“Im Zeitalter der kollektiven Kunst,

der populären Kunst werden die Menschen

vielleicht wieder das Bedürfnis nach der

leisen persönlichen Stimme verspüren;

und das wird den Schriftstellern Vertrauen

geben und mit dem Vertrauen, das aus

dem Gefühl, gebraucht zu werden, kommt,

Wärme, Humanität und Menschenliebe,

die für ein großes Zeitalter der Literatur

unverzichtbar sind.”

(Doris Lessing 1957 in einem Essay. Tagesblatt 22. Oktober. Harenberg Literatur 2014)

Die irre Mutter

 

laura, eine nachbarin, beobachtend, wie sie unten im tal

zur omnibus-haltestelle geht, – man hat sie nach

novara gerufen, zu ihrer Mutter, deren geist sich

plötzlich verwirrt hat -, erblicke ich

 

über dem stummen

sehr kleine schwarze zeichen

aus vogelflügen

aus schwalbenkrallen

ins nebelpapier

schwalbensignale

ins vor dem berg zerfetzte nebelpapier geritzt

pfiffe aus krallen

ins nebelpapier

aus schwalbenkrallen

aus vogelflügen

sehr kleine schwarze zeichen

über dem stummen

in seiner schattenschlucht drunten den stummen fluß

 

(Alfred Andersch. In: Der weiße Nebel wunderbar. Gedichte. Herausgegeben von Christine Hummel.Reclam Stuttgart 2008)

Wie gern würde ich dorthin gehen ab morgen. So ich in München lebte. So bleibt mir, dort im virtuellen Salon zu flanieren, mir die “Dichterinnen” alle anzuschauen, ziemlich zu schamrocken, mir die “Anthologie” zu beschaffen:

http://www.schamrock.org/salon.html

Aus der Stadt gekommen, da hätte es mich beinahe umgehauen. Dieses Jahr den ersten Kranichzug gehört und gleich darauf erblickt überm Scheunendach. Wären die Graupflastersteine im Hof nicht so hart und die Wiese nicht so nass gewesen, hätte ich mich heulend hingeworfen. Der Anblick löst eine süßtraurige Herbstbetroffenheit aus und macht mir Gänsehaut, als würde der Liebste meinen Rücken kraulen!

Dazu kam plötzlich die Sonne. Dunstig sanft und warm gegen Ende Oktober. Die Seufzworte, wie schön das ist, hat keiner gehört, obwohl ich sie mindestens oft leise gen Kranichgehimmel flüsterte mit einem Gesicht wie nach einem zwanzigstündigen Kosmetikerinnenbesuch.

Überhaupt, die Gesichter in der Stadt, die habe ich mir, wie im Strittmatter-Gedicht beschrieben, gern angesehn. Einige waren sogar aus Berlin. Ihr Luxusreisebus stand vorm Dom und sie fotografierten dort herum. Man baute gerade die Mandelbüdchen auf für den Mantelsonntag. Keiner hielt nach Kranichen Ausschau. Die kamen erst später und beim Stadtkrach geht ihr heiseres Geschrei mitunter sicher unter.

 

Herbst in Berlin

 

Ich habe das gern, in Berlin zu sehn.

Ich seh einfach gern in fremde Gesichter.

Ich habe das gern jetzt im Herbst, wenn die Lichter

Und Lampen im Zwielicht angehn.

Es gibt in der Stadt ein perlmutternes Licht,

Das im Umkreis von Neonlampen entsteht.

Türkis-violett. Auf einer Schicht

Weißen Silbers. Schön, wenn man geht

Vom Strausberger Platz zum Frankfurter Tor

Links der Allee. Vor

Den Blumenrabatten, die Baumreihen lang.

Da sitzen die Leute Bank an Bank.

Unfesche Leute. Einfach. Viel alt.

Doch auch Jugend viel. In purer Gestalt

Das Volk dieser Stadt hält Atempause.

Raucht, schwatzt und geht gelassen nach Hause.

