Heute kam wieder ein handgeschriebener Brief in einem gefütterten Briefumschlag. Etwas Feines zwischen dem Werbe- und Rechnungskram. Post von einem, der mir “Kultur” beibrachte, damals schon, als er die pferdeschwanzwippende Zeitungsausträgerin zu lieben begann, meine Cousine. Manchmal stecken seine Briefe auch in so umsonstenen Fußglückwunschmalkartenumschlägen. Die haben kein Feinknitterfutter, dafür sind Hirsch- oder Kerzen-oder-Blumenaufkleber drauf. Andere intellektuelle Kulturmenschen machen das nicht, zeichnen auch keine Käferchen oder Pferdeköpfe außen drauf. Wie sehr mag ich solche Nichtglattmainstreammenschen! (Herr Ärmel, Herr Ärmel!)

Heute mit der Freundin im Cafe Affenhaus (Ja, Gabriela, dort an Dich gedacht!). Die Kunst an den Wänden erinnerte an meine Pubertätsmalereien, bisschen Meskalin drin! Blöd ist, dass man im Cafe rauchen darf- was auch welche taten, und das für die Freundin, die grad einen erzwungenen Entzug hinter sich hat, übel war. Trotzdem blieben wir für einen Herzklapperkaffee. In die Umsonstbücherkiste schaute ich noch. Heute unerfolgreich.

Im Buchladen um die Ecke hatten sie keinen lustigen Borkumkrimi, den wollte meine Freundin einer Inselliebhaberin schenken, dafür diese kitschigen Stadtansichtskarten mit Glitzer drauf und Engelchen, die um die alte Rheinbrücke schweben.

Daheim noch schnell vor dem frühen Dunkelwerden ein paar schon halb skelettierte Lampionblumen im Herbstdunstgarten geholt, um sie dekorativ zwischen meine bekramsten Fensterbanksachen zu legen. Vielleicht bin ich eine alte Kitschkuchenromantiktante, aber einen Königspudel und zierliche Hausschühchen mit ausführlicher Quaste in rosa habe ich nicht.

Und der Tag mit der Freundin ließ uns uns genüsslich im Altfreundschaftshängenetz suhlen.-

Kleine Sonne

 

Kleine sonne krank

steckt den himmel an.

 

Nebel fiebern auf

in der hügelstatt.

 

Und die wolke frißt

schwarz des mondes knie.

 

Kleine sonne krank.

 

(Johannes Poethen, ebd.s.o.)

Gelbes lachen

(für L.S.)

 

Ein gelbes lachen flattert

gegen die wand meiner schwermut.

 

Der tag liegt unter den lidern tot

nebel verschwiegen sein seufzen.

 

Ein gelbes lachen schneidet seine flügel

an der geschärften stille.

 

Wird sich die wunde vergessen?

 

Mein ohr ist kein nest mehr.

 

(Johannes Poethen. In: Der weiße Nebel wunderbar. Gedichte. Hrsg. Christine Hummel. Reclam Stuttgart 2008)

Dorten der Autoschlüssel geht nicht mehr mit nur Drücken, dann ist alles auf oder zu. Deshalb wollte ich einen neuen haben. Der KFZ-Hausmensch gab mir Auskunft, sagte die Überschrift, und dass es um die zweihundert Euro koste, das “Anlernen” fünfzig extra. Och, da verschließe ich noch `ne Weile mein Auto fein per Hand. Beim mir bis dato im Zusammenhang mit Autoschlüsseln unbekannte Wort “anlernen” stellte ich mir kurz einen vierzehnjährigen Lehrling mit Segelohren und zu großem Blaumann vor, geschimpft vom Meister, weil er das mit irgendwas nicht hinkriegte.

Noch was mit ´nem Schlüssel. Wenn der Babyenkel die Schritte seines Vaters auf der Treppe hört und wie die Tür aufgeschlossen wird, freut er sich zappelaufgeregt, lacht und juchzt und kräht.

Wie kann das sein – ist das doch ein Geräusch, das mir und meinen Geschwistern noch immer bis in die Knochen fährt. Wenn Vater heimkam, gab es Prügel. Vorher diese Panik und Bauchweh. Die Mutter lieferte die sträflichen Geschichten ans Vatergericht – und uns aus…

Verschieden wirken simple Geräusche lebenslang.-

Schlüssel – dazu gibt es Millionen Geschichten, Denksprüche, Fotos. Wir haben hier im alten Haus noch so ein paar riesige, wie für `ne Kirchentür beinahe.

Die Himmelstür, mach schon, mach auf.

Eine Kollegin früher hatte ein kleines Kind aus einem rumänischen Heim adoptiert. Dieses beschäftige sich endlos mit Türen, wir konnten eine ganze Konferenz abhalten und es wurde nicht müde, die Lehrerzimmertür leise auf und zuzumachen.

 

Vor dem Winter

 

Kein Himmel in der Frühe,

nach halben Schritten wird es still,

und wie das Blatt vom Baume fiel,

verzuckt ein Lichtlein ohne Will`,

grämt sich und hat nicht Mühe.

 

Es will der Tag nicht raten.

Als löste sich von unserm Mund

das Blatt, so sind die Worte wund.

Im Nebel rinnen Stund um Stund,

verrinnen unsre Taten.

 

Allein in letzter Höhe

steht noch ein Blatt und zittert bald

und wird im Sterben voll Gestalt;

ein Wind als wie ein Messer kalt

nimmt auch das letzte Blatt.

