershorts. Kurz streiften ihre Fingerspitzen einen Film körperlichen Haftstoffs, so schwach wie der Kleber auf einem Post-it. Gwen zog die verschmierten Finger heraus, hielt sie sich an die Nase und schnupperte schnell, aber geübt daran. Marktstände, qualmende Pfannen, Kiepen voller Linsen. Alle die Würze und der Gestank Äthiopiens; Kurkuma, angebrannte Butter, das Salz des Toten Meeres.

“Motherfucker”, richtete Gwen böse den Schwur, den Archy nicht hatte leisten wollen, wie eine bösartig werdende Zelle gegen ihren Mann. “

 

Das Buch ist irre. Es birst vor “Stellen”. Die mir gefallen, von Filmen und Jazzleuten und alten Hippies erzählen, in manchmal halbseitenlangen Sätzen. Explodierenden Sinnlichkeiten. Noch mittendrin, heftigst fasziniert.

“Telegraph Avenue”, von Michael Chabon. Kiepenheuer & Witsch. Köln 2014.

Meine erste Oper. Ehrlich. Die mit dem Freiheitsanliegen.

Flieg Gedanke, getragen von Seheeheensucht.

In der Dämmerung, vor dem Mainzer Dom. Starke Stimmen. Donnermusik unter Düstergewölk.

Die über der Dombuchhandlung lagen in den Fenstern. Einer hievte seine Megawattlautsprecher hoch und ließ Frank Zappa los. (Nein, nur eine der Abstrusideen, die mir im Kopf spukten)

Domglockenuhrschläge und tiefe Frankfurtjets wurden meist übertönt.

Beim “Gefangenenchor”, den es noch mal als “Zugabe” gab, nur die Wahl: mitsingen oder heulen. Da ich kein Italienisch kann, blieb nur eine Träne und das Tiefinnenrumoren der Mama-Worte. Es war ihre Lieblingsoper.

Die übliche Kleidung ging nicht. Jacken, Mäntel, Decken, Kissen- man musste sich einrichten auf dem zierlichen Plastikgestühl.

Heller Mond und Hitzenacht wäre anders gewesen.

Aber auch Sturm und Gewitter und Platzregen.

So ging es gut und war mein wunderseliger Herbsteingesang.

Schmetterlinge

 

Wallet nur hin, ihr hübschen Schmetterlinge,

Und genießet die Honigwoche des kleinen Seins,

Ohne Hunger, ohne Durst,

Ein schönes Sonnenleben,

Ein Liebessein -

Und die einzige Kammer des Herzens

Ist nur eine ewige Brautkammer der Liebe.

Beugt die Blumen,

Lasset euch wehen,

Spielt im Glanz

Und entzittert nur linde,

Wie Blüten, dem Leben.

 

(Jean Paul)

Erst bevor irgendwas ging die Riesenspinne aus der Badewanne gehoben. Sanft mit Glas und Böswörterfrühstücksbrettchen drunter.

Im Hof raste sie unhörbar Richtung Haus. Vielleicht roch sie die schlafenden Tigerschnegel, wer weiß.

Weißtee Darjeeling aus dem Weltladen kam zum Frühstück und zur Regionalzeitungslektüre dazu. Butterbrot mit Frischzwetschgenmus auch.

Danach die oft zauberhaften Todesanzeigen in der Süddeutschen.

Deutschlandradio Kultur brachte feine Sendung über Urlaubsbücher unter Mitwirkung eines vehement gegen e-books eingestellten Buchhändlers.

Schön war das, wenn auch bisschen schräge Hörer anriefen- und die Sendungsmacher noch nie von öffentlichen Bücherschränken gehört hatten.

Bei amadings hat man mir mein Verkäuferkonto dicht gemacht, weil ich meine Ausweisnummern nicht preisgeben wollte.

Einen antiquarischen Buchhandel kann man auch andernorts betreiben. Zumal deren Geldrachen weit aufgesperrt war. Und ist. Mit ihren Hallen ziehen sie sich aus unseren Landen zurück, weil

hier zu viel gestreikt würde. Ach, geh fodd!

 

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