Es knospt

unter den Blättern

das nennen sie Herbst.

 

(Hilde Domin, in: Die Poesie der Jahreszeiten. Gedichte. Ausgewählt von Evelyne Polt-Heinzl und Christine Schmidjell. Reclam Stuttgart 2001, 2003)

Im Nordpfälzer Bergland, genauer am Donnersberg, heute unterwegs gewesen. Knallblauer Himmel über dem Moltkebogen.

Überfüllte Ausflugslokale.

“Biker willkommen” , da saßen sie in knarrenden Lederkleidungsdingern. Rote Köpfe, Schwitzstehhaare, Freugesichter.

Im Wald die Wanderakademiker. Wortfetzen: die Leni in New York, da haben wir gesagt, aber Boston später…

Man grüßt sich und zieht weiter. Ein IT-Fachmann ganz allein, richtig globetrottrig angezogen und schwitzte ein wenig; wir sprachen kurz, unser alter Blindhund ist immer wieder so ein Anlass.

Einen schönen dicken Stock aus dem Wald gezogen, die Taschen voller Magmasteinchen, leider kein Achat dabei heute.

Wie die Kelten hier wohl lebten? Ihre Wälle noch sichtbar, ihre Behausungen aufgebaut, wie man sie eruierte- sogar töpfern und Brot backen auf Keltenart können Kinder dort.

Ich will Keltenketten finden im Wald, rühre mit dem Stock im Boden rum. Ey, du naives Stück, das wird ja nie was!

 

 

19. Oktober 1918  Stefan Zweig, Zürich

Die Verwirrung in Berlin scheint grenzenlos: die Nachrichten lächerlich ebenso wie die Zeitungsartikel confus. Es fehlt jede Orientierung. Auf der Börse ein wildes Valutengeschiebe, in der Stadt die Grippe in entsetzlichem Maße. Eine Weltseuche, gegen die die Pest in Florenz oder ähnliche Chronikengeschichten ein Kinderspiel sind. Sie frißt Europa täglich 20000 bis 40000 Menschen weg: aber was ist Europa? Eine Fiktion, die man sich abgewöhnen soll wie alle Zusammenfassungen.

(aus “Das Buch der Tagebücher”. Ausgewählt von Rainer Wieland. Piper München 2010)

New York   18. Oktober 1977  Andy Warhol

Schlief lang und tief, was auch wegen meiner Pickel gut war. Wenn man nicht schläft, wird man sie nie los.

 

(Aus: Das Buch der Tagebücher. Ausgewählt von Rainer Wieland. Piper München 2010)

Das gesehen zu haben gestern Abend war mir wichtig, deshalb hier der Beitrag. Besonders das Foto von der Kleinigkeiten-Geste und das Video mit der Seelenfrau:

http://www1.wdr.de/fernsehen/information/frautv/sendungen/Gewalterfahrung104.html

Neben der normalen Vormittagsschule gab ich an den Nachmittagen die taffe Unternehmerin.

Mein Nachhilfestudio. Mit Madame Louch aus Frankreich, dem Physikstudenten aus Nigeria, dem kurz vor dem Abi-Schüler aus Nierstein und und.

Mein Pilotenkarriereköfferchen. Manchmal war am Nachmittag die kleine Tochter mit und ließ ihr Meerschweinchen unentwegt an einer schräg gestellten Tafel runterrutschen.

Daheim kleisterten die Au-pairs ungelerntes Essen zusammen.

An einem düster dunklen Luciatag im Dezember empfingen mich ein paar schwedische in weißen Hemdchen mit Kerzenkränzen auf dem Kopf. Und sangen lieblich.

Die eine aus Finnland wurde per Telefon von ihrem Freund kontrolliert und las ständig in Heftchenromanen. Sie ging bald.

