Auf dieser Erde

 

Zwei Pferde gingen bekümmert

im Gänsemarsch durch den Schnee.

Sie traten in ein Gartenhaus,

das hatten sie selber gezimmert.

Dort zogen sie ihre Halfter aus

und tranken Kaffee.

Doch unter dem Deckel der Zuckerdose

fanden sie keine süßen Brocken,

fanden sie eine Herbstzeitlose

mit angezogenen Knien hocken

(sie hatte sich vor dem Frost verkrochen

und sah nun mit blaßlila Augen her).

Ich kann nicht mehr,

sagte das eine der Pferde,

es ist alles so Winter auf dieser Erde.

 

(Josef Guggenmos. In: Die Meisengeige. Zeitgenössische Nonsensverse. Hrsg. von G.B. Fuchs. Fischer Bücherei Frankfurt 1968)

Neben den Klos liegt ein Stapelchen Lockerlektüre. Neben Stadtmagazinen und Buchkatalogen Zwischendurchbücher. Beispielsweise das kunterbunte Wirrwarrbuch “Butter, Brot und Läusespray” von Wigald Boning. Was Einkaufszettel über uns verraten. Jahrelang hat der Kerl nahe Supermärkten und sonstwo die skurrilsten Werke aufgehoben, entknüllt, fotografiert und zu jedem Zettel Passendes geschrieben. Auf einem steht: Patch Kabel – Kies – Hamster anmelden – Musik kopieren – PZ. (Vielleicht wird der Hamster beim Supertalent von RTL angemeldet, usw.)

Ich greife auch gern nach solchen Knüllpapierchen und bin enttäuscht, wenn darauf ordentlich und korrekt einfach nur ein paar Lebensmittel stehen, lustiger wäre doch Tasimo, Kwaak, Druggerpapir.

Ein anderes Klobuch: Fallgruben für Kopf-Füssler. Eurekas Mathematische Spiele. Von Marie Berrondo. Ein Rätsel aus dem Bereich “Wo man die gute alte Geometrie wiederfindet”:

Nr. 28 Tangenz:  Zwei Kreise tangieren sich außen. Durch ihren Berührungspunkt führt man zwei Geraden, die beide Kreise in vier weiteren Punkten schneiden. Welche Art Viereck erhält man, wenn man diese vier Punkte miteinander verbindet?

Secondhand

 

Langer Mantel solide

klassisch geschnitten

schwarzes schweres Tuch

tadellos verarbeitet

Passt

 

Ich drehe mich im Spiegel

perfekt

So einen Mantel wollte ich

schon lange

 

Als ich in die Taschen greife

fühl ich ein Tuch und ziehe

eine Hakenkreuzbinde

sorgfältig gefaltet

gebügelt

 

Erschrecken am Es

und Schock über meine Begeisterung

für den Mantel

und wie er passte

wie angegossen

 

(Otto Jägersberg. In: Heimliche Gedichte. Ausgewählt von Daniel Keel und Daniel Kampa. Diogenes Zürich 2007)

Luisa Francia (s.Blogroll) albert ein wenig mit ihrer alten Mutter rum, nennt sie eine Sau und sie lachen auch noch drüber. Herrlich!

Bei “Gestreift” (auch Blogroll) gibt es wunderbare Fotos- und einer ist anonym damit nicht glücklich. Ein “Troll” vielleicht?

Ich sehe irgendwo eine Überschrift – “Eine dünne Frau kann sehr teuer werden” – dazu fällt mir Peter Paul Rubens ein, und wie mir die Museumsfrau in seiner und meiner Heimatstadt erzählte, dass vor einem Gemälde von ihm seinerzeit die Lehrer ihre Mäntel ausbreiteten, damit die Kinder das nicht sähen. “Caritas Romana” heißt das Bild.

Heute im kleinen Städtchen durch engste Gässchen flaniert, die Morgensonne strahlte echte Romantik über die alten Pflastersteine. Ein Mensch rannte im Gegenlicht an Langgässers Geburtshaus vorbei, sah einsam aus.

Erst der Büchermarkt vom Altstadtverein, danach der erdweinzimtige Tontöpfermarkt, so unwinterlich diesmal alles. Vor dem Eiscafe nahmen ganz selbstverständlich sonnenbebrillte Raucher Platz und niemand fror.

Jetzt fällt mir kein Abschluss ein, also nehme ich irgendein Buch und zitiere irgendeine Zeile daraus:

“…denn das Web-Volk spricht einen Jargon, den nur die Eingeweihten kennen…” (Corinne Maier: Die Entdeckung der Faulheit).

Märchenbuch 1

 

Als Pappa aus dem Wald

nach Hause kam, hatte er sich

einen Wolf und zwölf Rotkäppchen

gelaufen. Neuerdings reißt er

das Maul auf

und steigt allen Großmüttern nach.

