“…wie inmitten tausend dumpfer Menschen immer nur einer zum Dichter wird und nicht darum auch, wie gerade und warum dieser eine es wurde inmitten von uns allen und in ebendemselben Umlauf der Zeit. Wundervoll genug schon, dies allezeit wieder Unverhoffte sich auszudenken, daß das Erlebnis des Dichters immer und immer wieder der Menschheit geschieht, und auszudenken, daß dieser unser Zeitbruder einer war aus so königlichem Geschlecht, daß in diesem schmächtigen scheuen Knaben, umschnürt vom blauen Kadettenkleid, unterhalb der wachen Sinne und inmitten seines Bluts irgendein Strömen begann, das später wundervoll einbrach in unser Gefühl, darin es nun nachrauscht, so großartig gegenwärtig noch, daß jeder von uns, jeder, irgendeine Strophe oder ein Wort von Rainer Maria Rilke unbewußt in den Sinnen hat, einen Atemzug Musik von ihm, der nicht mehr atmet und spricht und doch länger da sein wird als unser aller unbeträchtliches Dasein und Weiterleben.

(Aus: Stefan Zweig “Abschied von Rilke”. Wunderlich Verlag 1952. Diese Rede zu Ehren Rainer Maria Rilkes wurde bei einer Gedächtnisfeier am 20. Februar 1927 im Staatstheater zu München öffentlich gesprochen.)

Wenn man in meiner Blogroll zum “Mühlenblog” wandert und klickt, da sind auf dem letzten Gedichtwäscheleintuchbild Frühlingsworte von Rilke, so schön!

Indem er das Gefühl für das Leiden in die Welt

gebracht hat, hat Jesus Christus die Leidensfähigkeit

enorm erhöht. Sein Tod war der Tod der heidnischen

Gesundheit, physisch und moralisch. Die Neurose

kommt von Golgatha.

(Rabe-Kalenderblatt vom Karfreitag 2014. Aus dem Journal der Brüder Goncourt, deutsch von Cornelia Hasting)

Überall sprießen jetzt wieder die Phrasen. Besonders an den Ostermahlstischen, weil man einfach irgendwas quatscht, weil völlige Stille zwischen fünfzehn Spargelessern oder Schwarzwälderkirschgenießern peinlich wäre.

Reichst du mir mal die Soße rüber!

Im Hinterland von Mallorca hat es SO schöne Ecken!

Mutti hat sich wieder selbst übertroffen!

Vorsicht, der Teller ist sehr heiß!

Die Tante Gerda bringt aber auch nichts aus der Ruhe!

Fahr vorsichtig und setz deine Mütze auf!

Oh nein, Kuschelrock!

Kennt man alles – und hübsch besprochen werden solche Plattitüden in diesen Büchern:

“Der moderne Spießer”. Über die Autoren: Charlotte Förster und Justus Loring arbeiten als freie Journalisten und leben im Epizentrum des modernen Spießertums – Berlin-Prenzlauer Berg. Sie verabscheuen Rauhfasertapete, Discounterlebensmittel und Krieg. (www.tropen.de. 2014)

“Vorsicht, der Teller ist heiß! Phrasen für alle Lebenslagen”. Philippe Delerm. persona-Verlag.2013.

Die Frau im Laden für Taschen und Tassen hatte in Kassennähe die “Bild der Frau” liegen. Die Frauen im Pragbus lasen ein Leichtheft namens “Lisa”. In Wartezimmern liest man, so man Bakterienwiderstand genug hat, alle möglichen Hefte. Der Herr da greift zur “Geo” von vor zwei Jahren, die andere zur “Gala” vom Februar. Ich beschwere mich über meine Leute-in-Schubladen-Steckerei aufgrund ihrer magazinellen Vorlieben bei der Schwester, die das auch kennt.

