Männer werden ohne Frauen dumm,

und Frauen welken ohne Männer.

(Anton P. Tschechow)

Früher nie.

Jetzt immer.

Aber was,

wenn nicht mehr?

 

Wenn das kryptisch klingt, soll es. Lassen wir das so stehen?

Gestern auf dem Gartenstühlchen herzlich gelacht beim Lesen von Glattauers “Wunderübung”. Schlitzohrbuch, klasse Komödie.

Und ich wurde frech, meinem Garten gegenüber. Keine Lust, diesen Scheißgarten zu bearbeiten, auch nur, das darbende Ländchen zu gießen. Durch Nichtbeachtung quälen. Das hat er nun davon.

Wasser dennoch bitter nötig. Was jammere ich über drei Wochen Regenlosigkeit, las ich doch, dass Ende des 19. Jahrhunderts Rheinhessen unter einer

fast drei Jahrzehnte währenden Trockenheit litt, wobei zahlreiche Quellen versiegen mussten (versogen sind?).

Ganz oben das mit dem “Früher nie. Jetzt immer”, das bezieht sich auf die mühsame Bestätigung des Buchtitels “Es ist nie zu spät, eine glückliche Kindheit gehabt zu haben”.

Mann, Mann, Mann, das hat knapp dreißig Jahre gedauert, war wahrlich oft fetzverzweifelig, am Rande der Seelenklippen, äußerst absturzgefährdet.

Ja, wollen Sie nicht mal Hormönchen oder Antideppressiönchen probieren, das würde doch Vieles erleichtern? Ihr blöden Händler, Ihr Persönlichkeitsanpasser, Ihr Unterwasserdrücker.

Nein!

Was Chemieeingriffe bedeuten, hatte ich mittels Pubertäraufputschzeugs gelernt. Zum Glück immer wieder gut ausgekotzt. Nach ein paar Freundestoden “Nie wieder!” geschworen. Eingehalten.

Von hinten betrachtet, ward`s endlich gut.

Worte sind wild, frei, unverantwortlich

und nicht zu lehren. Natürlich kann man sie

in alphabetischer Reihenfolge in Wörterbücher

stecken. Aber dort leben sie nicht.

(Virginia Woolf. Kalenderwochenblattaufschrift für diese Woche. Literaturkalender Leselust 2014. Korsch Verlag)

Stets sind Gespräche im Wald

 

Stets sind Gespräche im Wald:

Bald winkt Dir ein Blatt,

Das Dir etwas zu deuten hat.

Bald sitzt ein Käfer an Deinem Ärmel und blinkt.

Sein Flügelein blitzt wie ein Liebesgedanke,

Der augenblicklich wieder versinkt.

Die Mücke singend ums Ohr Dir schwebt,

Wie Sehnsucht, die vom Blute lebt

Und Dir von Deinen Poren trinkt.

Wo der Wald sich lichtet,

Steht ungeschlachten Scheitholz geschichtet,

Weht Rindengeruch, der von Bränden dichtet.

Bleibt in den Kleidern Dir lang noch hocken,

Als will es Dich ins Feuer locken.

 

(Max Dauthendey. In: Der Wald. Gedichte. Reclam 2008,2014)

In der Tageszeitung lese ich, dass es nur mit vorheriger Genehmigung der Wasserbehörde erlaubt sei, aus oberirdischen Gewässern für Gärten, Grünflächen oder Felder, Wasser zu pumpen, besonders aktuell geworden durch die nun schon lange anhaltende Trockenheit in unserer eh so regenarmen Gegend.

Jeder darf jedoch mit Krügen, Eimern oder Gießkannen das nährende Nass sich holen.

Zum Glück haben wir ein paar große Regenwassertonnen, die unser ehemaliger Limnologenmitbewohner irgendwo besorgte. Aus denen heraus schöpfen wir und die staubigen Gartenkrumen saugen gierig unendlich durstig, da noch windgeplagt, auf – grade mal, dass wir kein Gurgeln oder Lehmbodengeschmatze hören.

Was der Wasserkundler schon vor dreißig Jahren meinte, dass es irgendwann in naher Zukunft Kriege geben würde um sauberes Wasser….