 

(Günter Bruno Fuchs. In: Mädchen, pfeif auf den Prinzen. Märchengedichte von Günter Grass bis Sarah Kirsch. Diederichs Kabinett. Köln 1983)

Beim Frisör sollte ich unbedingt in die Kundenkartei

Gern wie Lily Brett

Wenn du das noch mal

Im November an die Toten

Winterreifen sind schon

Wirst du in deinem goldenen Charlestonkleidchen

Die Träume von immer den gleichen, tiefen Wegen ins

Israel will ich noch immer

Muss das sein um fünf Uhr

Da krieg ich feuchte

Wie eine Motte scheute sie

Darf der Winterjasmin schon

Freiwillige Deichwachen müssen

Berührungen werden selten, dann, wenn

Das Kind steckt seine kleine Hand in

Unsere Landschaften

 

Jetzt blühn in den Häusern die Fernsehgeräte.

Am Anfang der Nacht – lieblicher Drachen, Samtdecken und schwarze Pferde -

am Anfang der Nacht schlägt atemberaubend in den Wiesen die Drossel,

während der Schnellzug langsam aus der Bahnhofshalle rollt;

aufgeblühte Mimosenzweige,

Schlösser hinter dem Jasmin.

 

(Erich Sobeslavsky. In: …und ist der Ort, wo wir leben. Eine Heimat-Anthologie. Hrsg. Fred Reinke. Union Verlag Berlin 1987)

In einem schönen Interieurgeschäft mit Serviettenzeugs und Zuselkram war ich heute, da wollte die Halbtagskraft nicht heim. Wohin sie aber von der Chefin geschickt wurde.

Mir fielen die Kinder ein, die nach der Schule nicht nach Hause gehen wollten. Dort wartete Ungemach oder niemand.

Einmal brachte ich einen Jungen bis vor die Haustür, weil er sich beim Sportfest den Fuß umgeknackst hatte.

Nach seinem Klingeln begann die Kreischmutter hinter der Tür zu schreien: Mach dich fodd, komm mir bloß net unter die Aache! Hau ab- und sie warf noch was von innen gegen die Tür.

Als ich klopfte und rief, öffnete sie beschämt, zerzaust, mit roten Augen. Der Junge humpelte an ihr vorbei. Zu essen gab es nichts.

Stromwärts

 

Unendliches Tätigsein: Städte

Erbrechen unter Fluten des Lichts

Mülldeponien wie kalbende Gletscher. Wohin

Gehen wir? Unsere Zukunft

Hat keinen Nannen, Blechlawinen

Zermalmen den Tag, neben Containern

Gibt sich der Auswurf des Viertels

Den Schuß. Ich such einen Ort

Für die Liebe, ich

Finde ihn nicht. Stromwärts

Fliehen wir über den Friedhof,

Im Ufergebüsch

Klagen die Rheintöchter, Blut

Hat ihre Schuhe gefärbt, in denen

Die Schwimmhäute eingezwängt sind.

Gegenüber von Koblenz

Halten wir an. Wir

Haben noch eine kurze Zeit vor uns, der Winter

Verlegt uns mit Regen und Nebel den Weg, wir

Kommen noch einmal auf und davon.

 

(Heinz Czechowski. In: In diesem Land. Gedichte 1990 – 2010. Hrsg: von Michael Lentz und Michael Opitz. S. Fischer Frankfurt 2010)

Im Traum dieser Kuss, zart über den Nacken gestreift. Heiß! Die Härchen stellten sich, die Bettdecke flog hoch. Ich fragte den alten Freund: Mensch, David, woher kannst du das bloß so gut?

Dabei kann das jeder, und jede kann davon träumen.

Im Radio meinte einer, wenn man sich die Gesichter von Terroristen anschaue, könne man sehen, dass es ganz normale Leute seien, nur hätten die ihre Sehnsucht nach Liebe verloren.

Andere Überlegungen: Wie konnte der Seelenarzt, zu dem wir vor vierzig Jahren gingen, sofort erkennen, wie verhungert ich war, dass ich einen “roten” Großvater hatte, dass ich mich schon unendliche Male selbst verletzt hatte, dabei gekleidet wie die Geierwally einher ging – wie hat der das gemacht? Und mir erstmal als “Übungspartner” einen mit ebenfalls einem “roten” Großvater gab, der heute ein bekannter Gewerkschaftssprechvorsitzender ist.

Kopfschüttel, Kopfschüttel – es wundert mich noch immer. Ach ja, ich sei in einer Mafiafamilie aufgewachsen, das wusste er auch sogleich. Damals trug ich wohl meine verhungerte Muffinseele arglos spazieren.

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