Wir betrachten diese zarte Altfrau mit Schreibabytherapiegesicht- wir wissen, wo sie arbeitet – dort wahrscheinlich ganztägig froh, dass in ihrem Laden höchstens mal eine Problembabymutter zwischen den Regalen schlendert. Ihre Stimme wird um Nuancen schrillhöher, je mehr man zu teureren Sachen greift. Im Anpreisen sehr gut. Im Hinterraum liegt wahrscheinlich die Apothekenrundschau mitsamt der Landlust, Gartenfreude oder Halbzeit.

Die Schwester läuft Schuhe ein. Neue für mittelschwere Mittelgebirgstouren im Nachsommersauerland. Sie soll noch mal ins Schuhgeschäft kommen, falls was drückt, die haben dort so fette Kugeldrückzangen oder anderes, altes Schuhmachergerät zum Weiten, Drücken, Formen. Wir wollen nämlich nicht, wie eine frühere Freundin, in die neuen Schuhe pinkeln, um sie gängiger zu machen.

Unterwegs überholt ein junger Frühlingsbursche höchst riskant. Ich steck`  mir beinahe die Faust in den Mund vor Schreck. Geburt eines neuen Redethemas. Überhaupt, diese Verkehrsjungs…

Man kann, je mehr sie drängeln, umso langsamer fahren, vielleicht, bis einer seine Lahmarschomipistole rausholt und verärgert rumballert, man kann einfach kurz rechts ranfahren und die Hitzköpfe in aller Ruhe vorbeilassen.

Einmal fuhr ich hinter einem Schlangenlinien-LKW her, traute mich nicht, das Langsamgefährt zu überholen. Der schlug plötzlich stark nach rechts seinen Weg mitten in den Acker ein, blieb stecken, lachte wie verrückt in seinem Führerhaus. So einen nur einmal im Leben getroffen. Besoffen oder bekifft. Oder ein Ringelnatzkraftfahrer mit schrecklich viel Humor.

Darf man im/beim Verkehr lachen? Wo doch das Grimmiggucken mehr und mehr an der Tagesordnung ist…

Wenn Sie ständig unpassend herumlachen, sind Sie eventuell ein Psychopath! Einer vom Geheimdienst hat über solche- jeder kennt mindestens einen- ein Buch geschrieben. Im Anschluss an den Artikel über das Buch gibt es Checklisten für diverse Psychopathensorten. Link im Kommentar.

Wer glaubt noch,

daß uns drüben Korallenbäume erwarten,

und Vögel, die das Geheimnis singen

und ab und zu die beinernen Schnäbel

in rosa gefärbte Wasser tauchen,

und daß man uns abholen wird

zu Gerüchen

nach aufgebrochenen Mandelkernen

und den weißen Wurzeln seltener Pflanzen?

 

Ach, der Tod wird nach Pfeffer

und Majoran riechen,

weil er vorher im Laden beim Krämer saß,

der am silbrigen Schwanz

eines Salzherings erstickte.

(Hertha Kräftner. Entspr. Link im Kommentar)

Freundinnenbegegnungen mit zunehmender Tendenz. Gestern mit einer in der Nibelungenkantine, einer elegant deftigen italienischen Kneipe. In kleinen Holzrahmen Handschriftstückchen einiger früherer Nibelungenspieleschauspieler, Maria Schrader schrieb das von der Nibelungenkantine. Heutzutage ernähren sie sich von Cateringbringspeisen in feinen Zelten im kleinen Park am Dom. Der Restaurantmann erzählt von alten Zeiten, besonders von Mario Adorf. Na ja, so von Italiener zu Halblandsmann.

Vermisse ich die Schulferien? Die Freundin jedenfalls nimmt grade an den Osterferien teil, will nächste Woche um den Bodensee radeln.

Am Abend bei einem kleinen Portportugaler in Kunst gesuhlt mittels der angenehmen WDR-Westart-Sendung. Noch später im neuen Buch einer lieben WDR-Dame trostgelesen: Da geht noch was! Von Christine Westermann.