 

(Konrad Weiss)

Gestern gelesen, dass man an einem Feld in Bayern scheußliche, nicht kleine Unrathaufen fand, sich auf die Lauer legte und entdeckte, dass in der Nacht ein Fernbus dort hielt und schnell, schnell der Busfahrer die volle Toilette dorthin leerte.

Das werde ein immer größeres Problem, weil es nicht geregelt sei, wie die Busfahrer verfahren sollten. An Raststellen zu warten, bis dreißig bis fünfzig Leute auf dem Klo waren, geht nicht, sie müssen Zeiten einhalten. Manche machen es also wie der mit dem Feld, andere stellen sich genau über ihnen bekannte Gullys, wieder andere fahren einfach mit dem immer geöffneten Dings los. Unappetitliches Thema. Wenn da nicht dieser Artikel gewesen wäre, hätte ich nie drüber nachgedacht.

Auch nicht über das, was einer heute im Radio sagte über die auf den Straßen taumelnden Jugendlichen. Gebannt starren sie beim Gehen auf ihre Handys, man muss aufpassen, nicht mit ihnen zu kollidieren. In London, so wurde berichtet, würde man damit beginnen, die Laternenmasten zu wattieren!

Menschen in innigen Gesprächen, auf Wegen, Straßen, Cafehausstühlen, ohne das Zucken der Hände nach dem Gebrummsel in der Manteltasche; die hermeneutische Sprachidee der Romantik…(schöner Ausdruck, in meinem geliebten Fachbuch gefunden: “Poesie und Therapie. Über die Heilkraft der Sprache. Von Hilarion Petzold, Ilse Orth (Hrsg.). Junfermann. Paderborn 1985)

Die Kinderkrankheiten der Seele brechen erst bei den Erwachsenen aus.

(Hans Weigel)

Soll ich auch so werden?

Die Mutter redet wieder wirres Zeug.

Bei Candy Bukowski stehen Lebenswertsachen, auf Kärtchen schreiben, dann staunen.

Wir kampierten an steiler Autobahnauffahrt. Kann es schönere Orte geben? – War ja nur ein Traum!

Die Ersatzmutter in ewiger Kittelschürze im “Schluckspecht” erinnert mich an meine Rauchsauffurztante, herzensgut und ewig dienend.

Einige gestandene Mitmütter haben plötzlich Angst vor ihren erwachsenen Söhnen. Die brauchen nur mal schräg gucken…

Die Herbstblätterflutschimpfnachbarin liegt wohl mehr als dass sie den Pinzettengriff in ihrem Winzerhof üben könnte.

Die Hoffeste, die Kirmessen, die Mantelsonntage ebben ab, nun steht schon das Allerheiligenkarussell.

Heute wäre Dylan Thomas hundert Jahre alt geworden; da war Alk der Segen, Fluch eben und hieß der nicht Milch?

So manche alte Lehrerin hat nun in den Ferien mehr zu tun wie früher, sie muss Entertainerin der Enkel sein. Die Eltern müssen ja arbeiten.

Lena Odenthals Leidensgesicht gefällt vielen nicht. Heiterkeitsgernleistungspflicht. Besteht.

Sich auftauchenden Starkmännern an den Hals schmeißen, damit ist jetzt Schluss. Das Sichselbstbeeltern kommt doch bitte auf dem höchsten Häufigkeitspunkt an.

Denis Scheck haute viele Dickseichtbücher in die Tonne. Leicht gepfeffert mit kritischsten Irritationskurzrezensionen.

Ramschock. Flockblöte. Gerzenshüte. Tebelnage. Bastanienkaum. Faternenlest.

Ach, erstmal frühstücken.

“Nun lasset uns die feste, starre Hülle Alltag sprengen.”

 

(Aus “Schluckspecht” von Peter Wawerzinek. Galiani Berlin 2014)

Überlegungen beim gemeinsamen Bad, in was man sich alles legen könnte:

in puren dicken Badezusatz, in grünen Wackelpudding, in Creme Brulee- wobei man einen Riesenzuckerkrustenbrenner bräuchte-, in Heringintomatensauce, in sanften Akazienhonig- immer igittere Ideen tauchten im Quietscheentchengespritze auf.

B.B.King besang Frank Sinatra und Mahalia Jackson. Blues, Sekt und Kerzenlicht beseligten uns, einmal pro Nachttag sollte man die Quälwelt vergessen und nur noch auf “schönheimelig” machen. Genau.

Der Tag vor der Zeitumstellung war intensiv, wie es mit einer Freundin seit Schulzeiten nur sein kann, und sie hatte noch so viel zu sagen, bevor sie durch die kommenden Heilverfahren eventuell eine Weile ohne Sprache sein wird.

Und der Mensch Jürgen Becker, der gestern in Darmstadt den Georg-Büchner-Preis bekam, sagte in seiner Rede ungefähr: Wenn Büchner heute leben würde, hätte er vermutlich geäußert:

Friede den kleinen Buchläden, Krieg dem Versandriesen!

Und man kann sich eine schöne Hundehütte basteln:  http://www.architecturefordogs.com

Eine interessante Kunstausstellung scheint diese zu sein:  http://www.schirn.de/HELENE_SCHJERFBECK.html

Mein Lieblingsbild, auch auf dem virtuellen “Flyer” zu sehen: Die Genesende. Das habe ich vor ein paar Jahren einer Freundin per Postkarte geschickt, als sie gerade eine Genesende war und als Mädchen so ähnlich ausgesehen haben muss.

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