Da scheint es kaum witzig, dass die reiche Winzersfrau von gegenüber neben dem Klo das alte Badewasser zum Spülen aufbewahrt, und ich mit meiner Bettflasche von vorgestern die Blumen im Haus erfreue. Früher dachte ich über Leute mit derlei Verhaltensweisen, dass das Kriegsrelikte wären…

Wenn du singen könntest, Schmetterling,

hätten sie dich längst

in einen Käfig getan.

 

(Matsuo Basho)

Die Telegrafenstange

 

Wie oftmals legten wir als Kind die Wange

voll Staunen an die Telegrafenstange,

erlauschend dort in dem Gesumm`, Gesinge

so seltsam wunderferne Dinge:

der Freude Jauchzen und der Nöte Flehn,

die Nacht wie Tag um unsre Erde gehn.

 

Wir horchten, bis die Klugen uns verlachten

und uns zu der Erkenntnis brachten,

daß das, was unser Herz erlauschte,

als Ostwind in den Drähten rauschte.

 

Seit jenem Tage stehen stumm und tot

die hohen Stangen an des Weges Rand,

der Freude Jauchzen und der Ruf der Not

rauscht unbelauscht in kalten Drähten über Land.

 

(Aus: Nie kommt etwas von ungefähr. IPF.Verlegt bei Eugen Salzer. Heilbronn.1951)

“…wie inmitten tausend dumpfer Menschen immer nur einer zum Dichter wird und nicht darum auch, wie gerade und warum dieser eine es wurde inmitten von uns allen und in ebendemselben Umlauf der Zeit. Wundervoll genug schon, dies allezeit wieder Unverhoffte sich auszudenken, daß das Erlebnis des Dichters immer und immer wieder der Menschheit geschieht, und auszudenken, daß dieser unser Zeitbruder einer war aus so königlichem Geschlecht, daß in diesem schmächtigen scheuen Knaben, umschnürt vom blauen Kadettenkleid, unterhalb der wachen Sinne und inmitten seines Bluts irgendein Strömen begann, das später wundervoll einbrach in unser Gefühl, darin es nun nachrauscht, so großartig gegenwärtig noch, daß jeder von uns, jeder, irgendeine Strophe oder ein Wort von Rainer Maria Rilke unbewußt in den Sinnen hat, einen Atemzug Musik von ihm, der nicht mehr atmet und spricht und doch länger da sein wird als unser aller unbeträchtliches Dasein und Weiterleben.

(Aus: Stefan Zweig “Abschied von Rilke”. Wunderlich Verlag 1952. Diese Rede zu Ehren Rainer Maria Rilkes wurde bei einer Gedächtnisfeier am 20. Februar 1927 im Staatstheater zu München öffentlich gesprochen.)

Wenn man in meiner Blogroll zum “Mühlenblog” wandert und klickt, da sind auf dem letzten Gedichtwäscheleintuchbild Frühlingsworte von Rilke, so schön!

Indem er das Gefühl für das Leiden in die Welt

gebracht hat, hat Jesus Christus die Leidensfähigkeit

enorm erhöht. Sein Tod war der Tod der heidnischen

Gesundheit, physisch und moralisch. Die Neurose

kommt von Golgatha.

(Rabe-Kalenderblatt vom Karfreitag 2014. Aus dem Journal der Brüder Goncourt, deutsch von Cornelia Hasting)

Überall sprießen jetzt wieder die Phrasen. Besonders an den Ostermahlstischen, weil man einfach irgendwas quatscht, weil völlige Stille zwischen fünfzehn Spargelessern oder Schwarzwälderkirschgenießern peinlich wäre.

Reichst du mir mal die Soße rüber!

Im Hinterland von Mallorca hat es SO schöne Ecken!

Mutti hat sich wieder selbst übertroffen!

Vorsicht, der Teller ist sehr heiß!

Die Tante Gerda bringt aber auch nichts aus der Ruhe!

Fahr vorsichtig und setz deine Mütze auf!

Oh nein, Kuschelrock!

Kennt man alles – und hübsch besprochen werden solche Plattitüden in diesen Büchern:

“Der moderne Spießer”. Über die Autoren: Charlotte Förster und Justus Loring arbeiten als freie Journalisten und leben im Epizentrum des modernen Spießertums – Berlin-Prenzlauer Berg. Sie verabscheuen Rauhfasertapete, Discounterlebensmittel und Krieg. (www.tropen.de. 2014)

“Vorsicht, der Teller ist heiß! Phrasen für alle Lebenslagen”. Philippe Delerm. persona-Verlag.2013.

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