 

Hoffnung ist nicht die Überzeugung, dass etwas gut ausgeht, sondern die Gewissheit, dass etwas Sinn hat, egal wie es ausgeht.  (Vaclav Havel)

Ich verschlang alle Arten von Büchern, dabei war ich nicht sehr wählerisch. Als meine Mutter “De Profundis” (von Oscar Wilde) unter meinem Kopfkissen im Hotel Majestic entdeckte – ich war 19 Jahre alt -, kam es zu einer heftigen Szene. Ich erklärte, so würde ich nicht weiterleben wollen, und drohte, aus dem Fenster zu springen. Meine Mutter ließ sich von der Drohung nicht beeindrucken, gab mir das Buch nicht zurück und verließ das Zimmer. Sie sagte lediglich, ich hätte kein Benehmen. Dazu gab ich ihr dann unmittelbar einen Grund und schmiss Strümpfe aus dem Fenster. Es war ein symbolischer Akt, der von den Chauffeuren unten in der Avenue Kléber freudig aufgenommen wurde; sie amüsierten sich köstlich.

(Victoria Ocampo. Wochenblatt im April. Arche Literaturkalender 2014)

Der Gartenfrühlingsmarkt war engdrängelvoll mit Rheinhessischen Dekogartentanten und -onkels, auch der barfüßige Waldmensch von der Mosel hatte ein rustikales Ständchen, Biobiobiosämereien in Braunpapiertütchen fein sortiert bot er an. Meine Kräutergartenfreundin wurde ebenso von Kunden gescheucht, so dass ich ihr nur kurze Grußworte zuwerfen konnte.

Getrubelgeflüchtet haben wir uns an den Rhein, denn auch zu den Torkelfresswanderungen in den Weinbergen wollten  wir nicht, zumal sich da oben die Scharen schoben.

Am Rheinstrand vorher nie Gesehenes: zwei Herren mit seltsam altertümlichen Gerätschaften schienen gemütlich beschäftigt mit der Goldwäscherei. Ob der Nibelungensagenhagen derlei ahnte, als er das große Ding in den Fluss warf?

Ein Stück weiter unterhalb des Dammweges stand eine halb geöffnete Jugendstilwinzerhofstür im seichten Plätscheruferwasser, davor eine barfüßige Schönheit von Weinprinzessinsart. Fotosession unter dekorativen Uferweidenzweigen.

Später hörte ich das Geräusch von rausstehenden Holzterrassenplanken, die einen zarten Kinderbauch im Runterstürzen streiften und verletzten. Das Kind lag unten im Sand, brüllte und hielt sein Eis in die Höhe, instinktiv. Zum Glück der herbeigerasten Mutter keine schwere Verletztung. Der Schreck eben.

Das Rheincafe ist ein Integrierbetrieb, was zu längeren Wartezeiten oder auch Servierirritationen führt. Macht nichts, man schaue sich die herausgeputzten Frühlingserwachmenschen an. Besonders viele ältere Damen, merkwürdig schrill aufgetakelt, was hier am Fluss nicht nötig wäre. Vielleicht kommen die vom Torkelweinbergsfest und wurden auch da nicht mit dem Älterwerden und ihrer Marktwertsverringerung fertig?

Auf dem Rhein, dem stillen, alten, lieferten sich zwei Schiffshobbyporsches ein Wettrasen, viel zu laut,  doch was zum Hingucken. So soll`s sein. Soll`s so sein?

“Der Traum gibt sich nie mit Kleinigkeiten ab; um Geringes lassen wir uns im Schlaf nicht stören.” (Aus: Freud wörtlich. Zitate und Aphorismen. Brandstätter.Wien 2011)

 

Im mir sehr bedeutungsvollen Roman “Der Trafikant” (Seethaler) lernt die Hauptperson Herrn Freud persönlich kennen, besorgt ihm Zigarren und verbringt sonderbare Zeiten mit dem älteren Herrn. Fortan schreibt der junge Mann seine Träume auf. Jeden Morgen hängt er den jeweiligen Traumaufsatz  der vergangenen Nacht an die Schaufensterscheibe seines Ladens…Manche Kunden oder auch Passanten sagen etwas dazu.

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