Die aus Frankreich schlurfte blitzschnell und räumte angefangene Joghurts weg, da musste der Sohn nur kurz telefonieren, schon war es weg. Ansonsten rasierte sie sich die Beine und bald saß ein Soldat in Uniform im Wohnzimmer. Die Kinder staunten, kamen mir am Abend entgegen gerannt: “Mama, Mama, was macht ein Soldat bei uns?”

Die aus Italien krachte leicht mit dem Schulbus zusammen, ansonsten lachte sie und schnitt anderen Au-pairs schön die Haare.

Die aus der Tschecheslowakei hatte gewaltig viele Haare und jetzt Zwillinge. Letztes Jahr in Prag wollte ich sie treffen. Wir besuchten sie einige Male, durften im Wohnzimmer unterm Klavier schlafen. Ihre Mutter konnte Deutsch, weigerte aus Gründen, auch nur ein Wort in unserer Sprache mit uns zu sprechen. Ich glaube, ihrem Vater war Schlimmes passiert.

So ein anderes Leben jetzt…und ja, von jeder lernten die Kinder diverse Dinge, die sie nie vergaßen.

Menschenskinder, nur weil dieser eine Ohrclips noch hier liegt…

Ein umfunktionierter alter Nikotinstäbchenautomat hängt blaubunt herum in Freiburg. Gute Idee! Wenn ich mal wieder dort bin, zieh ich mir ein Schublädchen auf:

http://www.wortsalto.de

Nicht die Glücklichen sind dankbar.

Es sind die Dankbaren, die glücklich sind.

(Francis Bacon)

Das ist ein kleines Vorsprüchelchen, sehr wahr, wie ich gerade bei meiner frisch operierten Freundin feststellen darf. Vor dem Kapitel mit der Überschrift :” Bin ich glücklich”, im Buch von Gregor Eisenhauer: Die 10 wichtigsten Fragen des Lebens- in aller Kürze beantwortet. Dumont.Köln 2014.

Claudia Klinger schrieb darüber am 3. Oktober, daraufhin gekauft, kurz drübergelesen, für mich momentan eine prima “Anschaffung”, übermorgen beginnt das intensive Lesen.

http://www.claudia-klinger.de/digidiary/

 

Landläufige Leere des Herbstes

 

Was haben die fallenden Blätter

der Gingkobäume im Diamantengebirg

mit den fallenden Blättern im Buchenwald über

den Kreidefelsen von Rügen zu tun?

 

Vielleicht ja nur dies: Sie sind gelb,

sind lautlos, sind leicht, sind hüben

wie drüben vom späten Schräglicht

mild umflirrt.

 

Vielleicht nicht einmal das. Bald werden hier

wie dort die weißen Nebel wunderbar

in knisternd echoloser Kälte bergen,

was man noch jetzt mit Fragen sucht zu fassen

von dieser schrecklich schönen Welt.

 

(Matthias Politycki. In: Oktober. Gedichte. Ausgewählt von Evelyne Polt-Heinzl und Christine Schmidjell. Reclam Stuttgart 2013)

Odenwaldstreuobstwiese Nähe Juhöhe.

Sonne; Baumrinden tastfühlen

“Schluckspecht” gekauft. Das Buch des Bachmann Preisträgers Peter Wawerzinek strotzt vor wuchtigen Wahrheiten, angefangen beim “Lachsack in der Kittelschürze”, der Tante mit den Likörchen.

Seitlich vorbei  an der früher “Irrenanstalt” genannten Klinik. Ach und hach, wer dort schon war. “Nachts rufen mich die Bahngleise, ich will aus dem Fenster und hin!”

Die Decke übern Kopf und in die Armbeuge des liebsten Menschen auf der Welt, wie geworfen, ohne Umleitung nach Vollbremsung in die Warmgeborgenheit.

Heute kein Durchprobieren von Entspannungsteesorten, eher Nachdenken darüber, was ein Mensch so ertragen kann. Wenn er denn die Liebe hat. Wehe, wenn nicht. Es könnte kein Halten mehr geben.

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