Atempause Juli

 

Wer rücklings unter den hohen Bäumen liegt,

ist auch da oben. Er strömt in Tausende von Zweigen aus,

schaukelt hin und her,

sitzt in einem Schleudersitz, der im Zeitlupentempo wegfliegt.

 

Wer unten an den Bootsstegen steht, blinzelt den Wassern zu.

Die Bootsstege altern schneller als Menschen.

Sie haben silbergraues Holz und Steine im Magen.

Das blendende Licht schlägt tief hinein.

 

Wer den ganzen Tag im offenen Boot

über die glitzernden Buchten fährt,

wird schließlich in einer blauen Lampe einschlummern,

während die Inseln über das Glas kriechen wie große Nachtfalter.

 

(Tomas Tranströmer. In “Atem der Erde”.Lyrik zu den vier Jahreszeiten. Herausgegeben und mit Einleitungen zu Frühling, Sommer, Herbst und Winter versehen von Asta Scheib. Radius-Verlag, Stuttgart 2013)

Aus irgendwelchen Balladengedichtzeilen könnte man entweder eine nächste dazu reimen oder dichten, oder ganz was Andres machen (war mal Schreibaufgabe einer Yahoo-Group, die es leider nicht mehr gibt):

Jenseits der Zeile liegt meine Strafe,

Will lieber versaufen in stürmischer Flut,

Sinnend geh ich durch die Gassen,

Und ich weiß dich nicht zu suchen,

Spinnrad und Webkunst und Nadel und Wollkorb,

Sie dachten, sie hätten noch Zeit,

Und bist du nicht willig, so brauch ich Gewalt,

Ach, wer heilet die Schmerzen

Ihr wandelt droben im Licht,

Ich glaube, die Wellen verschlingen

Durch das stille Schlafgemach

Fühle das Flüssige rinnen

Es kommen härtere Tage

Spätsommer

 

Hellster, grellster Sommertag,

Sonnenglutdurchschwelte Luft,

Schwüler, schwerer Blumenduft,

Müd verhaltener Finkenschlag.

 

Satte Reife weit und breit,

Leis schon übergilbt der Wald;

Bunt in Herbst verraschelt bald

Sommertraumstrosteinsamkeit.

 

(Otto Julius Bierbaum)

“…Es wird auch Zeit für mehr Optimismus. Linke und fortschrittliche Menschen fühlen sich traditionell wohl in ihrem Empörungspanzer und dem Gefühl, dass die Welt ein schlechter Ort ist. Diese Verlierermentalität führt dazu, dass man die eigenen Siege nicht einmal mehr wahrnimmt, egal ob das nun die doppelte Staatsbürgerschaft ist, der Naturschutz oder eben die Emanzipation. Stattdessen entdeckt man immer neue Missstände, die man anprangern oder bejammern kann.”

(Jakob Schrenk, Süddeutsche Zeitung vom 26./27. Juli 2014, in einem Artikel mit der Überschrift “Wird schon”. Sind Männer wirklich nur als Patriarchen oder Schluffis unterwegs?)

Der neue Hund unseres Vaters heißt Kuno. Dem Tierheim und vorher noch ganz anderen Raugefahrsituationen entkommen, wirkt er fragil erschreckbar, hat aber gute Frischzähne und ein hübsches Grauborstenfell, ca. anderthalb Jahre alt. Besondere Angst zeigt er vor jungen Männern und Kastenwagen. Unter der sehr liebevollen Aufnahme von Vater und Frau samt dem kleinen Mithund entwickelt er langsam Vertrauen.

Der Rhein heute schnell, braun, voll. An der Tankstelle blieb einer im Nebentankauto sitzen, halbnackt war der mit einem Riesenbauch, ebenfalls borstig. Am Zielort angekommen, zieht man ihn bestimmt wie ein mächtiges Tier aus der engen Tür, oder er wohnt im Auto.

Jetzt bin ich müde, warte aber noch ab, ob mein Wunschtitel “Norwegian Wood” in der Kopfhörersendung gespielt wird, wieder ein Ohrwurm für neun Stunden.

Heute früh im Volkerstädtchen einen früheren Kollegen getroffen. Wir zwei Ruheständler haben uns schöne Sommerferien gewünscht. Was hätten wir auch sonst tun sollen, Fürimmerferien würde sich komisch anhören. Manchmal sieht man ihn mit Freunden irgendwo stehen und Musik machen. Er hat so einen Stock, wo alle möglichen Krachmachsachen dran sind; wenn er damit stampft, gibt es einen guten Rhythmus.

in der mitte des sommers

 

Vollkommen ist`s

wie der sommer sich über die dämmerung beugt

An dünnen ästen makellose vogelbeeren

und außerhalb des gewichts der zeit

Der august so nah wie die distel am weg

Die tage um einen fußbreit kürzer

Unter zerbrechlichem stern bruchstückhafte gespräche

Noch glauben wir`s einander nicht daß aus dem nahen dickicht

der herbst tritt

Immerzu liegen die bäume vor anker in wurzeln wie glocken

Sicherheit überkommt

Und wunderschön das überflüssigsein der klage

 

(Jan Skácel. In “Atem der Erde”. Lyrik zu den vier Jahreszeiten. Herausgegeben von Asta Scheib. Radius Verlag. Stuttgart 2013.)