Mit dem Licht in sich, das zu Apfelrot reifte,

Und dem Lächeln, an das man zufällig streifte,

Als ein schönes Mädchen vorüberging,

Das ein reiner Junge wie erstmals umfing,

Nicht auf herausfordernd offene Weise,

Sondern verlegen, lächelnd und leise,

Wie Liebe in Märchen von Andersen geht.

Und das Bild dieser Stadt, das die beiden umsteht -

Kulisse unbedingt glückhafter Handlung -

Geht vom Abend zur Nacht in die nächste Verwandlung.

 

(Eva Strittmatter. Beweis des Glücks. Gedichte. Reclam Leipzig 1988)

“Fangen Sie so nah am Schluss an wie möglich.”

Dieser Ausspruch von Kurt Vonnegut steht da, bevor der Roman über den Sterbehelferarzt Emmanuel Zacks beginnt.

Eine Rezension schreibe ich nicht, habe eine ordentliche gefunden. Kommt gleich.

Hier noch eine wichtige Stelle aus dem rasend wahrhaftigen Geschehen, das aus verschiedenen Gründen sehr an mich ging :

“Als wir einige Tage darauf eng beieinanderlagen, fragte sie mich, warum ich keine Kinder haben wolle. Warum ich nie eins gehabt hätte.

“Wesen in die Welt setzen, die nicht darum gebeten haben…Zusehen, wie sie heranwachsen und begreifen, dass man im Leben leidet und dass die Tage gezählt sind…Ich finde das grausam. Und außerdem hatte ich nie das Zeug zum Vater.”

http://www.literaturkritik.de/public/rezension.php?rez_id=18482

Da wacht man auf und hat von wüstesten Pubertierschulklassen, so siebte, achte, geträumt. Die wollten nicht malen, eher Junglehrer verunsichern und austesten. Zum Glück durfte ich im Montessorigemütlichklassenzimmer unterrichten.

Jetzt ehrlich, Mann, in Kalifornien regnet es nicht mehr, überall an den Straßen Wassersparhinweise. Einige malen ihren Rasen mit Farbsprühdingern fett grün an.

Und man kriegt nicht mehr kurz einen Schnupfen, der bald entschwindet. Es geht jetzt eher Richtung Krankheit zum Tode. Es ist ungeheuer schwer, damit zurecht zu kommen. Kontrascheißgefühle beim zufälligen Hören dieser Gleichmacherheiterkeitsradiomoderatoren! Dann lieber Vivaldi oder Sven Regener bei meinen Lieblingssendern.

 

Während jeder normale Mensch weiß,

dass er keine Sinfonie komponieren kann,

meinen nicht wenige,

sie könnten Romane schreiben.

 

(Rachel Cusk in “The Guardian”. Rabe-Kalenderblattaufschrift vom 18.10.2014)

Eine junge Frau aus Trinidad sollte ihr Bein verlieren. Damit das nicht geschieht, bitte hier nachlesen:

http://www.ullakeienburg.wordpress.com

Wir seien hier im Ort mit Sicherheit der stiftereichste Haushalt, meinte er. Überall Körbchen, Schüsselchen, Kästchen mit Stadtmitbringselstiften verschiedenster Art. Pröbchenfüller, die Lehrer mit Schulstempel geschickt bekamen und die aus den Zeiten der zahlreichen Schreibwarengeschäfte. Aus allen Ferienorten auch, selbstverständlich.

In der Werbung für ein Buch (Ulrich Raulff: Wiedersehen mit den Siebzigern) lese ich ein mich nicht mehr loslassendes Wort: “anarchielustig”

Hier im Zusammenhang: “Mit Witz und Charme besichtigt ….die Epoche der 70er-Jahre und gewinnt diesem theoriebesessenen und anarchielustigen Jahrzehnt Erkenntnisse ab, die es nicht freiwillig preisgeben wollte: ein kleines Porträt der “Generation Theorie”. “

Irgendwie fühle ich mich jetzt mit meinen vielen Stiften theorielahm und anarchietraurig.

Dabei habe ich schon so viele ausgetrocknete Schreibgeräte weggeschmissen. Es kommen immer wieder neue, schreibfeuchte dazu. Muss also noch was zu machen sein!

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