Weg mit den Pädagogikbüchern, her mit der Lyrik!

Im Traum hockte ich zwischen Millionen Urlaubern an der Adria, schaute in den perfekt blauen Himmel, fragte mich,was ich da solle. Eine kam angelaufen, zeigte mir eine Bankkarte oder so was, meinte, damit könne man jede Tür im Hotel öffnen. Das war mir egal. Ich überlegte, wie ich unbemerkt vom Schwiegervater, der plötzlich mit puterrotem Cholerikerkopf dastand, aus der Situation entkommen konnte. Ein schönes Erwachen folgte!

Gestern Abend ein Gartenlokalflammkuchen über den Hügeln der Rheinhessischen Toskana, wie man sommers stets betont. Lustig brummelte ein Gewitter um den Hügel, tat uns nichts. Unten in den Feldern staubwolkten einige Mähdrescher, in den Weinbergen tuckerten die Kleinbulldogs.

Später die Beine etwas verklemmt gehalten. Überall tauchen Rasierklingen auf. Verrückte Welt mit drohenden scheinreligiösen Brutalsteskapaden gegen Frauen. Wir haben ja nur Spaß gemacht, oder?

In einer Kontaktanzeige schöne Worte, die eine Dame über sich sagt: Tageslichttauglich – geländegängig – mit Sinn für späte Funken!

Oscar Wilde meint ultimativ: “Man sollte stets ein wenig unwahrscheinlich sein.”

Die schrille Frau Frisör hat nun auch eine Omafigur, dazu die übertöpfchenartige Mädelsfrisur mit Alufolienbreitsträhnen und Tatoohyänen.

Der Nachbar sucht seine Papiermülltonne, ich lasse ihn auch bei uns im Hof suchen, dabei schaut er ungeniert auf meine Füße. Is watt? Ja, und heute früh fuhr der arme Thomas mit der Mülltonne am Abschleppseil die Gasse runter, das habe ich aus dem Küchenfenster gesehen. Der ist gehkrank, hat wohl ein Bein ab und sitzt in ruhigen Stunden neben den Schweineschlachtsachen vom vergangenen Winter.

Ausgelesen das blaue Buch vom Kerl aus der DDR, der später als Fremdenführer in Woodstock arbeitet. Aus der Sicht der Frau, die ihn auf abenteuerlichen Wegen, die fast das ganze Buch dauern, sucht, geschrieben. Schöne Stelle, als sie von den Arbeitsbedingungen im VEB erzählt, vom Direktor, der mittags schon Eierlikörsternhagelvoll ist. Und von den Bürodamen:

“Es gab ein neues Spiel; die Frauen verfassten Todesanzeigen für ihre Ehemänner. Lieblingswort war “erlöst”, und selbstverständlich bezogen sie dieses Wort auf sich selbst.” (aus: Wenn die Wale an Land gehen. Kathrin Aehnlich. Kunstmann Verlag. München 2013)

Dem Buch vorangestellt ist das hier von Zappa:

“There are more love songs than anything else. If songs could make you do something, we`d all love one another.” (Frank Zappa, Playboy 1993)

Und jemand im Buch meint: Unsere Seele ist aus unseren Lieblingsliedern gemacht!

Reife

 

Wenn man nicht mehr weinen und nicht mehr beten kann,

dann ist das Herz nur ein Lederlappen aus lauter Sehnen.

Das Blut fängt in den Adern zu verwässern an.

Man betet ohne Worte, und man weint ohne Tränen.

Wie der Mond, der durch den einsamen Abend geht,

ohne Wärme und Leben zu spenden.

Wie ein gebeteter Fluch oder ein gefluchtes Gebet,

mit gefalteten Fäusten oder mit geballten Händen.

Wenn man all den seelischen Krempel abgetan,

wenn man dem Gewissen einen Fußtritt gegeben,

wenn man nicht mehr weinen und nicht mehr beten kann

dann ist man reif für den Tod oder dieses Leben.

 

(Fred Endrikat. Liederliches und Lyrisches. Verse vom vergnüglichen Leben. Blanvalet Verlag. Berlin 1952)

Als Kinder lauerten wir dem üblen Clemens auf, der mit seinen Fettsträhnhaarschwestern hinterm Misthaufen hauste. Im Getreideacker versteckt, traute sich meine Schwester, ganz kurz hochzuhupfen und laut “Arschloch” zu rufen, als er vorüberschlich. Eine der ollen Schwestern muss es sofort unserer Mutter gemeldet haben, die schon mit dem Teppichklopfer oder Kleiderbügel wartete. Was der verwachsene Clemens uns getan hatte: immer, wenn wir zum Milch holen bei ihm vorbei mussten, rief er hinterm Vorhang oder aus dem dunklen Flur: Gleich komm` ich raus und schneid´ euch die Ohren ab! -Wir glaubten, dass ihm das eines Tages gelingen würde, doch irgendwann war er einfach tot.

Vielleicht las ich deshalb heute am Fenster eines Frisörsalons statt Farbsträhnen eben “Fettsträhnen”.

Auffällig auch, dass die jungen Leute sich permanent selbst bestätigen, indem sie hinter jedem dritten Satz, egal, ob hohl oder intelligent, das Wörtchen “Genau!” sagen. Das hat null mit dem vorher Erzählten zu tun.

Schulterzucken, Hände hilflos heben, “genau” sagen.

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